Eiszeit an den Niagarafällen - Staunen und Bibbern

Blick auf die angestrahlten und vereisten Niagarafälle, USA, aufgenommen in der Nacht.
Blick auf die angestrahlten und vereisten Niagarafälle, USA, aufgenommen in der Nacht.
Foto: dpa
Was wir bereits wissen
Eisige Kälte sorgt dafür, dass die Niagarafälle an der US-kanadischen Grenze zurzeit kaum zu sehen sind. Touristen haben aber ganz andere Probleme.

Niagara Falls.. Vom Lärm her ist alles wie immer. Ein gewaltiges Rauschen kündigt sie schon von weitem an, aber wenn man erst einmal da ist - sind sie weg. Eiseskälte sorgt dafür, dass die Niagarafälle an der Grenze zwischen Kanada und dem US-Staat New York auf der USA-Seite verschwunden sind. Ein dicker Eispanzer und große Wasserdampfschwaden verbergen die Wasserfälle, die zu den bekanntesten der Welt gehören. Den Besuchern bietet sich ein atemberaubendes Schauspiel - wenn man es denn aushält.

Eines vorweg: Die Wasserfälle an der Stadt Niagara Falls sind nicht gefroren. Sie sind nicht zu gewaltigen Eiszapfen erstarrt und bilden auch keine 1200 Meter lange Eisfront. Fast 2500 Tonnen Wasser rauschen hier jede Sekunde in die Tiefe.

Schmerzen bei minus 20 Grad

Eine Temperatur, die diese Gewalt erfrieren lassen könnte, gibt es nicht. Einmal, 1848, floss wegen der Kälte tatsächlich zwei Tage kein Wasser. Aber da hatten Eisschollen den Weg des Flusses Niagara versperrt. Die Niagarafälle waren also verstopft, nicht gefroren.

Minus 20 Grad und Wind machen Wangen und Lippen taub und die hohe Luftfeuchtigkeit sorgt dafür, dass man auch jedes Grad Kälte spürt. Nur ein paar Touristen tun sich das an. "Man hat uns gewarnt. Aber das hier tut richtig weh", sagt Steven Brinton. Der Waliser hat mit seiner Frau Mary extra einen Zwischenstopp gemacht. "Das müssen wir jetzt drei Tage aushalten. Aber es ist faszinierend. Und danach: Bahamas." Er versteckt sein Grinsen hinter einem dicken Schal.

Wunderschön und nervend zugleich

Die Niagarafälle sehen aus wie ein Winterwunderland. Während in Kanada alles fast wie immer fließt, versteckt sich das Wasser auf der amerikanischen Seite hinter dickem Eis und dem Wasserdampf, der ständig aufsteigt. Die Bäume sind mit einer Eisschicht überzogen, die fast unwirklich schön ist. Das Eis auf den Fernrohren für Touristen ist fünf, vielleicht zehn Zentimeter dick. Brillenträger und Fotografen haben es schwer: Die Gischt der Wasserfälle, die vom starken Wind weitgetragen wird, erstarrt auf dem Glas sofort zu Eis.

"Ich kann mich an keinen Winter erinnern, der so lange so kalt war", sagt Brian Toss. Er kommt aus Buffalo, nur 20 Minuten mit dem Auto entfernt. "Ich bin Einheimischer, aber jetzt wohl Tourist", sagt er und guckt versonnen auf die vereiste Landschaft. "Das alles ist wunderschön." Kurze Pause. "Aber mittlerweile nervt es auch."

Eine freundliche Leidensgemeinschaft

"Ach, das ist doch wie Frühling", sagt dagegen Alexander. "Ich komme aus Sibirien, da haben wir solche Temperaturen noch im Mai." Er lacht, zieht sich aber doch die Handschuhe ein bisschen fester. Ein anderer neben ihm scheint wirklich zu leiden. "Alicante, Spanien", sagt Dimis Fernández nur durch den dicken Wollschal. "Solches Wetter haben wir nie. Nie!" Rasch ein paar Selfies - Fälle im Hintergrund zu sehen? Ja? Gut! - dann schnell in ein Gebäude, irgendeines.

Die kleine Leidensgemeinschaft der Touristen sorgt dafür, dass man teilt. Eine reicht ihre Thermoskanne herum, ein Engländer bietet einer Japanerin gar seine Handschuhe an. Eine Französin kommt mit einer anderen Frau ins Gespräch. "Korea? Ah!", sagt sie. Und obwohl beide kein Englisch sprechen, trennen sie sich lachend. Und bibbernd.

Nur einer scheint auch vor Nervosität zu zittern. "Eigentlich wollte ich meine Freundin hier fragen, ob sie mich heiratet", sagt David Green. Und jetzt nicht? "Doch, klar, natürlich", beteuert er. "Ich werde nur meine kleine Ansprache deutlich kürzen." (dpa)