Himalaya für Jedermann
08.01.2009 | 13:51 Uhr 2009-01-08T01:51+0100Wenige Jahre bleiben zum Entdecken der Wunderwelt Kilimandscharo.
Mit einem Schlag ist die ganze Tortur vergessen. Die stechenden Kopfschmerzen, die Übelkeit, die zum Erbrechen führte, jeder mühsame Schritt. Deren 150 000 benötigt man, bis der Kibo, höchster Gipfel des Kilimandscharo-Massivs, nach fünf Tagen erreicht ist. Drei gestandene Männer sind wir, alle Anfang bis Mitte vierzig. Keiner von uns wird die Tränen der Rührung leugnen, die beim ersten Blick ins Kraterinnere in die Augen schießen. Oder die Schauer, die den Rücken wie auf einer Achterbahn rauf und runter laufen. Vielleicht weil am höchsten Punkt die tiefsten Emotionen warten.
Im Sport gilt der Marathonlauf als Mount Everest des kleinen Mannes. Übertragen auf die Bergsteiger-Welt wächst das Dach Afrikas - mit dem Superlativ „höchster alleinstehender Berg der Welt” bedacht - zum Himalaya für Jedermann. Weil der „Kili” ohne Kletter-Erfahrung zu bezwingen ist. Für Zivilisationsgeschädigte eines der letzten mit überschaubarem Risiko realisierbaren Abenteuer unserer Zeit.
Glückselig fallen wir unserem Bergführer Batch um den Hals. Sanft lässt die erste Helligkeit des nahenden Tages die bizarre Felslandschaft aus dem Nichts auftauchen. Die ersten Sonnenstrahlen verleihen den übrig gebliebenen Gletschern einen herrlichen Goldglanz. Einst reichte die weiße Decke vom 5895 Meter hoch gelegenen Uhuru Peak viele hundert Höhenmeter hinab. Hinter dem Gipfel des Mawenzi (5148 m), zweiter Fünftausender des Massivs, geht die Sonne auf. Wenige Minuten später erstrahlt alles grell, und aus den zuvor objektiv minus 20 Grad Lufttemperatur werden im Nu gefühlte 20 Grad Plus. Wundersam genug, dass es hier überhaupt „ewiges Eis” gibt. Nicht mehr ewig.
Abenteuer mit überschaubarem Risiko
„Für die meisten ist es die Faszination von Schnee in Afrika, die Menschen aus aller Welt zum Kilimandscharo lockt”, weiß Batch aus vielen Gesprächen. Seit er im Jahr 2001 seinen Job als Bergführer antrat, muss er mit ansehen, wie die Gletscher von Jahr zu Jahr „deutlich sichtbar immer kleiner werden”. Irgendwann in 20 bis 50 Jahren, mutmaßen die Experten, wird die weiße Pracht gänzlich verschwunden und damit die Wunderwelt untergegangen sein.
Kilimandscharo
Lage
Der Kilimandscharo liegt im Nordosten von Tansania und ist das höchste Gebirgsmassiv Afrikas. 5895 Meter ü.d.M. liegt der Gipfel des Kibo (höchster Berg des Massivs). Zwischen 1912 und 1989 schrumpfte die Vergletscherung am Kilimandscharo um 75 Prozent.
Beste Reisezeit
Januar/Februar oder Juni bis September (außerhalb der beiden Regenzeiten). Visum und Impfschutz zur Einreise erforderlich.
Veranstalter
Also, schnell noch mal hinauf. Der Start zur Schlussetappe im Basiscamp auf 4300 m Höhe erfolgt gegen Mitternacht, mit Lampen auf der Stirn sehen wir aus wie Bergbauarbeiter, sind eingepackt wie Männer auf dem Mond. Sechs Kilometer lang ein Fuß vor den anderen, Schrittlänge gleich Fußlänge. Pochen im Kopf. Beschleunigter Puls. Der Weg ist längst nicht mehr das Ziel, es geht nur noch ums Ankommen. „Noch 20 Minuten”, sagt Batch irgendwann, um uns herum nach wie vor tiefste Dunkelheit. Am Stella Point erreichen wir den Kraterrand - das gilt als Besteigung.
