Eine Nacht mit Julia Roberts in San Sebastian

"La Concha" bedeutet "Die Muschel" und bietet den Badenden das Gefühl, sich in einer wohltemperierten Badewanne zu befinden.
"La Concha" bedeutet "Die Muschel" und bietet den Badenden das Gefühl, sich in einer wohltemperierten Badewanne zu befinden.
Was wir bereits wissen
San Sebastian komplettiert jetzt den Grand-Slam der europäischen Filmfestivals. Neben Cannes, Venedig und Berlin lockt auch die Stadt im Baskenland Filmstars wie Richard Gere oder John Travolta an. Doch auch sonst hat die 183.000-Einwohner-Stadt einiges zu bieten.

San Sebastian.. Hollywood im Baskenland: Richard Gere, John Travolta, Susan Sarandon, Ewan McGregor oder Regisseur Oliver Stone – zum 60. Geburtstag des Filmfestivals, das seit gestern im kleinen Seebad nahe der französischen Grenze läuft, kommen die großen Stars. Weil San Sebastians Festival sozusagen zum europäischen „Film-Grand Slam“ gehört – neben Cannes, Venedig und Berlin. Und weil diese Stadt vom ersten Moment an so unwiderstehlich ist wie ein George Clooney-Lächeln: Strahlend blaues Wasser, umsäumt vom sichelförmigen Sandstrand und weißen Belle Epoque-Wohnpalästen als Kulisse dahinter: Ja, dieser Blick vom Monte Igueldo ist der schönste auf San Sebastian und auf „La Concha“, der Name der Bucht: „die Muschel“.

Ihre Perle mittendrin heißt Santa Clara, eine Insel, die seit Jahren immer wieder mysteriöse Schlagzeilen macht: Friesische Eroberer hätten sie besetzt und in „Baskooge“ umbenannt, heißt es – alles unter der Leitung des selbsternannten Bürgermeisters Hans Harms. Dieser bärtige Hüne, ein Bilderbuchfriese, schmunzelt, angesprochen auf seine Insel-Invasion. „Nur ein Gag“, sagt der 61-Jährige, ausgeheckt zusammen mit baskischen Freunden.

"La Concha" ist eine Badewanne

Ob nun Baskooge oder Santa Clara, der Felsen sorgt wie ein Bucht-Pfropfen mit dafür, dass Gischt und atlantische Wellenberge sich draußen vor San Sebastian austoben. Weswegen man in „La Concha“ gerade mit Kindern wie in der Badewanne planschen kann. „Trotz 1a-Innenstadtlage – hier am Strand ist kein Sandkorn in abgezäuntem Privatbesitz“, erklärt Harms. Was die Menschen in der 183.000-Einwohner-Stadt zu schätzen wissen.

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Hinein in die schachbrettartig angelegte Altstadt, die vergleichsweise neu ist: 1813, nach einem der vielen Großbrände, wurden die meisten Häuser erbaut. Gefühlt jedes zweite beherbergt heute eine Bar. Hier gibt’s San Sebastians Spezialität: Pinchos – Zahnstocher mit raffinierten Delikatess-Kreationen. Mit „Pata negra“, dem hauchdünnen baskische Schinken, der pikanten Paprikawurst Chorizo oder dem Idiazabal-Schafskäse – alles wird beim in San Sebastian sehr beliebten „Txikiteo“, einer Art „Spieß-Schnuten-Lauf“ der Fingerfood-Fans vernascht.

Die Arkaden als Fußballtor am Abend

Auf dem Weg zur nächsten Bar wollen die Gäste von Harms natürlich wissen, wie er ausgerechnet im Baskenland strandete: Vor fast 30 Jahren war es, da gondelte der Student mit einem VW Bully aus Jever nach San Sebastian, machte seinen Doktor der Philosophie und blieb als Berater für soziale Projekte hängen – „in der schönsten Stadt der Welt“, wie er sagt. Wie zum Beweis nimmt er einen kurzen Umweg über die „Plaza Constitution“, ein wunderbares, von Arkaden-Häusern umgrenztes Rechteck, das früher die Stierkampfarena war. Heute ist die Plaza eine Mischung aus Open-Air-Museum, Cafe und Fußball-Talentschuppen: Überall kicken Jungs in der Feierabend-Dämmerung und nutzen die Arkaden als Tore.

Mit großem Hallo wird Hans Harms in der Bar „Zeruko“ begrüßt, von Marili und Joseán Calvo, den Gewinnern des Pinchos-Preises 2008. „La Hoguera“ (das Lagerfeuer) hieß ihre Kreation: Serviert wird ein umgedrehtes Cidre-Glas. Erst wenn man es lüftet, ist der Pinchos-Name klar: Darunter qualmt es, damit man den Kabeljau am Spieß räuchern kann – ganz nach eigenem Geschmack. Beinahe täglich überbieten sich die Wirte der Stadt mit der Erfindung neuer Pinchos-Varianten. Doch ob Blutwurst mit Pistazie oder Ei am Stiel – jeder muss den Klassiker und vermutlich ersten Pincho aus den späten 40er Jahren auf dem Tresen haben, erklärt Hans Harms: „Gilda“ heißt dieser Peperoni-Anchovis-Oliven-Spieß, benannt nach den Kurven einer Tänzerin aus dem gleichnamigen Film mit Rita Hayworth von 1946.

Eine Nacht mit Julia Roberts

Nach einem Abend voller kulinarischer Genüsse geht’s ins Hotel. „Mit welchem Filmstar möchten Sie die Nacht verbringen?“, fragt der Mann an der Rezeption. Julia Roberts auf Zimmer 507 und Glenn Close (707) wären noch zu haben, ebenso Woody Allen und Richard Gere. Nun ja, sie sind nicht persönlich da, aber immerhin mit einem großen Foto überm Bett. Denn das ehemalige Kino „Astoria7“ hat beim Umbau zum Hotel jedes Zimmer einem Filmstar oder Regisseur gewidmet. Voraussetzung: Er oder sie war mal Gast auf dem seit 1953 existierenden Filmfestival.

Das ganze Haus ist filmisch durchinszeniert, in der mit Sofas und Ohrensesseln gemütlich ausgestatteten Bibliothek stehen alte Projektoren, Filmdosen und Teile alter Kameras in den Regalen. Aus den Lautsprechern säuselt Filmmusik. Ach ja, und im Foyer sitzt Hitchcock, lebensgroß als Puppe mit Drehbuch in einem Kinosessel. Der Platz neben ihm ist natürlich nur ganz selten frei – fast jeder Hotelgast möchte dieses Erinnerungsfoto.