Haben Zirkus-Artisten manchmal Heimweh? Ein Zirkus-Musiker im Interview

Viele Orte besuchte der Musiker Georg Pommer mit seiner Musik bereits - doch auch er verspürt so etwas wie Heimweh.
Viele Orte besuchte der Musiker Georg Pommer mit seiner Musik bereits - doch auch er verspürt so etwas wie Heimweh.
Was wir bereits wissen
Seit 32 Jahren ist Georg Pommer musikalisch unterwegs. Neben seiner Tätigkeit als Pianist beim Circus Roncalli übernahm der heute 54-Jährige diverse Produktionsleistungen rund um den Globus. Wir sprachen mit dem reisenden Musiker, der trotz seiner vielen Reisen auch Heimweh verspürt.

Essen.. Mit 22 Jahren fing er als Pianist beim Circus Roncalli an. Heute ist Georg Pommer mit 54 Jahren Dienstältester und Kapellmeister. Neben seiner Tätigkeit als Orchesterleiter übernahm er die musikalische Leitung für die unterschiedlichsten Produktionen von Wien über New York bis Sevilla. Dazu komponierte er Melodien für Fernsehproduktionen wie das „Perfekte Promi-Dinner“.


Herr Pommer, wo erreichen wir Sie gerade?

Georg Pommer: In Osnabrück. Bis gestern Abend war ich aber noch in München bei der Premiere von „Circus meets Classic“.


Sie leiten ein reisendes Orchester in einem fahrenden Dorf. Was sind da die Besonderheiten?

Pommer: Ich habe mal nachgerechnet: Alles zusammengezählt habe ich drei Jahre in Hamburg gelebt, drei in Bremen, zweieinhalb in Hamburg und jeweils rund vier Jahre in München und Köln. Vieles wiederholt sich. Aber manchmal spüre ich durch das regelmäßige Wiederkommen auch die Veränderungen. In Bremen zum Beispiel, da habe ich beim letzten Besuch gemerkt, das etwas wirklich anders geworden ist. Bremen war immer ein kleines Berlin: keine Macht für Niemand, großer Freiheitsdrang, sehr experimentell. Das ist irgendwie verloren gegangen.

Inwiefern inspirieren solche Beobachtungen ihre Klanglandschaften?

Pommer: Klanglandschaften sind für mich ein großes Thema. Ich habe für meine Masterarbeit von Orten, an denen wir als Zirkus gastierten, eine Audiobriefmarke genommen. Zu Deutsch: Ich habe mit dem Mikrofon aufgenommen, wie sich eine Stadt vor unserem Zirkuszaun anhört. In Braunschweig hört man zum Beispiel viel Ballerei. Da wird geschossen, weil wir auf dem Schützenplatz standen. Und wenn man dann in die Bücher der Stadt schaut, wird man sehen, dass da seit 300 Jahren geschossen wird. Und wenn Sie in Hamburg die Augen schließen, werden Sie immer von irgendwoher ein tiefes Tuten oder Dröhnen hören. Von den Schiffen. Hamburg klingt also anders als Braunschweig oder Köln. Das ist faszinierend. Ganz nebenbei: Deutschland ist wunderschön.

"Ich bin als junger Man unglaublich viel gereist"

Das Zusammenleben beim Zirkus ist international. Die Musik auch?

Pommer: Zirkusmusik ist eine Melange aus vielen unterschiedlichen Stilrichtungen mit vielen folkloristischen Elementen. Ich habe im Orchester Südamerikaner, Ungarn, Franzosen, Deutsche. Und wenn ich die Möglichkeit habe, einen Ungarn einen Csárdás spielen zu lassen, dann setze ich das auch ein. Allein schon um Authentizität zu gewährleisten. Es darf nie aufgesetzt klingen. Wenn ich einen guten Jodler brauche, buche ich ja auch keinen Chinesen.


Bitte führen Sie folgende Sätze für uns zu Ende: Ein Trommelwirbel ist spannend weil...

