Die Südküste Menorcas ist ein Rohdiamant für Reisende

Foto: Medienbüro Keller, Bonn // Thorsten Keller Thorsten Keller
Was wir bereits wissen
Menorca ist die nördlichste der Baleareninsel und bietet, verglichen mit den Badeorten auf Mallorca oder dem Festland, eine beschauliche Atmosphäre.

Cala Galdana.. Wenn Mathieu Nieuwland sein Kajak ins Wasser lässt, ist er glücklich. Radeln, laufen, Kajak fahren – der Belgier hat an der Südküste Menorcas in Cala Galdana sein Domizil fürs Leben gefunden. Eine weitgeschwungene Bucht, feingoldener Sandstrand, türkisblaues Wasser – Cala Galdana ist zwar der größte Touristenort auf der nördlichsten Baleareninsel, doch verglichen mit den Badeorten in Festlandspanien oder auf Mallorca ist der Ort geradezu beschaulich. „Im Winter leben hier vielleicht zwei Dutzend Menschen“, sagt Mathieu, der Cala Galdana seit 2002 die Treue hält. „Erst im April kommt der Ort dann langsam zurück aus dem Winterschlaf.“

Kaum hat das Wasser im April 16 Grad erreicht, beginnt für Mathieu die Kajaksaison. Die felsige Küste rund um Cala Galdana ist vom Meer ausgewaschen. Viele Höhlen, einst von Schmugglern genutzt, tragen außergewöhnliche Namen wie „Kathedrale“ oder „Alexbogen“. Einmal auf dem Weg mit dem Kajak durch das türkisblaue Wasser in die Trebaluger-Schlucht einige Kilometer östlich von Cala Galdana zeigt Mathieu nach oben auf einen Felsabbruch: „Hier ist eines Morgens nach heftigen Regenschauern plötzlich der Garten eines Hauses ins Meer gesackt. Glücklicherweise ist niemandem etwas passiert.“ Das Leben auf Menorca kann ein Abenteuer sein, wenn die Natur hier ihre Kräfte walten lässt.

Eine Schlucht wie im Amazonas

Die Cala Trebaluger ist Mathieus Lieblingsbucht auf „seiner“ Insel. Brütende Vögel und Fischkolonien tummeln sich im dichten Schilf des Feuchtgebietes. Hier herrscht totale Stille. „Diese Schlucht ist schon nicht mehr wie Menorca. Das ist schon fast wie im Amazonas“, schwärmt Mathieu, der sich in Trebaluger vor allem im Hochsommer seine Auszeiten gönnt, wenn die Strände in und rund um Cala Galdana dann doch recht gut besucht sind. Trebaluger ist vom Land her nur mühsam erreichbar. „Dieser Ort ist eine eigene kleine Welt“, freut sich Mathieu über sein Refugium, um das selbst der Cami de Cavalls einen Bogen macht.

Der Cami de Cavalls ist der touristische Stolz Menorcas. 184 Kilometer Rundweg um die Insel, einst über Jahrzehnte genutzt von berittenen Patrouillen der britischen Besatzer. Seit einigen Jahren ist er ein befestigter Wanderweg – ein spektakulärer, auf dem immer mehr Urlauber die Schönheiten der Insel kennenlernen, ohne sich dabei zu sehr anzustrengen.

Infobox1sp-049.xml „Die Hälfte Menorcas steht unter Landschafts- und Naturschutz, und seit 1993 ist die Insel ein Biosphärenreservat der Unesco“, erläutert Ralf Freiheit, der seit zwei Jahrzehnten deutsche Urlauber über die Insel führt. Neue Hotelprojekte können seit langer Zeit nur noch unter strengsten Umweltschutzauflagen entstehen. Lediglich in Cala Galdana und in Son Bou stören ein paar Hotelaltlasten die Ausblicke auf viel Natur und einsame Buchten. „Auf der Insel hat man sich sehr früh entschieden, die Fehler, die man auf Mallorca, an der Costa Brava und an der Costa del Sol gemacht hat, nicht zu kopieren“, weiß Freiheit. Ein Teil der Wahrheit, der andere Teil ist schlichte Machtpolitik. Während General Franco ab den 50ern auf dem Festland und auf den anderen Baleareninseln den Tourismus ankurbeln ließ und das Hinterland der Strände auf Kilometern zu Hotelschluchten ausgebaut wurde, war das aufmüpfige, republikanische Menorca von den Geldtöpfen abgeschnitten. „Das war unser Glück“, findet Ramon Navarro, Menorquiner mit österreichischen Wurzeln, heute. „Denn so konnten wir uns unsere Ursprünglichkeit bewahren.“

Römer, Türken, Briten, Hippies

Tourismus findet auf Menorca heute vor allem in Boutiquehotels und in kleinen Pensionen statt. Dorita führt in Llucmacanes ein solches „Agroturismo“. Urlaub auf dem umgebauten Bauernhof – modern, zeitgemäß und mit Familienanschluss. Gerade im Süden Menorcas finden Touristen heute ihre Unterkünfte. Von hier aus starten die Entdeckungsreisen auf dem Cami de Cavalls und in die beiden Städte Ciutadella im Westen und Mahon im Osten. Oder aber in den Norden, den Ramon Navarro besonders liebt. Alle fünf Kilometer ändert sich das Landschaftsbild entlang der Millionen Jahre alten Nordküste der Insel. Hier die Cala Pregonda mit ihrem goldenen Sandstrand, den man wie so viele Buchten Menorcas nur nach einem längeren Marsch über den Cami de Cavalls erreicht. Dann die Mondlandschaft am Cap de Cavalleria und nochmals einige Kilometer weiter die bizarren schwarzen Schieferfelsen am Cap de Favaritx mit seinem Leuchtturm und den horizontal wachsenden Bäumen und Sträuchern. Und schließlich die Lagune von Es Grau, mit 72 Hektar die größte Süßwasserfläche der Balearen – und mit Millionen Zugvögeln, die hier auf ihrem Weg in die Winterreservate Zwischenstation einlegen.

„Die Insel ist ein Rohdiamant“, sagt der Touristenführer, der mühelos den Bogen schlägt von der frühen Besiedlung durch die Römer und Türken über die britischen Besatzer im 18. Jahrhundert bis hin zu den Hippies in den 60ern und 70ern, deren Hinterlassenschaften in den Höhlenwohnungen im Süden zu bestaunen sind. „Menorca ist ein Paradies“, schwärmt er. Und liegt in dieser Frage mit Mathieu Nieuwland und Ralf Freiheit völlig auf Wellenlänge.