Prager Weihnacht
27.11.2009 | 23:59 Uhr 2009-11-27T23:59:00+0100
Badewannen voll mit Karpfen und Krapfenwerfen im Café Imperial – der Advent der Hauptstadt ist für Überraschungen gut
Vor Weihnachten sind in Prag die Badewannen voll – voll mit Karpfen. Ein paar Tage schwimmen sie im klaren Wasser, um den schlammigen Geschmack zu verlieren. Denn das ganze Jahr über haben sich tausende Karpfen in den Zuchtteichen Südböhmens vollgefressen. Im Advent tauchen dann überall in den Prager Straßen große Bottiche auf. Aus denen kann man sich sein Weihnachtsessen aussuchen und es in einer Plastiktüte zappelnd mit nach Hause nehmen. Auf den Tisch kommt der Fisch schließlich traditionell gebraten mit Kartoffelsalat. Das soll in manchen Familien regelmäßig zu Dramen an Heiligabend führen, insbesondere, wenn der neue Bewohner von den Kindern schon einen Namen bekommen hat.
Weder Karpfen noch Krapfen fliegen im Café Imperial in der Prager Altstadt. „Niemand wirft hier mehr mit Essen um sich”, zwinkert Marketingleiterin Branka Novakova. Bis 1989 war die „Kavarna Imperial” ein Gewerkschaftshaus, dann bis Ende der 90er Jahre eine Jugendherberge mit Kultcafé. Heute ist es ein Kaffeehaus im allerfeinsten Jugendstil mit acht Meter hohen Decken und Keramikmosaiken an den Wänden. „Eine bizarre Tradition ging auf den 1943 erschienenen Roman Saturnin von Zdenek Jirotka zurück”, schmunzelt Novakova. „Für 1943 Kronen, etwa 60 Euro, konnte man eine Schüssel Krapfen vom Vortag bestellen und damit andere Gäste bewerfen.” Heute wird nicht mehr mit Gebäck geworfen. Man versucht, wie auch in den anderen tip-top renovierten Kaffeehäusern der Stadt, wieder an die traditionellen Zeiten anzuknüpfen, als diese Anlaufstellen für Literaten und Denker waren. Längst kommen nicht nur Touristen, sondern zunehmend auch wieder Einheimische, die bei Kaffee und Zeitung den Nachmittag verbringen.
PRAG
Anreise: Ab Düsseldorf mit Czech Airlines ( 01805/88 82 28, www.czechairlines.de ) oder Lufthansa ( 01805/80 58 05, www.lufthansa.com ) nach Prag.
Währung: Ein Euro entspricht rund 25 Tschechischen Kronen (CZK)
Besonderheiten: Der Prager Weihnachtsmarkt ist vom 28. November bis zum 1. Januar geöffnet (www.pragueexperience.com ).
Veranstalter: Graf's Reisen ( 02325/69 80, www.graf-reisen.de ) bietet eine fünftägige Busreise inklusive Übernachtung, Frühstück und Stadtführung ab 199 Euro. TUI ( 01805/88 42 66, www.tui.com) bietet zahlreiche Hotels.
Kontakt: Tschechische Tourismuszentrale, 030/20 44 77 0, www.prag.cz
Ein Bummel in der Adventszeit durch die Metropole an der Moldau ist wie ein Weihnachtsrausch: Prag ist ein steinernes Geschichtsbuch mit Gotik-, Barock- und Jugendstilfassaden und bietet im abendlichem Lichterglanz Romantik pur. Doch gerade in der Weihnachtszeit läuft man zwischen Wenzelsplatz und Karlsbrücke auf einem Touristen-Highway. Dabei haben die Prager Altstadtgassen mehr zu bieten, als ein einzelner Kopf an einem Wochenende fassen kann. Auf dem Altstädter Ring verkündete Vaclav Havel 1990 die Rückkehr zur Demokratie. Heute versammeln sich dort zu jeder vollen Stunde die Touristen vor der astronomischen Uhr des Rathauses und warten auf das Uhrenspiel mit den Apostelfiguren. Dazu duftet es vom Weihnachtsmarkt nach Glühwein und frischgebackenem Trdelník, einem süßem Striezel. Glas und Holzspielzeug sind die Verkaufsschlager in dem Holzbudendorf auf dem Rathausplatz.
In kaum einer anderen Stadt des ehemaligen Ostblocks hat die neue Zeit so schnell Fuß gefasst wie in Prag. Seine Bauwerke überstanden den Zweiten Weltkrieg fast unbeschadet, ganz im Gegenteil zum 150 Kilometer entfernten, völlig in Schutt und Asche versunkenen Dresden. Viele ausländische Investoren kamen seit der Wende. Wo bis vor kurzem noch Baugerüste standen, erstrahlen heute wunderbar restaurierte Straßenzüge. Der erste Bezirk, die Prager Altstadt, fasst 333 Straßennamen und 375 Hotels.
„Prag ist der westlichste Vorposten in Osteuropa”, meint die Fotografin Vera Rüttimann, die die samtene Revolution vor 20 Jahren miterlebte. „In den letzten zehn Jahren ist die Stadt extrem durchkapitalisiert worden.”
Doch die Tschechen wissen, wie sie dem Getümmel entgehen. „Der Fremde geht durch Straßen, der autochthone Bürger benutzt das Durchhaus”, schrieb Prags „rasender Reporter” Egon Erwin Kisch 1920. Es gibt noch gut 40 dieser nostalgischen Einkaufspassagen. Die berühmteste ist die Lucerna-Passage am Wenzelsplatz. Dieser erste Eisenbetonbau Prags wurde zwischen 1907 und 1921 von Vácslav Havel errichtet, dem Großvater des späteren Präsidenten. Die „Lucerna” beherbergt in einem Labyrinth aus Einkaufsstraßen Geschäfte, Lokale und Kinos. In einem prächtigen dreigeschossigen Ballsaal fanden einst Parteitage der Kommunisten statt, zwanzig Jahre später das Weihnachtskonzert von Karel Gott.
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