Dünne Luft am Fünf-Sterne-Gipfel
14.02.2010 | 07:00 Uhr 2010-02-14T07:00:00+0100
Mit der Wedelhütte hat in Tirol das höchstgelegenste Luxushotel der Alpen eröffnet – einige Gäste werden auf fast 2500 Metern aber höhenkrank
Fahl schiebt sich die Morgensonne über die Bergspitzen. Ein Licht, weiß wie der Schnee, der sich hier auf dem Dach der Zillertaler Alpen als eisige Decke über den Wimbachkopf und die umliegenden Dreitausender gelegt hat. Fetzen von Hochnebel verfangen sich in den scharfen Gipfelzacken. Kein Laut ist zu hören, eine Welt einsam, weit und still. Und so könnte man sich, als Gegenprogramm zu der erhabenen Strenge der Landschaft, noch einmal behaglich ausstrecken zwischen edel raschelnder Damastbettwäsche, um sich vom breiten Zirbenholzbett aus diesem entrückenden Panorama hinzugeben. Ein Panorama, dem die gesamte Architektur der Wedelhütte gehorcht.
Erst vor zwei Monaten wurde die Nobelherberge eröffnet, die Fünf-Sterne-Luxus in die Höhe treibt. Genau gesagt auf 2350 Meter, ein Niveau, auf dem man sonst mit Stockbetten in spartanischen Schutzhäusern rechnen darf.
Ganz anders das Hüttenhotel, das auf einem Bergsattel drei Stockwerke tief in den Fels eingelassen ist. Für 150 Euro aufwärts pro Person und Nacht kann man Logis beziehen, Halbpension und ein Paar Filzpantoffeln inklusive. Zwölf elegante Suiten bilden hier den Rahmen für Bergerlebnisse der exklusiven Art. Mit Fußbodenheizung, HD-TV, Surround-Anlage und Erlebnisbad nebst Infrarot-Kabine und Lichtdusche. Die Betten immer so ausgerichtet, dass der Blick morgens als erstes auf das Felsenmeer vorm Balkon fällt.
Ein Erwachen buchstäblich wie im Himmel könnte es sein – wenn nur nicht diese Kopfschmerzen wären. Die Schädeldecke liegt im Schraubgriff. Schwindelgefühl selbst im Liegen. Beim zaghaften Versuch aufzustehen kommt Nasenbluten hinzu. Höhenkrankheit nennen Mediziner das Phänomen, das sich häufig in Höhenlagen ab 2000 Metern einstellt. Typische Begleiterscheinungen können auch Schlafstörungen, Erbrechen und Atemnot sein. Schuld ist der Luftdruck. Er sinkt, je höher man steigt. Die Lunge nimmt weniger Sauerstoff auf, es kommt zur Unterversorgung. Meistens ist der Spuk nach ein, zwei Tagen vorbei. Dann hat sich der Körper angepasst. Solange müssen Schmerztabletten helfen. Ob sich Horst Köhler hier anfangs wohl auch so hundsmiserabel gefühlt hat? Der Bundespräsident verbrachte den Jahreswechsel auf der Wedelhütte, begleitet von Gattin Eva und einem achtköpfigen Leibwächter-Gefolge. Das gesamte Hotel war während dieser Zeit für die hohen Gäste aus Deutschland reserviert. Wie schnell sich der Landesvater akklimatisieren konnte, darüber drang nichts in die Öffentlichkeit.
In der rustikalen Zirbenstube, wo das Frühstück serviert wird, sitzt Helga, Anlageberaterin aus Frankfurt, nebst Lebensabschnittspartner Bernhard. Helga trinkt nur eine Tasse Kaffee. Kaum ein Auge hat sie zugemacht, klagt sie, sich die halbe Nacht von einer Seite auf die andere gewälzt. „Ja, ja, die Höhenluft“, beschwichtigt die Serviererin, eine Einheimische aus dem Tal, die die Malässen der Urlauber aus dem Flachland kennt. Bernhard dagegen hat geschlafen „wie ein Baby“. Er hat es eilig mit dem Frühstück, ihn zieht es auf die Piste, die unberührt und menschenleer gleich vor dem Haus beginnt. Den Vorzug, frühmorgens als erste auf Skiern durch den frischen Schnee zu stieben, genießen Wedelhütten-Gäste exklusiv. Erst um 8.30 Uhr öffnen unten im Tal Gondeln und Skilifte, die auch andere Wintersportler in das Skigebiet Hochzillertal transportieren. Nach ganz oben, zur Wedelhütte gondelt der Zillertal-Shuttle – eine andere Möglichkeit „n'auf“ zu kommen, gibt es nicht. Das ist auch der Grund, weshalb Wedelhütten-Gäste alpin – also auf Skiern · an- und abreisen müssen, ob sie nun wollen oder nicht.
Lage: Die Wedelhütte liegt auf 2350 Metern im Skigebiet Hochzillertal in Tirol.
Anreise: Mit Airberlin
01805/73 78 00
ab Düsseldorf nach München. Von dort mit dem Flughafen-Transfer
nach Kaltenbach.
Mit dem Auto aus dem Ruhrgebiet über die A3 Richtung Richtung München, Grenzübergang Kufstein A 12 bis Abfahrt Zillertal.
Besonderheiten: Die Wedelhütte ist nur mit der Gondelbahn zu erreichen. Im Winter braucht man Ski um von der Bergstation zur Hütte zu gelangen, Fußmärsche sind aufgrund des Tiefschnees nicht möglich
Kontakt: Wedelhütte
0043/(0)676/88 63 25 70
Die meisten wollen natürlich, begleitet doch so den Aufenthalt von Anfang an das Gefühl, sich kurzzeitig vom Rest der schnöden Welt abzunabeln. Das laute Leben hält nur für wenige Stunden am Tag Einzug in die gepflegte Einsamkeit. Gegen elf Uhr öffnet die Restaurant-Terrasse auch für Tagesgäste, dann wird es für gediegene Wedelhütten-Verhältnisse fast volkstümlich-derb. Und das, obwohl weder Currywurst, noch Pommes und Pizza auf der Speisekarte stehen, sondern Kreationen wie Kartoffelcremesuppe mit luftgetrocknetem Hirschrücken, Risotto mit Flusskrebsen oder Variationen von Edelfischen mit Gemüseg'röstel. Zubereitet vom Spitzenkoch-Duo Stefan Wallner und Andreas Junker, das in Österreich einen Namen hat. Täglich vollführen die Kochvirtuosen den Spagat, Gourmetküche im Kantinenausmaß zuzubereiten: Rund 500 Tagesgäste kommen zum Einkehrschwung auf die Wedelhütte. Tag für Tag muss so eine Tonne Lebensmittel mit dem Pistenfahrzeug auf den Berg geliefert werden. Ab 16 Uhr, wenn der Zillertal-Shuttle die letzte Talfahrt antritt, wird es wieder ruhig unter dem Wimbachkopf. Dann ist man wieder unter sich wie auf Thomas Manns Zauberberg, wärmt sich am Wein aus dem hauseigenen Weinkeller und am verglasten Kamin, während draußen die Temperatur auf zweistellige Minusgrade fällt.
Viele sehnen sich nach solchen Abenden – die Wedelhütte ist bis Saisonende im April ausgebucht. Zumindest an den Wochenenden. Unter der Woche kann immer mal eine Suite freiwerden. Helga bittet beim Auschecken um E-Mail-Nachricht, falls kurzfristig freie Kapazitäten auftreten. Höhenkrankheit? In so aparter Lage nimmt mancher sie offenbar gern in Kauf.
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