Das aktuelle Wetter NRW °C

Italien

Fehde sei mit euch!

09.08.2010 | 08:46 Uhr
Fehde sei mit euch!

Der Ort Brescello hat nichts zu bieten – außer Don Camillo & Peppone. Die Streithähne locken immer noch Touristen

Knöchellanges, schwarzes Gewand, schwarzes Käppi auf dem Kopf und gefaltete Hände. Weihevoll schreitet er mit verschmitztem Lächeln unter den Arkaden entlang und bleibt mitten auf der Piazza Matteotti stehen, dem Marktplatz von Brescello. Ist das Don Camillo? Nein. Zwar drehte man genau hier sechs Filme der „Don Camillo und Peppone”-Reihe, über einen kommunistischen Bürgermeister und seinem Widersacher, dem schlitzohrigen Pfarrer. Aber das ist fast 60 Jahre her. Trotzdem: Wie sein Kino-Vorbild, steuert der Mann in Schwarz zum Hauptschauplatz der Komödie, auf die wuchtige, strahlend weiße Kirche Santa Maria Nascente zu.

Übrigens: Nur weil das Rathaus von Brescello im rechten Winkel zur Dorfkirche liegt, wurde Brescello zur Kulisse des fiktiven Bosaccios. Nur hier konnte die Kamera zwischen den Streithähnen praktisch hin- und herschwenken. Vorm Rathaus steht Giuseppe Bottazi, genannt Peppone, das kommunistische Parteiblatt „Unita” in der Hand. Gleichwohl in Bronze gegossen: Don Camillo mit Glupschaugen und Pferdegebiss. Indes tritt der Mann mit der klerikalen Soutane wieder aus der Kirche. Die Touristen tuscheln: 50 000 kommen pro Jahr nach Brescello in die Region Emilia Romagna. Nur wegen Don Camillo und Peppone, denn sie sind die einzige Attraktion des 5000-Seelen-Dorfes zwischen Po und Parma: Das im Film vorkommende „Caffè Ristorante Italia” heißt heute „Don Camillo”, die ehemalige „Central Bar” taufte man in „Caffè Peppone” um. Kalender und Teller mit beiden Konterfeis bieten die Souvenirläden feil. Im Fotogeschäft posiert gerade ein Besucher vor einer Kamera und lässt sein Bild anschließend in eine Filmsequenz mit Don Camillo und Peppone hineinmontieren.

Don Camillo und Peppone stritten in den Kinofilmen bis aufs Blut. Ihre Doubles führen heute zu den Original-Schauplätzen.

Endlich spricht eine Touristin den falschen Pfarrer an: „Buongiorno, Signore, lei è Don Camillo?” „Si”, antwortet er dreist und stellt sich in einem Gemisch aus Italienisch, Englisch und Gebärdensprache als offizieller Camillo-Darsteller vor – seit 37 Jahren im Dienst. Buchbar über das Rathausbüro: „Also genaugenommen bei meinem Dauer-Widersacher”, sagt er mit gespielter Verärgerung und weist darauf hin, dass Peppone auch gleich erscheinen wird, bestellt von einer Essener Reisegruppe.

Die Dreharbeiten Anfang der 50er-Jahre hielten den Ort im Belagerungszustand. Hunderte Komparsen warteten nicht nur auf ihren Einsatz, sondern vor allem auf Salami, Brote und Äpfel. Die gratis Essensration holten viele Bewohner gerne ab, erschienen aber selten beim Dreh. Dass die kommunistische Partei Italiens und die katholische Kirche den ersten Film aus Angst vor Verunglimpfung verhindern wollten, gehört ebenfalls zur Ortsgeschichte. Der Vatikan entsandte einen „Berater”: die italienische Fassung des Films wurde deutlich entschärft.

Info
Brescello

Anreise: Mit Alitalia

01805/07 47 47

www.alitalia.com

ab Düsseldorf nach Bologna.

Besonderheiten: In Brescello weisen Schilder den Weg zu allen Drehorten. Museum: werktags 10 bis 18 Uhr, samstags 9.30 bis 19 Uhr.

Veranstalter: Mit Neckermann

Reisen 01803/90 10 45

www.neckermann-reisen.de

eine Woche im 4-Sterne-Hotel, mit HP und Flug ab 448 Euro.

