Willingen lockt mit Wintersport
26.12.2009 | 09:00 Uhr 2009-12-26T09:00:00+0100
Ort rüstet sich mit Schneekanonen gegen den Klimawandel - Weltelite der Skispringer startet hier
Die weißen Flocken haben das hessische Willingen berühmt gemacht: Acht Berggipfel umrahmen dieses Paradies für Skifahrer und Langläufer. Die Weltelite der Skispringer startet hier. Und inzwischen ist der Ort im Nordwestzipfel Hessens sogar für den Klimawandel gerüstet. Mit einer der größten Beschneiungsanlagen Deutschlands können sich die Gäste im Winter fast sicher sein, dass zumindest auf den Pisten Schnee liegt. Innerhalb von zwei Tagen bedecken 75 Schneekanonen die Abfahrtshänge mit einer Schicht von 35 Zentimetern - zumindest bei Minusgraden. Schließlich gibt es in Hessen kaum eine weitere Kommune, die so sehr vom Tourismus lebt.
Der bronzene Linnenkerl auf dem kleinen Marktplatz vor der alten Kirche erinnert an die Zeit, als die Willinger noch mit Eisen und Stoffen fortzogen, weil das Bergdorf zu arm war, um sie zu ernähren. Doch in der Ferne erzählten die Händler ihren Kunden von der Schönheit der Berge im Sauerland. Die Linnenkerle, die Männer in den blauen Leinenhemden, brachten die ersten Gäste nach Willingen. Mit der Dampflok fuhren sie damals über das 31 Meter hohe Viadukt, das einen weiten Blick über das Tal eröffnet. Bis heute ruckeln die Züge über die gewaltige Brücke, das Wahrzeichen der Gemeinde.
Die Touristen haben Wohlstand nach Willingen gebracht. In der 3500-Seelen-Gemeinde gibt es 51 Hotels, 70 Pensionen und 170 Ferienwohnungen mit 10 000 Betten. Dabei sind die Unterkünfte mit weniger als neun Betten noch nicht einmal mitgezählt. Auf 50 Willinger kommt eine Kneipe. In der Hochsaison verdreifacht sich die Einwohnerzahl.
Für Weihnachten und Neujahr ist die Wintersporthochburg schon fast ausgebucht: "Ab Dezember wird es rappelvoll", berichtet Tourismusmanager Ernst Kesper: "Wir könnten 10 000 Betten mehr haben." Vor allem kommen Gäste aus dem Ruhrgebiet und den Niederlanden. Die Willinger locken mit 20 Skiliften, 90 Kilometern Loipen, Pisten unter Flutlicht, Pferdeschlittenfahrten und einer einmaligen Landschaft. Neu ist ein Funpark am Ritzhagen, in dem sich Skifahrer und Snowboarder vergnügen können.
Auch für schlechtes Wetter hat der Ort mit vielen ungewöhnlichen Angeboten vorgesorgt: Es gibt ein Schieferbergwerk, in dem in unterirdischen Stollen getaucht werden kann, ein „Milchmuhseum“, eine Go-Kart-Bahn, eine Besucherbrauerei, eine Kletterhalle, eine Glasbläserei und Abenteuer-Golf. Die Eishalle lockt Sportler aus ganz Deutschland.
Mit 1,2 Millionen Übernachtungen pro Jahr ist Willingen eine Fremdenverkehrshochburg in Hessen. Es gibt rund 400 Hotels, Gästehäuser und Pensionen sowie 70 Gaststätten. Größtes Hotel ist der Sauerland-Stern mit mehr als 1500 Betten und 250 Mitarbeitern. Ansonsten dominieren Familien-Betriebe.
Die Touristen kommen vor allem aus dem Ruhrgebiet und den Niederlanden. Meist bleiben sie drei bis vier Tage. Im Schnitt kommen drei Gäste auf einen Einheimischen.
Im Winter locken 20 Skilifte, 90 Kilometer Loipen, eine Eislaufhalle, Pferdeschlittenfahrten, das Lagunenbad und das Weltcup-Skispringen. Im Sommer wandern die Gäste auf dem 64 Kilometer langen Uplandsteig, besuchen Kletterhalle, Wildpark, Glasbläserei, Milchmuseum und Besucherbrauerei. Im Juli findet das Bike-Festival statt.
Berühmt ist die schon vor mehr als 80 Jahren errichtete Ski-Sprungschanze im Strycktal. Für die Willinger ist sie eine "Heilige Kuh, weil sie dazu beigetragen hat, das kleine Bergdorf in die Schlagzeilen zu bringen", sagt ein Hotelier. Tatsächlich fällt der Bau der Schanze mit dem touristischen Aufschwung der Gemeinde zusammen. Seit 1982 startet hier die Weltelite der Skispringer. Der nächste Weltcup ist für den 5. und 6. Februar geplant. Erwartet werden mehr als 40 000 Zuschauer.
"Wenn die Leute eine gute Idee haben, setzen sie die auch um", sagt Seilbahnbetreiber Jörg Wilke. Er muss es wissen. 2007 hat er die nach seinen Angaben modernste Kabinenseilbahn Deutschlands errichten lassen. Skifahrer können seitdem in viereinhalb Minuten auf den 838 Meter hohen Ettelsberg sausen. Für Wanderer und Radfahrer lässt Wilke die Bahn lieber etwas langsamer fahren. Sie wollen schließlich die Aussicht genießen. Oben angekommen, kehren viele Ausflügler nach dem Besuch des Hochheideturms bei Hüttenwirt Siggi ein. Der 68-Jährige steckt die Gäste hier seit 30 Jahren mit seiner guten Laune an - und den Schnaps mit einer Lötlampe gleich im Dutzend.
Unterdessen gibt es in der alten Dorfkirche Willingens Himbeergeist statt Heiligem Geist. Vor 20 Jahren wurde aus dem klassizistischen Kirchlein eine Kneipe. Auf der Kanzel steht ein Gummibaum, ein profanes Schild weist zum "Donnerbalken" auf der Empore. Und in der Altarnische, wo einst das Kreuz im Zentrum stand, hat Gastwirt Bernd Nackas einen Adler aufgehängt - die Trophäe von dem Schützenfest, bei dem er Schützenkönig wurde. Bis heute ist das "Don Camillo" (Slogan: teuflisch gut) bei den gläubigen Willingern umstritten. An trinkfesten Gästen mangelt es nicht.
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