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Die einsamen Freuden Mallorcas

19.02.2013 | 07:30 Uhr
Foto: /ATB/Eduardo Miralles

"Great Britain Cycling Team" steht in dicken Lettern auf dem Heck des vorausfahrenden Kombis. Der Wagen folgt auf der Landstraße in der Bucht von Alcudia einer Gruppe ziemlich professionell ausschauender Radfahrer. Es sind die schnellsten, die wir sehen. Um diese Jahreszeit, im Januar, haben die Pedalritter auf Mallorcas Straßen freie Fahrt.

Pollença (dapd). "Great Britain Cycling Team" steht in dicken Lettern auf dem Heck des vorausfahrenden Kombis. Der Wagen folgt auf der Landstraße in der Bucht von Alcudia einer Gruppe ziemlich professionell ausschauender Radfahrer. Es sind die schnellsten, die wir sehen. Um diese Jahreszeit, im Januar, haben die Pedalritter auf Mallorcas Straßen freie Fahrt. Man sieht sie überall und in allen Gewichtsklassen: Profis, ambitionierte Hobbyfahrer, auch welche mit Bäuchlein. Auf den Landstraßen haben sie freie Fahrt, anderweitig interessierte Reisende bleiben nämlich größtenteils weg. Die spanische Baleareninsel macht im Winter Urlaub. Mallorca hat zu. "Cerrado" oder auf Mallorquin "Tancat" steht an der Türen vieler Geschäfte, von Restaurants und vor allem der Strandhotels. Selbst wenn man vielerorts natürlich "todo el año" für seine Gäste da ist.

Die Winterwirklichkeit Mallorcas sieht so aus: keine Menschenseele am Strand in der Bucht Cala d'Or im Südosten. Die Strandbar hat auch geschlossen. Genauso in Cala Sant Vicenç im Norden. Am Strand Es Trenc im Süden, vor 25 Jahren ein Geheimtipp, soll man für den Parkplatz vier Euro zahlen. Niemand stellt sein Auto ab. An den Küsten, einige Refugien wie Cala Millor im Osten oder die Strände rund um die Inselhauptstadt Palma ausgenommen, ist Mallorca im Januar wie ausgestorben. Geisterstädte. Man kann sich lediglich vorstellen, wie die Schaufensterläden an den Promenaden wieder hochgezogen, die Ständer mit den Waren davor platziert und die Boulevards bevölkert werden.

Der Hahn ist verschwunden

In Port de Pollença am nordwestlichen Zipfel muss man sich an einem sonnigen Sonntagmittag mühen, einen Café-Platz in der Sonne zu ergattern. Nur einige Restaurationsbetriebe haben die Stühle draußen. Dabei zeigt das Thermometer im Mietwagen fast 20 Grad, T-Shirt-Wetter. Von Port de Pollença aus sind es nur sieben kurvige Kilometer mit traumhaften Ausblicken bis zu einem der Traumstände Mallorcas, dem Formentor-Strand auf der gleichnamigen Landzunge. Doch auch hier ist Ruhe angesagt, die gläsernen Schiebetüren rund um die "Showcooking"-Bühne sind fest verschlossen. Das berühmte Hotel Formentor nebenan hat keine Gäste. Weitere zwölf Kilometer sind es bis zum Leuchtturm am Cap de Formentor, wo die Radler und Autoreisenden ein offenes Selbstbedienungscafé, der 360-Grad-Ausblick und die schmusebedürftige Cap-Katze erwarten.

Am Abend erweist sich Pollença einige Kilometer im nordwestlichen Hinterland der Insel als richtige Quartierwahl: die kleinen Gassen, der Marktplatz und die 365 Stufen hoch zur Kapelle auf dem Kalvarienberg reichen fürs Flanieren. Etwas länger, eine Stunde, dauert die Wanderung auf den Puig de Maria, den 330 Meter hohen Hausberg. Oben wartet zur Überraschung im früheren Frauenkloster ein offenes Café, sein Betreiber muss nur schnell eine Tür fertig streichen, dann erfüllt er den Wunsch. In Pollença hat schätzungsweise die Hälfte der Läden geöffnet. Einheimische, Zugezogene und Tagestouristen sorgen für den Umsatz. Nur der gusseiserne Hahn auf dem Brunnen, das Wappentier der Stadt, ist verschwunden. Ob er auch im Winterurlaub ist? Nichts da: Das beliebte Fotomotiv ist - mal wieder - geklaut worden.

Der Rote Blitz wird gewartet

Am nächsten Tag hat das Kloster Lluc im Tramuntana-Gebirge geöffnet, sogar schon um zehn Uhr morgens. Eine einsame Freude. Das Klostermuseum ist jedoch nicht zugänglich, genauso singt der berühmte Knabenchor "Els Blauets" in diesen Tagen nicht. Auf der sensationellen MA-10, der kurvigen Route durchs Tramuntana-Gebirge, geht es weiter nach Sóller. Hier, einige Kilometer von der Küste weg, ist Leben. Mallorquinerinnen stehen schwatzend vor ihren Häusern, die Rentner treffen sich zum Morgenkaffee in den Bars. Touristen bewundern die von Gaudí inspirierte Fassade der St. Bartomeu-Kirche. Schade nur, dass die berühmte Bahnfahrt mit dem "Roten Blitz" nach Palma nicht möglich ist. An der 101 Jahre alten Schmalspurbahn werden Wartungsarbeiten durchgeführt. Immerhin fährt die Straßenbahn als Verlängerung in den Hafenort Port de Sóller, an dessen Strandpromenade eine Handvoll Menschen am Café con leche nippt.

Ebenso wie Pollença bewahrt Sóller im Winter seine Unschuld, ohne langweilig zu sein. Von hier führt die Tramuntana-Route weiter ins Künstlerdörfchen Deià, das sich an einen Hügel schmiegt, und dann nach Valldemossa - berühmt durch George Sands Klassiker "Ein Winter auf Mallorca", in dem sie die kalte Jahreszeit 1838/39 mit dem gesundheitlich angeschlagenen Komponisten Frédéric Chopin beschreibt. Allein das reicht, um Valldemossas alte Mauern zu einem Topausflugsziel zu machen. Ohne Gäste wirkt das touristische Werben im Winter jedoch völlig überzogen. Offenbar kommen auch vergleichsweise wenige Radtouristen hierher. Die Bergetappen Mallorcas sind schließlich etwas für Profis, und die haben andere Interessen als Sightseeing.

dapd

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