Hunsrück-Hochwald - der wild-romantische Anti-Zoo

Auch die Moselschleife bei Leiwen ist Teil des neuen Nationalparks.
Auch die Moselschleife bei Leiwen ist Teil des neuen Nationalparks.
Was wir bereits wissen
Brandneu und zugleich uralt präsentiert sich Deutschlands jüngster Nationalpark mit dem Namen "Hunsrück-Hochwald". Hier leben sogar noch Wildkatzen.

Hahn.. Vor Ihnen steht praktisch ein Porsche. Und der bleibt ab sofort in der Garage.“ Ob Reiner Philippi sich nicht doch noch einmal gerne ans Steuer setzen würde? Wer wollte es einem Mann verübeln, der Jahrzehnte mit der Motorsäge zum Dienst ging. Jetzt ist er Ranger. Sein Arbeitsplatz: der jüngste Nationalpark der Republik, der Pfingsten offiziell eröffnet wurde.

Und wo bitte steht hier mitten im Maiwald der Porsche? Ranger Philippi lenkt den Blick aufs hundertfach linde Grün. Wir hätten es ja am sanften Krachen der Eckern unter unseren Füßen schon merken müssen: Buchen! Um uns herum bester deutscher Bestand. „Ab 100 Jahren aufwärts sind die alt.“

Die Wildkatze sieht uns, aber wir sie nicht

Der Porsche unter den Waldbewohnern. Und ab sofort wird ihnen kein Sägezahn mehr an die Rinde gehen. Denn wir stehen im „Hunsrück-Hochwald“. Es ist die Nummer 15 der deutschen Nationalparks. In kalten Zahlen: 90 Prozent Rheinland-Pfalz, zehn Prozent Saarland. 10.000 Hektar. Das Ziel hat einen langen Atem. Erst in 30 Jahren – hofft und sagt man – wird er in seinem grünen Kern sein, wie er soll: Ein Ur-Wald, in dem Bäume so alt werden, wie sie können. Ein Ort aus Totholz und Mulmhöhlen, aus den typischen, aber bedrohten Hangmooren und gewaltigen Stein-Formationen aus Taunusquarzit. Man lässt die Natur in Ruhe – und mit ihr die seltene Wildkatze, von der so viele sprechen und die fast nie einer sieht. Nicht einmal die derzeit 17 Ranger, allesamt Forstwirte, geschult als Wächter und Informanten, was von „Borkenkäfer-Monitoring“ bis zur kostenlosen Führung eine Menge bedeutet.

„Die Wildkatze sieht uns – aber wir sehen die Wildkatze nicht“, sagt Reiner Philippi. So scheu sei sie, so clever getarnt. Wir sehen sie aber doch, mit etwas Gatter. Oben unter der Wildenburg treffen wir ein Wildkatzenpaar. Die beiden sind sesshaft geworden im Wildfreigehege.

Eventfreie Zone

Unzählige andere – Findelkinder zumeist, von ahnungslosen Wanderern aufgelesen, während die Mutter auf Futtersuche war – hat man erfolgreich aufgepäppelt und wieder ausgewildert. Die Katze ist ein Wappentier des gewaltigen Buchen-Biotops. Von den 5000 ihrer Art in Deutschland leben mehr als 1000 im Nationalpark.

Wie vieles langsam und still Gewachsene ist auch das Wildgehege per Landkarte plötzlich „Nationalpark“ geworden, wird sogar eines seiner drei Tore bilden. Das passt schon: Irgendwie ist dieser wildromantische Anti-Zoo mit seinen 42 beschaulichen Hektar ein schönes Symbol für die Landschaft. Dieser Hunsrück ist kein Ort knalliger Kampagnen, es ist vor allem Natur, eventfreie Zone. Zum Glück. Auch ihnen hier oben im Tierpark wollten Investoren eine Achterbahn zwischen Wolfsgehege und Pfauenwiese pflanzen. Die Ehrenamtler winken ab, darum geht es ihnen bis heute nicht. Dafür kennen sie ihre Schützlinge namentlich: Hedwig die Uhudame, Philipp den Pfau.

Für Menschen, die das Unberührte lieben

Die Ideen und Projekte des sanften Tourismus, sie waren alle schon geboren, ehe die Politik ihnen das grüne neue Dach Nationalpark zimmerte: Das schmucke Keltendorf in Otzenhausen (fertig 2016), wo schon jetzt Keltenweib Desdemona (eigentlich die herzige Erzieherin Evi) schaurig-schön in ein Land vor unserer Zeit führt. Die 1A-Wanderwege, allen voran vier Etappen des Saar-Hunsrück-Steiges oder – sehr zu empfehlen – jene „Traumschleifen“, die Vorzeige-Natur im Rundparcours bieten. Nicht zu vergessen das märchenhafte Öko-Catering von Jeanette Maron: für Gruppen hat sie im Hunsrück das „Tischlein-deck-dich im Wald“ erfunden, vegetarisch, regional, echt lecker.

Spektakulär ist dieser neue Nationalpark für Menschen, die das Unberührte lieben, eine glamourfreie Wildbahn ohne Spaßbad und Gokart. Man braucht einen Blick dafür – und die Erkenntnis, dass ein Porsche manchmal wirklich besser in der Garage bleibt.