Griechische Inseln bieten tollen Urlaub - trotz der Krise

Eine Reise auf die griechischen Inseln lohnt - trotz Finanzkrise.
Eine Reise auf die griechischen Inseln lohnt - trotz Finanzkrise.
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Was wir bereits wissen
Auch wenn die Finanzkrise wie eine dunkle Wolke über Griechenland schwebt, lohnt eine Reise auf die Inseln des Landes.

Kos.. Die Alpen sind noch wunderschön bepudert. Der Flug ist ruhig. Und dennoch reist in der Aegean Airlines-Maschine nach Athen ein unsichtbares Problem mit. Es sitzt personifiziert auf Platz 17F des Airbus, ist Mitte 20, trägt Ray-Ban-Brille und Converse-All-Star: „Ich bin ein echtes Krisenopfer!“, sagt Margarita, die beim griechischen Fernsehen einen guten Job verloren hatte und in Griechenland keinen anderen mehr finden konnte. Aber sie hat Glück, trotz ein Drittel weniger Einkommen: Im Juli kann sie bei ihrem Onkel in einem griechischen Restaurant in München anfangen – als Kellnerin.

Gepäck befindet sich ja nicht nur im Laderaum des Fliegers. Gepäck schleppt jeder mit sich rum: ein paar Zahlen, konkrete Analysen und Nachrichten gehen ja noch. Vorurteile, Schuldzuweisungen, schier unverrückbare Meinungen wiegen schon mehr. Und auf dem Flug glaubt man irgendwie, jeder habe ein bisschen Übergepäck mit an Bord: Da sind die Griechen, denen die Probleme ihres Landes fast die Luft abschnüren, und da sind die Deutschen, die hoffen, dass ihre schönsten Tage des Jahres nicht von der Finanzkrise verschluckt werden. In Deutschland müssen die Griechen die Lage erklären. Und in Griechenland vielleicht die Deutschen?

1.300.792 Kilometer

Drei Stunden und 40 Minuten später lenkt Yanis frohgemut sein Taxi und erklärt beim Transfer vom Flughafen zum Hotel nicht nur seine schöne Insel Kos, sondern auch griechisch-herzlichen Pragmatismus. „Mein Mercedes hat schon 1.300.792 Kilometer auf dem Buckel. 2004 gab’s einen Austauschmotor, ein paar Kleinigkeiten als Reparaturen – das war’s. Das ist halt made in Germany.“ Yanis ist gut drauf, sagt, welcher Inselwein probiert werden muss, wo das erste Krankenhaus der Welt erbaut wurde. Und „dass jetzt alles wieder besser wird. Die Saison geht los!“ Der Winter ohne große Einnahmen aus dem Tourismus ist hart. „Aber heute sind bei uns fünf Maschinen aus Deutschland, drei aus Großbritannien und zwei aus Skandinavien gelandet!“ Yanis strahlt wie ein Weihnachtsmann. Deutschfeindlich fühlt sich anders an.

Wie ist’s eigentlich andersrum? „Was machst du, wenn du alles verkauft hast?“, fragt ein deutscher Tennissocken-und-Sandalen-Tourist den Sesamkringelverkäufer in der Altstadt von Kos. Der alte Grieche überlegt ein wenig. Offenbar hat ihn das noch nie jemand gefragt. „Ich gehe nach Hause und ruh’ mich aus.“

Alte Vorurteile und die heutige Realität

Ohne es zu ahnen, bestätigt der Kringelverkäufer dem Mann und so manchem anderen Deutschen ein inzwischen fast schon zementiertes Griechenland-Bild: eines ohne Registrierkassen und fiskalische Belege. Dabei hat sich vieles geändert in den letzten Jahren. Mákis von der Tankstelle gibt ungefragt einen Beleg. Auch das Reisebüro hat inzwischen eine Rechnung statt ein handgeschriebenes Ticket für 2 Pax mit Tournummer. Und Níkos in der Taverne antwortet auf die Frage nach einem Beleg mit einem klaren „nä“, was im Griechischen ein klares „ja“ bedeutet.

Tournummer 11 führt nicht nur zu den Highlights von Kos, wie Asklepion, jenem ersten Krankenhaus der Menschheit, von dem schon Taxifahrer Yanis kurz erzählte. Tournummer 11 ist vor allem deutschsprachig und man darf gespannt sein auf die Fragen der Gäste. Die Deutschen sind ja immer so wissensdurstig. Manólis, der Tourguide, macht seine Sache gut und berichtet vom ersten Hospital aus dem zweiten Jahrhundert, als sei er selbst mal Patient in Asklepion gewesen. Und er umschifft keine aktuellen Fragen, wie etwa die nach den vielen halbfertigen Häusern auf der Insel. „Es sind die Banken“, sagt Manólis. „Sie geben den Leuten keine Kredite mehr. Also können sie nicht fertig bauen“.

