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Graf Karl hat's kommen sehen

16.11.2009 | 13:31 Uhr
Graf Karl hat's kommen sehen

Küthai: Österreichs höchstgelegener Skiort lockt mit einem neuen Skipass – und einem alten Jagdschloss

Der erste Schnee kam über Nacht, im goldenen Oktober. Er fiel in dicken Flocken und deckte die Wiesen mit einem weißen Plumeau zu. Jetzt strahlt die Sonne auf eine Winterlandschaft wie aus dem Katalog.

Im höchsten Skiort Österreichs freut sich vor allem Philip Haslwanter (38) über die weiße Pracht. Der Geschäftsführer der Bergbahnen Kühtai weiß, dass der frühe Schnee in den Städten Lust auf Winter macht – auch wenn die Saison erst Mitte Dezember beginnt. Dann füllt sich das Hochtal, in dem sonst gerade mal elf Menschen Leben, wieder mit Leben. Hotels und Pensionen öffnen, über die kurvenreiche Straße kriecht eine Autoschlange mit Skifahrern und Snowboardern.

Sie können sich über den neuen Skipass freuen, der Kühtai ab diesem Winter eine Verdoppelung der Pistenkilometer beschert. Denn Kühtai und Hochoetz sind künftig im Doppelpack zu haben: 78 Pistenkilometer, 23 Seilbahnen. Ein kostenloser Shuttlebus verbindet halbstündig die beiden Hochtäler.

„Man lässt die Natur unberührt”, lobt Philip Haslwanter die „intelligente Lösung” – und verschweigt dabei ganz, dass er eine andere Lösung lieber gesehen hätte. Doch die Liftverbindung über die Pirchkoglscharte hängt schon seit Jahren in den Fallstricken der Paragraphen. Jetzt also der Shuttle-Bus. Wartezeiten von rund einer Viertelstunde prophezeit Haslwanter, dem Begriffe wie Gästemix, Liftkapazität und Cashflow locker über die Lippen gehen. Man sei bestrebt, „neue Erlebnisse zu schaffen”.

Die Bergstation Hohe Muth ist so ein Erlebnis. Seit fünf Jahren erschließt eine Vierersesselbahn anspruchsvolle Abfahrten. Und der steile Einstieg in die schwarze Piste erfordert tatsächlich Mut. Auch die neue Kaiserbahn, die den alten Schlepplift seit dem letzten Winter ersetzt, schafft neue Erlebnisse. Zur roten Pisten ist jetzt auch eine Familienabfahrt hinzu gekommen.

Barbara Haid (32) freut sich über den Fortschritt im höchstgelegenen Wintersportort Österreichs. Die junge Mitarbeiterin des Tourismusbüros Kühtai weiß, dass vor allem der Wintertourismus immer neue Gäste ins Tal lockt. Längst wird auf 2020 Metern Höhe in den Hotels, an den Liften und in den Skischulen, nicht mehr nur Deutsch gesprochen. „Die Gäste werden internationaler”, hat Haid beobachtet. Schweizer und Holländer haben das Kühtai entdeckt, neuerdings kommen auch Italiener und Belgier. Und zu Silvester logierten auch Japaner und Russen in den Hotels.

Gut 1300 Betten bietet der kleine Ort im Winter in Hotels, der Dortmunder Hütte, in Appartements und im fürstlichen Jagdschloss. Das hätte sich Ernst Kolb, Bundesminister für Handel, nicht träumen lassen, als er 1949 Hedwig Gräfin Stolberg den Kredit für den Bau eines Lifts neben ihrem Jagdschloss verweigerte. Begründung damals: Kühtai verkrafte höchstens 100 bis maximal 120 Betten, da sei ein Lift unrentabel. Heute erschließen zwölf Lifte 40 Pistenkilometer zwischen Pock- und Gaißkogl auf der einen und Mugkogel und Pirchkogl auf der anderen Seite.

Aber das Jagdschloss wurde trotz der Fehlentscheidung zum Motor der touristischen Entwicklung – dank Graf Karl, dem Vater des jetzigen Hoteliers, Christian Graf zu Stolberg-Stolberg. 1952 begann Graf Karl damit, das Jagdschloss für den Nobeltourismus zu präparieren. Der Urenkel von Kaiser Franz Josef konnte nicht nur trefflich über die Monarchie parlieren, er wurde auch zu einer Art Übervater für die Gäste. Graf Karl war Bürgermeister und Tourismus-Obmann, und er sperrte sich gegen jegliche Art von Massentourismus. Im Lauf der Jahre wurde sein Haus zu einer Art Zauberberg der Lebenslust, wie das dicke Buch zum 40. Geburtstag des Hotels 1992 zeigt. Es gab wilde Parties, ausgelassene Streiche, Flirts und sogar furiose Eifersuchtsszenen.

„Die Skibar war damals eine Art Sündenpfuhl”, erinnert sich Graf Christian. Vor allem in den Fünfzigern, als „nicht wenige Winterurlaube von Vorständen mit einer Ehekrise endeten.” Das sei heute ganz anders. Die Familien rücken zusammen. Die Menschen wollen Kraft schöpfen für einen stressigen Alltag, Innehalten ist angesagt. Der Himmel ist von einem reinen Blau wie man es in der Stadt nicht mehr kennt. Auf der Sonnenterrasse des Jagdschlosses verträumen die Gäste, eingemummelt in dicke Decken, die Zeit. Und so mancher Tourist, der zufällig hereinschneit und auf eine Melange oder Torte bleibt, beneidet die Hausgäste um ihr fürstliches Refugium. Meist sind es Stammgäste.

Info
Info

Tourismusbüro Kühtai,

++43 (0)5239/52 22

www.schneegarantie.at

Sechs-Tages-Skipass Erwachsene 175 Euro.

Nach dem Tod seines Vaters hat Graf Christian im reifen Alter von 51 Jahren die Rolle seines Lebens gefunden. „So ein altes Haus ist wie eine langjährige Ehefrau”, sinniert er. Es gebe Tage, da liebe man sie heiß und innig und es gebe andere, da wünscht man alles zum Teufel. Damals beispielsweise, als dem Jagdschloss alle Sterne aberkannt wurden, weil das geschichtsträchtige Haus keinen Lift hatte. „Heimelig”, nennt der Bergbahnchef Haslwanter Kühtai. Trotz der großen Zahl an neuen Hotels und Pensionen ist das Hochtal doch immer ein Geheimtipp geblieben. Das ist wohl auch der Grund, warum Anni Friesinger seit Jahren hierher kommt – zum Höhentraining. Die Speed-Queen schätzt die entspannte Atmosphäre auf 2020 Metern Höhe.

Lilo Solcher

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