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Liebe vor dem Ausverkauf

12.06.2010 | 08:00 Uhr
Liebe vor dem Ausverkauf

Mit dem „Projekt 1012” will die Stadt Amsterdam dem Rotlicht-Bezirk die Rote Karte zeigen

Die Schaufenster im Rotlichtviertel von Amsterdam könnten schon bald Geschichte sein. Dies zumindest befürchtet die Fotografin Tess Jungblut. Mit ihrer Kamera im Gepäck hat die 53-Jährige daher eine ausführliche Expedition in den Bezirk unternommen. Nicht weniger als 6500 Aufnahmen sind dabei entstanden: die Dokumentation des desolaten Arbeitsumfelds der Prostituierten. Trotz der verschlissenen Schemel, Linoleumfußböden und Kunstlederliegen hält Jungblut die Kubikel immer noch für besser, als die herkömmliche Straßenprostitution. Daher kämpft sie leidenschaftlich gegen die Umsetzung des „Projekts 1012”.

Unter diesem, an die Postleitzahl des Viertels angelehnten Titel hat der langjährige Bürgermeister Job Cohen mit einer Säuberung der Innenstadt begonnen. 40 Prozent weniger Rotlichtfenster und Coffeeshops lautete seine Vorgabe. Eine Reduzierung, die Jungblut nicht beanstandet hätte. Doch seitdem Cohen Anfang März zum Spitzenkandidaten der Sozialdemokratischen Partei (PvdA) avanciert ist, wittert sie Ungemach: Der nun verantwortliche Bezirksbürgermeister Lodewijk Asscher sei für seine Überzeugung berüchtigt, dass Prostitution kein Beruf sei. Jede Einzelne müsse daher eine Lizenz beantragen.

Mit polarisierenden Äußerungen mache der Sozialdemokrat darüber hinaus Stimmung gegen das Rotlichtviertel. Mit der Folge, dass sich ein Teil der Prostitution schon jetzt an den Stadtrand verlagert habe. „Illegal. Und unter viel schlechteren Bedingungen.” Der Hintergrund der Säuberung ist laut Jungblut leicht durchschaubar: Sie soll der Übernahme des Bezirks durch Kaffeehaus-Ketten und Modehäuser den Weg bereiten.

Schon vor Jahren haben sich auch Nancy und Edward Kienholz mit dem Schicksal der Dirnen von Amsterdam befasst. Das Künstlerehepaar hat in den 80er Jahren in Berlin eine 13 mal vier Meter große Installation geschaffen: Die „Hurengracht”. Ein dreidimensionaler Parcours, der explizite Einblicke in die tristen Kabinen verschafft. Mit ihren schäbigen Möbeln, aseptischen Sprays und mit Bewohnerinnen, deren Gesichter ins Leere starren. Von November 2009 bis Februar 2010 hat die Hurengracht – ein Wortspiel in Anlehnung an die vornehme Herengracht – über 200 000 Besucher in die Londoner National Gallery gezogen. Nun ist das monumentale Kunstwerk in der niederländischen Hauptstadt zu sehen, als Titelexponat einer Ausstellung im „Amsterdams Historisch Museum”, die sich auf sehenswerte Weise mit dem Thema befasst.

„Die Schau kommt genau zum richtigen Zeitpunkt”, meint die heute 67 Jahre alte Nancy Kienholz. Trotz aller Tristesse hält auch sie die vor Ort praktizierte Form der Prostitution mittlerweile für eine Errungenschaft: „Die Mädchen kommen ohne Zuhälter aus und sind sicherer.” Die einst zeitkritische Installation sei somit zu einem Mahnmal geworden, das bald an bessere Zeiten erinnern könnte.

Für ein wenig Freundlichkeit im rohen Geschäft mit der käuflichen Liebe macht sich derweil Marcel van Kan stark. Der 38-Jährige ist Produktmanager beim Designer Ted Noten. Beide haben in 2008 ein Atelier im Rotlichtviertel bezogen. Als Teil der Aktion Redlight Design, mit der die Stadt alternative Nutzungsmöglichkeiten für die Häuser testen wollte. Dieser Versuch, bilanziert van Kan, hatte nur durchwachsenen Erfolg. „Wir haben uns wie Eindringlinge gefühlt”, gesteht er. Für Unbehagen aber habe nicht die Nähe zu den Damen gesorgt, die im Nachbarhaus auf Kundschaft warten. Vielmehr seien es die häufig betrunkenen Männer, die für Irritationen sorgen.

Das weiß niemand besser als Assistent Claudio Bracco. Frei nach den Gepflogenheiten der Nachbarschaft hat dieser im Fenster sitzend gearbeitet. Während er Ringe stanzte, musste er sich ständig die Frage gefallen lassen, wie viel er für sexuelle Dienstleistungen verlange. Trotz der ambivalenten Erfahrungen blicken die Designer ohne Reue auf die Aktion zurück. Schließlich haben die besagten Ringe für Wirbel gesorgt: Nach dem Prinzip jener typisch holländischen Automaten, aus denen sich hungrige Nachtschwärmer Fleischkroketten ziehen, hat das Atelier Noten im Eingang einen gelben Spender aufgestellt. Darauf stand zu lesen: Sei nett zu diesem Mädchen, kauf ihr einen Ring. „Ein Aufruf zur Respektierung dieser hart arbeitenden Mädchen”, erläutert van Kan.

Die Idee wurde von den Medien mit viel Aufmerksamkeit belohnt. Und auch die Laufkundschaft hat Gefallen daran gefunden: Mehr als 1000 Ringe wurden verkauft. „Die meisten aber waren nur froh, billig an Designerschmuck zu kommen.” Nur selten sei es vorgekommen, dass ein Kunde seinen Ring einer Prostituierten geschenkt habe. „Und die Damen lieben sowieso eher Diamanten.” Es bleibt noch viel zu lernen über den Mikrokosmos Rotlichtviertel. Mit der Ausstellung ist ein Anfang gemacht.

Ralf Johnen

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