Pommer: ...er dem Zuschauer die Möglichkeit gibt, an der richtigen Stelle zu klatschen.


Am lautesten spielt immer...

Pommer: ...der Schlagzeuger.


Eine Gänsehaut bekomme ich...

Pommer: ...oft. Dann merke ich, dass ich lebendig bin.


Ich möchte unbedingt noch...

Pommer: ...so lange wie möglich mit meiner Familie zusammenleben.


Man sagt, Reisen bildet. Wie sehen Sie das?

[kein Linktext vorhanden] Pommer: Unbedingt. Innerlich wie äußerlich. Ich bin als junger Mann unglaublich viel gereist. Fast immer mit dem Auto. Mit meiner Frau bin ich zum Beispiel im Bus quer durch Australien gefahren. Ich stand in Sydney vor der Oper und hatte das Gefühl, unbedingt Puccini hören zu müssen. Anderswo warnten uns Schilder am Strand vor Giftquallen. Mit dem Auto haben Sie Zeit, sich an neues zu gewöhnen. Mit dem Flugzeug geht das nicht. Im Auto erlebt man die Landschaft, die Menschen und ihr Essen. Auch die unterschiedlichen Währungen in Europa fand ich irgendwie toll. Das Geheimnis heißt Zeit. Wenn man sich die nicht nimmt, kann man nicht richtig reisen.


Kennen Sie ein Land vielleicht besonders gut?

Pommer: Marokko. Bis zu meinem 27. Lebensjahr bin ich dort immer mit dem Wohnmobil runtergefahren. Zu Karneval habe ich mir dort am Strand mal einen bösen Scherz erlaubt. Ich parkte, als mir jemand etwas Fisch zum Kauf anbot. Und ich hatte mir unbedacht ein Vampirgebiss in den Mund geschoben (lacht). Der Mann hat sich zu Tode erschrocken. Ein anderes Mal wurden wir von einer Familie zum Tee eingeladen. Es ging durch Lehmgänge hinein in eine Höhle, dort saß mit 15 Mann die ganze Familie; Omas, Mütter und ein paar große Kerle. Zirka eine Stunde später kam der Gegenbesuch bei uns ins Wohnmobil. Da wurde alles begutachtet – und dann alles mitgenommen, was nicht niet- und nagelfest war (lacht). Vielleicht war das die Rache für das Vampirgebiss.

Es wird immer Menschen geben, die für den Zirkus brennen


Was war ihr vielleicht schönster Moment in 32 Jahren Zirkus – oder im Reiseleben?

Pommer: Oje, das ist schwer. Lassen Sie mich überlegen. Vielleicht als meine Frau und ich mit den Kindern in der Dominikanischen Republik waren. Da waren wir abends in einer kleinen Strandbar essen. Draußen war Open-Air-Kino, der erste Teil von Fluch der Karibik. Und da saßen dann unsere flachsblonden Zwillinge mittendrin. Anschließend haben wir die beiden auf unseren Armen am Strand entlang zurückgetragen. Das war einer von vielen magischen Momenten.


Haben Artisten Heimweh?

Pommer: Ob Artisten Heimweh haben, weiß ich nicht. Aber wenn ich in mich reinhöre, spüre ich deutliches Heimweh. Nach Weinheim.


Noch ein paar Sätze, die fortgeführt werden möchten: Der schönste Ort der Welt ist...

Pommer: ...Weinheim, also die badische Toskana.


Mein Wohnwagen ist für mich...

Pommer: ...der Ort, an dem ich am liebsten höre, wie der Regen aufs Dach prasselt.

Ich würde niemals...

Pommer: ...in einen Zirkus ohne Orchester gehen.


Zirkus wird es auch in 20 Jahren noch geben, weil...

Pommer: ...es immer Menschen geben wird, die dafür brennen. Und die dieses brennende Herz anderen näher bringen wollen.