Gaumenkitzel statt Seniorenteller
11.08.2010 | 08:28 Uhr 2010-08-11T08:28:00+0200
Schwieriger Spagat: Wie die Busbranche um jüngere Kunden wirbt - ohne die Stammkunden verprellen zu wollen
Von wegen Rentnerschleuder: Während Musicalreisen derzeit gut laufen und Events wie Ruhr2010 der Busbranche sogar ein gutes Zusatzgeschäft beschert haben, ist der Anteil der Senioren, die eine Busreise buchen, in den vergangenen Jahren kontinuierlich zurückgegangen. Die über 60-Jährigen, früher die verlässliche Stammkundschaft, werden auf einmal zur „Problemzielgruppe”. Man habe es mit „einem echten Silberknick zu tun”, sagt Dieter Gauf, Geschäftsführer des Internationalen Bustouristik Verbandes (RDA).
Es musste also etwas geschehen. Und mittlerweile haben viele Unternehmen auch gehandelt. „Gaumenkitzel statt Seniorenteller” erneuerte der RDA sein Jahresmotto kürzlich noch einmal. Vorbei die Zeit, als Busurlauber damit zufrieden sein mussten, nur ins Hotel kutschiert zu werden. Heute werden Urlaubserlebnisse minutiös geplant, der Reiseleiter befriedigt auch gehobene Ansprüche, und der reiseerfahrene „Best Ager” kann sich auf der Fahrt auch mal eine individuelle Auszeit nehmen. Besonders Individualität galt ja in der Busbranche lange als Fremdwort. Was zählte, „war das Gruppenerlebnis”, erklärt Gauf.
Die Busbranche muss heute einen schwierigen Spagat beherrschen: Sie darf einerseits die Stammkundschaft – Leute, die eine ganz klassische Busreise mit all ihren Einschränkungen wünschen – nicht verprellen. Andererseits müssen die Veranstalter neue, spannende Reisen für Junggebliebene kreieren. Man könnte das einen Eiertanz nennen. Oder den vorsichtigen Ausbau von Bewährtem inklusive Betreuung.
Denn auch die über 70-Jährigen wollen nicht auf die liebgewonnene Busreise verzichten. Allein, so mobil wie noch vor 15 Jahren sind sie nicht mehr. Bereits von den 60-Jährigen „ist jeder Dritte gesundheitlich eingeschränkt”, weiß Rolf Schrader von der Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen.
Für Richard Eberhard, den umtriebigen Präsidenten des Busverbands RDA, bieten die höheren Ansprüche der Urlauber auch eine große Chance. Hier glaubt er, verloren gegangenes Terrain von den Billig-fliegern zurückerobern zu können. Und auch der Bahn trotz ihrer Sonderaktionen Kunden abzuluchsen.
Denn der Bus von heute hält nicht nur mit dem Gemeinschaftserlebnis dagegen. Die nächste Generation der Busse geht gezielt auf die komfortbewusstere Kundschaft ein – mit bequemerem Ein- und Ausstieg, größeren Sitzabständen und geräumigeren Toiletten.
Egal, ob 40 oder 75 Jahre: Die Busunternehmer haben erkannt, dass der Urlauber nicht nur von A nach B transportiert werden will, sondern Erlebnisse wünscht: kleine Überraschungen und Entdeckungen, verbunden mit Komfort, Sicherheit und Geselligkeit in der Gruppe. Voll im Trend sind zum Beispiel Aktivtouren, etwa mit Bus und Fahrrad. Denn zum einen geht die Entwicklung ohnehin in Richtung Aktivurlaub. Und hinter der Gruppe herfahren und müde Pedaleure einsammeln können weder Bahn noch Flugzeug.
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