Veröffentlicht inReise

„Ein verstecktes Juwel“ – Auf Entdeckertour durch Wales

„Ein verstecktes Juwel“ – Auf Entdeckertour durch Wales

Wales.jpg
Im Gegensatz zu Irland und Schottland ist Wales bei ausländischen Touristen bisher noch nicht so gefragt. Doch genau darin liegt der Reiz des sympathischen Landes: Hier muss man nicht den von unzähligen Urlaubern ausgetrampelten Pfaden folgen, sondern kann sich wie ein echter Entdecker fühlen.

Essen. 

Als Stella Thomas den längsten Ortsnamen Europas ins Bus-Mikrofon röchelt, geht ein Lächeln über die Gesichter der Besucher. Natürlich kommt der Reiseleiterin „Llanfairpwll­gwyngyllgo- gery­chwyrndrobwll­llantysilio­gogo- goch“ unfallfrei über die Lippen, darauf hat der deutsche Tourist in Wales ja auch ein Anrecht, oder nicht? Da Konsonanten in der walisischen Buchstabensuppe oben schwimmen und die meisten Vokale ertrunken sind, überlässt man die Aussprache ohnehin generell lieber den Einheimischen.

Der britische Humor lässt für die kleine Gemeinde im Nordwesten des Landes freilich nichts anderes zu als eine Städtepartnerschaft mit „Y“ in Frankreich und „Ee“ in den Niederlanden. Von den 3000 Einwohnern dieses eher grauen Fleckchens lässt sich keiner blicken, wenn der Bus auf dem Parkplatz vor der Bahnstation kurz mal anhält. Man kennt das Bild zur Genüge, es lockt keinen Waliser mehr vor die Haustür. Die Touristen springen raus, versammeln sich unter dem Ortsschild, und die Kameras klicken – Abfahrt!

In den Hügeln von Wales wie ein Entdecker fühlen

Wales, drei Millionen Menschen, sechs Millionen Schafe und halb so groß wie die Niederlande, liegt ganz links in Großbritannien. Und da lassen es die Deutschen in der Regel auch liegen. „Ich wünschte mir, wir hätten Rosamunde Pilcher“, stöhnt Jane Landstrom von der Tourismusagentur „Visit Wales“. Und ja, die gezuc­kerten Romanzen der alten Dame vor wilden Landschaften haben gefühlt mehr Urlauber nach Cornwall gelockt als alle Reiseprospekte zusammen. Auch Irland und Schottland können sich kaum beklagen, denn trotz aller Wetterrisiken haben sie eine treue Fanschar hinter sich versammelt.

Aber Wales?

„Jedem fällt sofort etwas zu Irland und Schottland ein, aber die Leute wissen nichts über Wales“, klagt Eryn Griffith, ein alter Herr im schic­ken Zwirn, der eine Reihe luxuriöser Landgasthöfe, ehemalige Herrenhäuser und zauberhafte Pensionen unter der Marke „Welsh Rarebits“ vermarktet. „Es ist ein verstecktes Juwel“, wirbt Spencer Birns, Chef des Hauptstadt-Flughafens in Cardiff, der sich freut, dass Lufthansa Düsseldorf und damit Deutschland samstags nun direkt mit seiner Heimat verbindet. Und im Wort „versteckt“ liegt vermutlich derzeit der größte Reiz dieses sympathischen Landes: Während auf dem Ring of Kerry in Irland sämtliche Pfade ausgetrampelt und in den schottischen Highlands alle Whiskys probiert sind, darf man sich in den Hügeln von Wales und auf der Amüsiermeile in Cardiffs lebendigem Hafenviertel noch als Entdec­ker fühlen. Natürlich trifft man Touristen. Aber nur wenige – selbst wenn es im Jahr übers Land verstreut eine Million sein sollen.

„Welsh Cream“ ist die unklebrige Antwort auf „Bailey’s“ 

Ja, es gibt auch in Wales die imposanten Schlösser und Burgen wie das wuchtige Cardiff Castle und das malerisch am Wasser gelegene Caernarfon Castle, bestens erhalten und reich an abenteuerlicher Geschichte. Es gibt das saftige Grün in den Hügeln des Snowdonia Nationalparks, es gibt Sandstrände und Steilküsten auf 1200 Kilometern, Örtchen mit den kleinen Häusern der Kohlearbeiter, Zeugnis einer harten Geschichte, und den urigen Kneipen, wo sie mit den Schiebermützen an der Theke sitzen.

Es gibt zwar nur eine Whisky-Destillerie, aber dass Penderyns Tropfen aus dem gleichnamigen Dorf fast ausschließlich in der Spitzenhotellerie ins Glas kommen, spricht für seine Qualität. „Wir produzieren ein Fass am Tag und wollen in einer exklusiven Nische bleiben“, erklärt Geoff Burns, der durchs kleine Besucherzentrum führt. Wer es süßer liebt: Penderyns „Welsh Cream“ ist die elegante und unklebrige Antwort auf den weltweit so beliebten „Bailey’s“. Und: Wales bietet 200 Golfplätze. „Bringt mir die Golfer“, ruft Eryn Griffith und verweist auf Platzgebühren, die mit umgerechnet 30, 40 Euro im europäischen Vergleich in der Tat spottbillig wirken. Gleichwohl erreichen Hotels und bescheidenere Unterkünfte spielend Düsseldorfer Preisniveau.

Portmeirion lockt mit gehobener Gastronomie

Wer die wunderbaren Schrulligkeiten von Wales genießen will, kommt an einem Retortendorf im Norden nicht vorbei, das es bei aller verspielten Künstlichkeit schafft, nicht nach Disneyland zu riechen. Dabei sieht das Ensemble von bunten Häuschen und Gärten am Wasser so aus, als habe jemand das italienische Portofino nachbauen wollen.

Der Architekt Sir Bertram Clough Williams-Ellis entwickelte es zwischen 1925 und 1975, heute lockt es mit geschmackvollen Unterkünften und gehobener Gastronomie. Die Beatles gehörten zu den Stammgästen, und die skurrile britische Fernsehserie „The Prisoner“, die hier in den Sechzigern gedreht wurde, läuft immer noch in einer Endlosschleife in den Fernsehgeräten des Hotels. Das Dorf heißt „Portmeirion“. Und das lässt sich auch für einen deutschen Urlauber leicht aussprechen…