Echte Affenliebe

Wenn Ferdinand seinen Charme spielen lässt, fließen Tränen.
Wenn Ferdinand seinen Charme spielen lässt, fließen Tränen.
Foto: Mona Contzen
Was wir bereits wissen
Kratzer an den Beinen, Löcher in den Hosen: Die Begegnung mit Ferdinand ist jede Mühe wert, am Ende fließen sogar Tränen.

Dar es Salaam..  Der Dschungel riecht nach Schweiß. Der eigene Atem, heftig und schnell, übertönt das Zirpen, Knarzen und Piepsen abertausender Insekten. Dann, nach vielleicht einer Stunde schweißtreibender Kletter- und Rutschpartien das erste pechschwarze Fellknäuel hoch oben in einem Baum. Erwartungsvolle Blicke versuchen das grüne Dickicht zu durchdringen. Doch der Schimpanse rührt sich nicht. Stattdessen knarzt das Funkgerät.

Sirlum Ahmad gibt das Zeichen zum Aufbruch. Der Nationalpark-Ranger weiß, dass jetzt jede Minute zählt. Wir hetzen im Laufschritt durch den dichten Dschungel, stolpern mehr, als dass wir gehen.

Gombe – der kleinste und teuerste Nationalpark

Äste verfangen sich in den Haaren, Wurzeln hinterlassen Schrammen und Kratzer an den Beinen, reißen Löcher in Hosen. Egal. Alles, was jetzt zählt, ist schnell genug zu sein – bevor der nächste Schimpanse wieder im grünen Dickicht verschwindet.

Seit fast zwei Jahren kämpft sich Sirlum im Dienste der Touristen die matschigen Steilhänge von Gombe hinauf. In Tansanias kleinstem und teuerstem Nationalpark zahlen Besucher 100 Dollar pro Tag, um einen Blick auf eine bedrohte Tierart zu erhaschen. Der östliche Schimpanse, eine von vier Schimpansen-Unterarten, war früher im gesamten westlichen Tansania weit verbreitet. Doch die Abholzung von Lebensräumen und der Aberglaube, der Verzehr von Schimpansen-Fleisch mache einen Menschen stärker, haben die Population schrumpfen lassen. Heute gibt es nur noch etwa 2800 Tiere, von denen die meisten in zwei Nationalparks am Tanganjika-See leben.

Sirlum stößt einen Laut aus, ähnlich dem Ruf eines Uhus, und der Dschungel antwortet. Vier Spurenleser sind unaufhörlich im Einsatz, sie folgen dem Geruch, den Geräuschen oder den Futterspuren der Schimpansen und benachrichtigen dann die Touristengruppen. Jetzt geht es querfeldein, Schlingpflanzen müssen zurückgebogen, Felsen überwunden werden. Und plötzlich ist er da: Ferdinand, 22 Jahre alt, stattliches Familienoberhaupt, hängt gemütlich in einer Astgabel und hält sein Vormittags-Nickerchen. Ein herzhaftes Gähnen, ein Kratzen, ein kurzes Blinzeln – der menschliche Besuch scheint den Affen nicht zu stören.

Etwa die Hälfte der rund 100 Schimpansen in Gombe sind an Menschen gewöhnt seit die britische Forscherin Jane Goodall hier in den 1960er Jahren begann, die Grenzen zwischen Menschen und Tieren neu zu ziehen: Sie beobachtete nicht nur, wie Schimpansen Werkzeuge herstellten und benutzten, sondern dokumentierte Jahrzehnte lang auch das reiche soziale Miteinander der Primaten. Der Nationalpark hat es so zu Weltruhm gebracht, trotzdem finden nur etwa 2000 Touristen pro Jahr den Weg hierhin an die Grenze zum Kongo.

Als Ferdinand aufwacht, ist von seinen Artgenossen weit und breit nichts zu sehen, doch seine Besucher genießen die Show. Ferdinand hangelt sich geschmeidig von Baum zu Baum, zupft ein paar Mbula-Blätter ab, stopft sich den Mund mit kleinen Bhuryankende-Früchten voll und lässt die Kerne genüsslich wieder herausquillen.

Ferdinand lässtseinen Charme spielen

Vor allem aber lässt er seinen Charme spielen: Mit seinen tiefschwarzen Augen scheint er direkt in die eigene Seele zu blicken. Auch wer safarierfahren und nicht besonders rührselig ist, spürt sofort einen Kloß im Hals. Vielleicht liegt es daran, dass wir uns selbst in diesen klugen, dunklen Augen sehen. Vielleicht ist es die körperliche Anstrengung, die nach der Jagd durch den Urwald alle Dämme brechen lässt. Als wir Ferdinand nach einer Stunde wieder verlassen müssen, lasse ich meinen Tränen freien Lauf.