Kontakt: ENIT

069/23 74 34

www.mondoguareschi.com

Das Don Camillo-Double unterbricht seinen Anekdotenreigen. „Ah, communista!”, ruft er über die Piazza. Die Begrüßung für seinen Widerpart: Perfekt gestylt mit Schnäuzer, grimmigem Blick und rotem Halstuch sowie angriffslustig hinter seinen Hosenträgern geklemmten Daumen stürmt „Peppone” heran. Nach dem Begrüßungs-Scharmützel ziehen beide samt Kunden über den „Camillo & Peppone-Rundweg” zu den Filmschauplätzen und zum Museum.

Der US-Panzer, mit dem die beiden in „Genosse Don Camillo” eine Friedenstaube vom Dach schießen, steht vor der Tür. Die Drahtesel, mit denen sie sich am Ende von „Die große Schlacht des Don Camillo” ein absurdes Rennen liefern, warten oben, zwischen zahlreicher Fotos und Dokumenten. Besonders schön: Peppones Arbeitszimmer mit Stalin und Lenin an der Wand.

Der sprechende Heiland, mit dem sich Don Camillo in den Filmen oft berät, fehlt aber. Der echte Dorf-Pfarrer wollte den für die Dreharbeiten angefertigten Jesus einfach nicht mehr hergeben.

Stephan Brünjes

Facebook
 
Kommentare
31.07.2010
23:49
Fehde sei mit euch!
von Ausm Dorf | #5

Genau so kultig wie die 4 Miss Marple Filme.
Das waren noch Filme ohne großes Brimborium.
Herrlich und immer wieder anzuschauen.
Wer wünscht sich nicht genau so einen Dorfpfarrer? ;-)

31.07.2010
19:30
Fehde sei mit euch!
von Robert_Reisen | #4

Ich kenne da jemanden, der hat diese Serie auf DVD. Ich kenne da noch jemanden, der hat jetzt Urlaub.
Ich werde mir die Serie mal ausleihen und anschauen.
Ich bin der mit dem Urlaub.

31.07.2010
15:17
Fehde sei mit euch!
von voltago | #3

Da wird es niemals ein entsprechendes Remake geben, und von Terence Hill sollten wir da besser überhaupt nicht reden.
Das Original lebte durch die beiden Hauptdarsteller und diese damals so authentische Darstellung diese Kleinstadt am Po. Und die Folgen waren in Schwarz/Weiß gedreht. Da kommt nichts Buntes auch nur annähernd dran.
Gruß
Ps.: Wenn ichs mir recht überlege, ich glaube ich leg heuer mal wieder einen Fernandel-Sonntag ein. :)

30.07.2010
22:23
Fehde sei mit euch!
von Shinji-Chibi | #2

Es gibt ja eine neuere Version mit Terence Hill.
Aber das Original ist immer noch das beste. ;) Auch wenn die Reihe schon alt ist, kann man sich da heute noch gut amüsieren.

30.07.2010
18:53
Fehde sei mit euch!
von robert reisen | #1

Ja - das war noch Fernsehen der guten Art und Weise....

*********************************************************************************

Trackbacks

Die Trackback URL zu diesem Artikel ist: http://www.derwesten.de/services/trackbacks/article/3316963/create

Neueste Aktivität
Aktuelle Fotos und Videos
Aus dem Ressort
Tourismusbranche in Portugal wächst trotz Schuldenkrise
Wirtschaft
Für Portugal gab es im vergangenen Jahr trotz der Rezession einen kleinen Lichtblick: Die Tourismusbranche konnte im Vergleich zu 2010 einen Zuwachs um 9 Prozent verzeichnen. Rund 7,44 Millionen ausländische Besucher übernachteten demnach 2011 in dem Urlaubsland - ein Rekord.
Zentrale Häfen sorgen für Kreuzfahrt-Boom in Europa
Schifffahrt
Kreuzfahrten sind beliebter denn je. Vor allem in Europa herrscht ein regelrechter "Kreuzfahrt-Boom". Dies liegt unter anderem an der guten Infrastruktur der Häfen in Kiel, Rostock-Warnemünde oder Hamburg. Vom Ruhrgebiet ist Rotterdams Hafen in zweieinhalb Stunden zu erreichen.
Foto