Im alten Portugal bestimmen Fels und Kork das Bild

Nicht nur die Küste der Algarve ist für Urlauber interessant, sondern zunehmend auch das Hinterland.
Nicht nur die Küste der Algarve ist für Urlauber interessant, sondern zunehmend auch das Hinterland.
Was wir bereits wissen
Im Hinterland der Algarve stehen viele alte Eichen, aus deren Rinde Kork gewonnen wird. Langsam entsteht dort auch eine touristische Infrastruktur.

São Brás de Alportel.. Der alte Baum bekommt selten Besuch. Manchmal nur wandern ein paar Urlauber mit Picknick-Rucksäcken vorbei, ganz selten breiten sie ihre Decken unter ihm aus. Inzwischen nehmen sie meist andere Wege, seit der Wind in einer stürmischen Sommernacht einen hölzernen Pfeil umgeworfen hat und Thymian und Rosmarin den einstigen Wegweiser nun überwuchern. Aber José Galego schaut ein-, zweimal im Jahr vorbei. Er braucht kein Hinweisschild, kommt seit Kindheitstagen, kennt den Baum, seit er denken kann. Er streicht dann fast zärtlich mit der rechten Hand über den Stamm, hält die Nase ganz nah an die schorfige Rinde heran, und für eine Sekunde sieht es so aus, als wollte der alte Mann die knorrige Eiche küssen. Galego schaut den Stamm hinauf, schnuppert an anderen Stellen, streichelt wieder. Und macht sich am Ende eine Notiz.

Manchmal hockt er sich anschließend hier ins Gras, lehnt dann seinen Rücken an den kräftigen Stamm, holt Wurst und Brot und Käse heraus und macht sein Picknick, hält manchmal auch ein kurzes Mittagsschläfchen, während die Sonne hier im Hinterland der Algarve durch die Blätter blinzelt. Als ob der Baum und er alte Freunde wären. Alle neun Jahre bringt Galego eine spezielle Schäl-Axt und einen Traktor mit Anhänger mit. Dann ist er zur Ernte da, nimmt seinem Baum und ein paar Dutzend anderen in dem Waldstück hier bei Farrobo, eine halbe Autostunde von Faro, die Rinde ab.

Ein zärtlicher Kumpel

Er erntet den Kork – und achtet dabei genau darauf, die unterste Zellschicht nicht zu verletzten, damit alles wieder nachwächst und er möglichst lange und möglichst oft ernten kann. Und möglichst viel. 150 Jahre alt kann so ein Baum werden – und bis zu 18 Mal geschält werden.

Hat er die Rinde abgetragen, klopft er den großen Baum zärtlich, als wären sie alte Kumpel, die sich jetzt länger aus den Augen verlieren würden und doch sicher sind, dass es eines Tages ein Wiedersehen geben wird. Galego sprüht mit Farbe eine Jahreszahl auf den Stamm oberhalb der Erntegrenze – die 13 für 2013. Zur nächsten Ernte im Jahr 2022 wird jemand anders kommen. Galego wäre dann fast 90. Aber zwischendurch wird er vorbeischauen, zum Streicheln und Schnuppern, um zu schauen, wie sich die Rinde entwickelt. Um seine Notiz zu machen. Und um mit dem Rücken an den alten Baum im dünnen Gras zu sitzen und zu entspannen.

Ein Stück altes Portugal in modernen Zeiten

Die Wälder hier im Süden Portugals sind eher Haine als Dickicht, viele Korkeichen ganz gut zugänglich. Sie sind Nutzland, und die Bäume brauchen wenigstens gewissen Freiraum, um reichlich Rinde zu entwickeln. Seit Jahrhunderten ernten Kleinbauern hier Kork und verkaufen das Rohmaterial an weiterverarbeitende Betriebe. 60 solcher Fabriken gab es hier noch vor zehn Jahren. Sechs sind es heute geblieben, weil die Nachfrage nach Kork rückläufig ist.

Was aus den Wäldern werden soll, wenn ihr Rohstoff nicht mehr gebraucht wird? Aus diesen grünen Bändern, die sich scheinbar endlos weit über sanfte Hügel spannen und zwischen denen manchmal eines dieser kleinen Dörfer mit den kopfsteingepflasterten Straßen und den weiß getünchten ein- und zweigeschossigen Häusern kauert. Mit Tante-Emma-Laden und Bar. Nichts, so lange niemand das Land für etwas anderes braucht. Das wäre das Beste, jedenfalls für das Gesicht dieser Gegend. Es würde ein Stück altes Portugal in eine neue Zeit retten. Der Tourismus kann dabei helfen. Deshalb werden nun Wanderwege ausgeschildert, Bereiche unter Naturschutz gestellt – und deshalb ist die touristische „Route des Korks“ ins Leben gerufen.

Heimlicher Kuss unter der Eiche

César Correia gehört die Korkfabrik „Novacortiça“, er setzt auch auf die Ideen seiner Tochter: Sie hat Handtaschen aus Kork entwickelt, setzt das flexible Material wie Leder ein, sogar Korkfußbälle gibt es nun.

Ob er als Fabrikant eine Beziehung zu den Bäumen hat? Er schaut kurz irritiert, antwortet dann: „Oh ja, nicht zu jedem zwar. Aber zu einem ganz besonders. Zu der Korkeiche, in deren Schatten ich erstmals meine künftige Frau geküsst habe. Heimlich, weil die Eltern noch nichts wissen sollten.“ Den Baum gibt es noch heute. Sie gehen an den Feiertagen mit ihren Kindern dorthin, nehmen Picknicksachen mit. Und manchmal kommen Fremde vorbei, die kurz grüßen: die ersten Wander-Urlauber auf Tour durch die Korkeichenwälder.