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Schweden

Krankenschwester ahoi

26.09.2010 | 08:00 Uhr

Morgens um acht Uhr legen Åsa und Sirkka in ihrem Heimathafen Djurö ab. Åsa, im grünen Arzthemd und schwarzer Jeans, klettert in den Maschinenraum und checkt, ob alles okay ist, „ein Motorstopp auf dem Wasser wäre eine Katastrophe”. Danach hangelt sie sich auf der handbreiten Reling entlang, um die Leinen loszumachen. Sie klopft zwei Mal aufs Fahrerhäuschen, ein Zeichen, dass Sirkka losfahren kann.

Kaum unterwegs, klingelt Sirkkas Handy ununterbrochen. „Bist du sicher, dass es ein Schlangenbiss ist, wie sieht die Wunde aus?” Am anderen Ende ahnt niemand, dass sie gleichzeitig einen 6,5-Tonner steuert und nach Untiefen und Booten Ausschau hält.

Die Krankenschwester als Kapitän. Seit 20 Jahren ist die 55-jährige Sirkka dabei, vorher arbeitete sie im Krankenhaus. Sie lächelt: „Ich liebe die Schären, aber auch meinen Beruf. Wo kann ich das besser unter einen Hut bringen als hier?”

Die beiden legen an Gällnö an, einer fünf Quadratkilometer großen Insel mit 25 Bewohnern. Der kleine Holzsteg und die falunroten Häuser sehen aus wie im Bilderbuch. Auf dem wackeligen Steg wartet bereits die 84-jährige Ruth mit einer Wunde am Bauch. Åsa erzählt, dass viele ältere Menschen ihre Insel nie verlassen haben. Ein Pflege- oder Altersheim kommt nicht in Frage, „diese Entwurzelung würden sie nicht überleben.”

Die 47-jährige Åsa ist erst seit September als Schärendoktorin unterwegs. Eine Arbeit in der Klinik oder einer Landpraxis kann sie sich nicht mehr vorstellen.

Im Liegestuhl im Badeanzug auf den Arzt warten

„Das Reizvolle an meiner Arbeit ist, dass ich mit dem auskommen muss, was ich vor Ort habe und Entscheidungen ad hoc fällen muss.”

Åsa und Sirkka sind ein eingespieltes Team. Im Sommer sind die vielen Patienten und die Suche nach Liegeplätzen aufgrund etlicher Bootsfahrer die größten Schwierigkeiten. Im Winter kämpfen sie mit zugefrorenen Gewässern.

Auf Lådnaö kommt der Musiker Jan mit seiner fünfjährigen Tochter Ellinor an Bord. Åsa diagnostiziert eine kleine Platzwunde und verabreicht ein Pflaster. Nach knapp zwei Stunden sind auch die anderen Patienten versorgt. Niemand beklagt sich, wenn es länger dauert, „wir haben ja das schönste Wartezimmer der Welt.” Wo sonst könne man im Liegestuhl und Badeanzug auf den Arzt warten?

Nach Svartsö, der nächsten Station, kommen immer die meisten Patienten. „Die Insel ist zentral und für viele mit eigenen Booten gut erreichbar”, sagt Sirkka. Hier befinden sich auch die Tankstelle und ein Tante-Emma-Laden, der für die 75 Bewohner und Touristen der benachbarten Inseln die einzige Möglichkeit ist, vor Ort Lebensmittel einzukaufen.

Um halb eins machen Åsa und Sirkka Mittagspause auf dem Steg. Kaum haben sie Knäckebrot und Kaffee ausgepackt, als neben ihnen ein Schiff festmacht, in dem ein Patient liegt, der seinen Katheter vor fünf Tagen verloren hat. Åsa zieht sich Plastikhandschuhe samt Schürze an und hüpft ins Nachbarboot. Nach zwanzig Minuten ist die Gefahr gebannt.

„Viele sind leichtsinnig und warten, bis wir kommen, statt sich sofort ins Krankenhaus zu begeben”, sagt Åsa. Im Notfall kann das Boot zwar zu einem schwimmenden Operationsraum umgewandelt werden, ein Defibrillator, EKG und ein Sauerstoffapparat sind an Bord. „Aber wir können nur kleinere Eingriffe durchführen.” Das Blaulicht brauchen die beiden aber selbst im Notfall nicht einzusetzen: Wenn ihr orangefarbenes Boot mit 30 Knoten durchs Wasser prescht, weichen alle voller Respekt aus.

Rundamarö mit 260 Einwohnern ist heute die letzte Insel, die das Ärzteboot ansteuert. Hausbesuch beim 82-jährigen Börje: Er ist seit einem Schlaganfall bettlägerig. Zudem ist er Diabetiker und hat nach Zeckenbissen Borreliose. „Seine Kinder wollen, dass er zu ihnen nach Stockholm zieht, was für ihn unvorstellbar ist”, erzählt Sirkka. Für ihn sind Åsa und Sirkka „zwei Engel”. Sein flehender Blick, ihn ja nicht „irgendwo einzuliefern”, berührt sehr.

Schweden
Meldungen

Anreise: Air Berlin  01805/73 78 00, www.airberlin.com und SAS  01805/11 70 02, www.flysas.com/de fliegen ab Düsseldorf nach Stockholm. Vom Stadtzentrum aus fahren Schärengartenboote.

Währung: 1 Schwedische Krone sind etwa 0,10 Euro.

Veranstalter: Novasol www.novasol.de und das Incoming Center of Scandinavia www.ferienhaus.se bieten Ferienhäuser in den Schären vor Stockholm.

Kontakt: Visit Sweden, 069/22 22 34 96, www.visitsweden.com

Zehn Stunden später machen sich Åsa und Sirkka durch die Schärenwelt in der Abendsonne wieder auf den Heimweg. Es sieht aus wie ein angenehmes Leben, ist aber harte, hochkonzentrierte Arbeit.

40 Seemeielen, 35 Patienten – an einem Tag

40 Seemeilen, 35 Patienten und etliche An- und Ablegemanöver haben sie heute hinter sich. Im Sommer werden im Schnitt 1500 Patienten versorgt. „Es handelt sich in der Regel um Unfälle, Zecken- und Schlangenbisse, Platz- und Schnittwunden, Entzündungen sowie Prellungen.”

Anfang des Jahres wurde diskutiert, ob die Hilfe auf dem Seeweg aus Kostengründen reduziert werden solle, was bei den Inselbewohnern eine Welle der Empörung auslöste. Um sich ein Bild zu machen, begleitete eine Kommunalpolitikerin Åsa und Sirkka einen Tag lang. Danach warf sie die Kürzungspläne über Bord. Åsa und Sirkka sind froh darüber – morgen heißt es wieder „Leinen los“.

Suzanne Forsström



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