Man sieht, hörtund liest so viel

Manólo, wie ihn seine Freunde in Düsseldorf nennen, hat am Rhein sein Deutsch gelernt und weiß, dass die Deutschen interessiert sind, an der aktuellen Situation: „Wir Griechen wissen, was uns die eigenen Politiker in den letzten 40 bis 50 Jahren alles eingebrockt haben. Und eure Frau Merkel passt nur auf das geliehene Geld auf. Das ist ja richtig.“

Wie auch so manche Geschichten wahr sind: Etwa der Förster, der Jahrzehnte bezahlt wurde, obgleich es gar keinen Wald gab, oder die Rente, die auch nach dem Tod der Bezugsberechtigten weiterhin überwiesen wurde. „Stimmt! Ist alles passiert!“, sagt Manólo. „Aber jetzt – jetzt brauchen wir etwas Zeit von der EU, sonst schaffen wir das nicht“. Die Themen Finanzkrise, Grexit oder Wiedereinführung der Drachme schweben latent im Raum, nur garantiert nicht am Hotelbüffet oder Kieselstrand. Dort ist business as usual. Was auch Kostas bestätigt. Aber den Hoteldirektor des „Grecotel Imperial“ rufen Stammgäste an, ob sie denn auch diesen Sommer kommen könnten. Man sehe, höre, lese so viel, im Fernsehen, in der Zeitung und die ganzen Demonstrationen in Athen. Kostas weiß: „Viele Deutsche haben Angst!“

"Die Inseln haben ihr Auskommen"

Und tatsächlich waren die Griechenland-Buchungen in Deutschland am Jahresanfang stark, haben in der Folgezeit aber auch stark nachgelassen. „Wenn in Berlin 2000 Nazis demonstrieren, heißt das nicht, dass alle Deutsche Nazis sind“, argumentiert Kostas. „Und bei uns auf den Inseln gab’s nicht eine Demonstration! Die Inseln haben ihr Auskommen. Wir spüren kaum einen Unterschied zu vor der Krise. Am Festland ist das anders. Jeder Dritte ist arbeitslos.“

Related content Flug 7036 führt von Kos über Kalymnos und Leros nach Asthypalea, ein im Vergleich zu Kos eher noch unbekannteres Inselchen, wo die Burg über Hora thront, alle Häuser – sowie die sieben Windmühlen – weiß gestrichen sind und die Platia noch den Katzen gehört. Gerade mal 7000 Touristen reisen pro Jahr nach Asthypalea. „Wir leben in einem kleinen Paradies“, behauptet Michalis, der seine drei wunderschönen „Melogranos Villas“ im kykladischen Stil betreibt, und es braucht nicht einmal ein paar Stunden, um zu wissen, dass er Recht hat. Sicher sind sie auch an diesem verwunschen wirkenden Ort sauer auf die Politik und vor allem ihre Politiker. Aber sauer auf die EU oder gar nur die Deutschen? „Óchi!“, „nein“, sagt Michalis. Und auch in diesem Punkt scheint er Recht zu haben.

Mit einem Veitstanz hält ein alter Mann den knallgelben Mietwagen auf. Er reicht einen duftenden Oreganozweig und sagt kurz: „Análipsi!“ Wohin sollte der Fremde sonst fahren? Dort endet schließlich die Teerstraße. Und warum laufen, wenn der Fremde sowieso dorthin fährt, wo er wohnt? Er nestelt einen stumpfen Bleistift heraus, nimmt die Landkarte in der Ablage, schreibt, ohne zu fragen, seine Adresse drauf und sagt: „Kart-posstal!“

Costas bekommt seine Postkarte

Am Dorfplatz steigt der alte Mann aus und bestätigt noch einmal: „Kart-posstal jia Costas!“. Ein kräftiger Händedruck, ein freundlicher Blick ins unrasierte Gesicht, ein Versprechen: Costas bekommt „seine“ Postkarte aus Deutschland. Leute wie er wissen wahrscheinlich nicht einmal, dass seinem Land das Wasser bis zum Hals steht.

Auf dem Flug nach Hause sitzt in Reihe 21 ein Pärchen, beide braun gebrannt. „War es nicht traumhaft?“, fragt sie. „Ja, mein Schatz! Gut, dass Du gesagt hast: Lass uns trotz des ganzen Stresses nach Griechenland fahren.“