Die Euphorie bläst alle Schmerzen weg, dennoch bleibt das Ganze ein Grenzgang. Jetzt noch vom Stella Point zum Uhuru Peak, der wenige hundert Meter entfernt im diffusen Licht der Morgendämmerung wie ein Traumbild vor uns liegt - es ist nach fünf Tagen des Aufstiegs über 60 Entfernungs- und vier Höhenkilometer wie ein Blick auf die andere Straßenseite. Doch trotz nur noch moderater Steigung schaffen zwei von uns diesen Katzensprung nicht. Sobald der Kreislauf nicht mehr mitspielt, ist es höchstes Gebot der Vernunft umzukehren, es mit aller Gewalt zu probieren dagegen lebensgefährlich. Verlässliche Angaben über die Zahl der Todesfälle gibt es nicht. Und auch Batch äußert sich, wie übrigens alle Kili-Bergführer, nicht dazu.
Drei Träger pro Tourist
Eine andere Zahl aber wird offen kommuniziert. Rund 15 000 Touristen besteigen im Jahr den Kilimandscharo. Die wahren Helden der Expeditionen jedoch finden sich in den Begleit-Trupps. Was die sehnigen Träger leisten, die für einen Tagessatz von sieben US-Dollar die Zelte, Stühle, Kochgeschirr und Verpflegung vom Ausgangspunkt auf etwa 1800 m über dem Meeresspiegel bis zum Basiscamp auf 4300 m hochwuchten, das ist Hochleistungssport.
Mit sperrigen Plastik-Stühlen oder schweren Gasflaschen auf dem Rücken quälen sich die jungen Tansanier die steile Breakfast Wall hoch - eine sehr anspruchsvolle Passage auf der dritten Tagesetappe der von uns gewählten Machame-Route. Mit den fleißigen Helfern - im Schnitt ca. drei pro Tourist) erreicht die Gesamtzahl der jährlich bis zu den Basislagern aufsteigenden Menschen rund 60 000. Insgesamt gibt es acht Trekkingrouten auf den Kibo-Gipfel. Die Machame-Route gilt allgemein als landschaftlich schönste. Sie gewährt immer wieder spektakuläre Ausblicke auf das Gipfelmassiv, da sie dieses auf Höhen zwischen 3000 und 4600 Metern etwa halb umrundet. Hier kommt glücklicherweise nie das Gefühl von Massentourismus auf. Was die Sanitäranlagen angeht - Plumpsklos in einfachsten Bretterverschlägen -, darf man nicht zimperlich sein.
Die Marangu-Route (auch Coca-Cola-Route) verfügt über sehr gute Wegverhältnisse, weist die geringste Steilheit auf und bietet somit die höchste Gipfelchance. Im Gegensatz zu den übrigen Routen wird in einfachen Berghütten anstatt im Zelt übernachtet. Zurückgegangen wird über die selben Wege. Dagegen erfolgt nach dem Aufstieg über die Machame-Route, die wegen ihres höheren Schwierigkeitsgrades Whiskey-Route genannt wird, der Abstieg ohne Gegenverkehr über die Mweka-Route.
Wer mehr Annehmlichkeit benötigt, hat die Wahl der amerikanischen Variante, einer Trekking-Tour de luxe mit Privat-Toilette. Alleine mit deren Transport sind drei Träger zusätzlich beschäftigt. 8000 Dollar kostet diese Tour inklusive der exklusiven Stätte für persönliche Verrichtungen. Nicht käuflich ist zum Glück die Garantie, das Höchste der Gefühle zu erleben. Dazu sind viele kleine Schritte erforderlich.