Urlaub ohne Untersee-Boote
23.10.2007 | 16:37 Uhr 2007-10-23T16:37:00+0200
Wenn der Nebel kommt und die Schiffe ruhen, lässt sich die Bodensee-Region per Bahn, Bus und Rad entdecken.
Hat es letzte Nacht geregnet oder ist der Weg nur nass vom Seenebel, der sich wohl erst so gegen zehn, halb elf aus der Landschaft heben wird? Da, wo der Radweg eine Biegung macht, haben sie Pfeile und Striche auf den Asphalt gepinselt: Reliquien der Kind-und-Kegel-Jahreszeit. Ein schönes Frühlingswochenende hier am Bodensee, so an Pfingsten oder Himmelfahrt, wenn die Pedalritter gleich scharenweise einfallen - man kann es sich heute kaum vorstellen. Denn jetzt hat der Herbst auch Deutschlands wärmsten Winkel in den Fängen, die Weiße-Flotte-Schiffe werden eingewintert, und auf die Blumeninsel Mainau darf man bald zum halben Preis: Saisonende am Schwäbischen Meer.
Bodensee-Region
Lage: Der Begriff Bodensee fasst die Gewässer Obersee, Untersee und Seerhein im Alpenvorland im Dreiländereck von Deutschland, Österreich und Schweiz zusammen. Der Untersee ist der kleinere der beiden Seen und liegt auf deutschem und schweizerischem Gebiet.
Anreise: Mit dem Auto über die A 81 Richtung Stuttgart - Singen. Der zentrale Bahnknotenpunkt ist Konstanz. Die nächste Flughäfen sind Friedrichshafen, Stuttgart und Zürich.
Besonderheiten: Der 80 km lange Seeradweg über Konstanz - Stein - Radolfzell - Konstanz und ist steigungsfrei und gut beschildert. Bahnlinien erschließen das Nordufer Konstanz - Radolfzell - Singen sowie das Schweizer Ufer Konstanz/Kreuzlingen - Stein - Schaffhausen. Reichenau und Halbinsel Höri sind per Bus erreichbar.
Kontakt:
Tourismus Untersee e.V. Tel: 07735/91 90 55, www.tourismus-untersee.de
Tourist-Info Reichenau, Tel: 07534/92 070, www.reichenau.de
Tourist-Service Stein, Tel: 0041-52/74 22 090, www.steinamrhein.ch
Dabei ist es nicht mal kalt und garstig hier am Untersee, dem "kleinen Bodensee" zwischen Konstanz und dem Rhein-Ausfluss beim Schweizerischen Städtchen Stein. Wie ein großer Wärmespeicher wirkt die spiegelglatte Wasserfläche, und der Nebel deckt sie zu wie eine Daunendecke. Was Wunder, dass der Untersee, dermaßen eingemummelt, gerne bis zum Mittag schläft und manchmal gar nicht aus den Federn kommt.
Dann muss man sich die Landschaft selber zu der frischen Herbstluft denken: Wie weit mag es weg sein, das Ufer, das man jetzt passiert? Kann man das Wasser riechen oder duftet es nach nassem Laub von Obstbaumwiesen oder frisch gepflügten Äckern? Ist der See verbaut oder ruht er hinterm Schilf verborgen? Oder versäumt man gerade einen hübschen Strandabschnitt mit Blick auf ein Dörfchen? Eher schon das Letztere, denn Kleinräumigkeit und malerische Winkel, verträumte Fachwerkdörfer gepaart mit stillen Ufern sind besonders typisch für den Untersee.
Schnell wäre man auch weg vom Wasser auf der Höhe, der Sonne entgegen - auf dem Bodanrück, das den Untersee vom Überlinger See im Norden trennt, auf dem Schiener Berg oder auf dem Seerücken am Schweizer Ufer. Das sind keine Riesen, doch auch 700 Meter Meereshöhe machen dann und wann den kleinen Unterschied zur Farbensymphonie der Nachsaison aus. Reisen durch den Herbst bieten nunmal mehr als eine Tonlage.
Doch bevor man sich noch durchgerungen hat, das Dahingleiten am See-Radweg für eine "Bergwertung" zu unterbrechen, zeichnet sich, zaghaft zunächst, eine helle Scheibe durch die Nebelfetzen ab, um nur Augenblicke später Weg und Wiesen in der Mittagswärme durchzutrocknen. Bank am Wasser suchen, eine Zwiebelschicht abstreifen und mit den Augen auf dem Ufer gegenüber spazieren gehen: Ist es die Halbinsel Höri mit den hohen Pappeln oder die lang gestreckte Mettnau bei Radolfzell? Gehört der flache Streifen Rebland schon zur Insel Reichenau oder blickt man auf das Allensbacher Ufer? Ein Blick auf die Karte kann nicht schaden, denn der Untersee weist jede Menge Halbinseln und Buchten auf.
Vielleicht ist man auch an einem Anleger gelandet, in Steckborn etwa, dem Schweizer Fachwerk-Städtchen mit der Turmburg, die das Bild des kleinen Hafens prägt. Drei, vier Kurse am Tag machten die Schiffe noch bis zum Wochenende, nun ruhen die Untersee- und Rheinschifffahrt. Im Sommer ließe man sich übersetzen, doch es geht auch anders: Gaienhofen auf der Höri, wo Hermann Hesse und der Maler Otto Dix ihre Spuren hinterlassen haben, ist per Bus erreichbar, und Stein am Rhein ist mit dem übrigen Schweizer Ufer per Bahn verbunden, Tausend Jahre ist das Städtchen alt geworden, vor dessen Kulisse der Strom den See verlässt und nach Schaffhausen weiterfließt.
Rheinterrassen und Weinberge gibt es hier in Stein, enge Fachwerkgassen und gemütliche Lokale, so wie sich das gehört für echte Rheinromantik. Hoch oben die Burg Hohenklingen, von deren Söller man den mittelalterlichen Stadtgrundriss in aller Schönheit überblickt. Malerisch im besten Sinne auch der Marktplatz mit den Lüftlmalereien: Sagenhelden und historische Begebenheiten auf stolzen Wirts- und Bürgerhaus-Fassaden. Kann gut sein, es lässt sich noch im Straßencafé aushalten, Details studieren, Leute gucken, sich vorstellen, wie es hier an schönen Sommertagen zugeht...
Subteaser bearbeiten Romantik aus Holz und Stein im gleichamigen Städtchen: Stein am Rhein. Rund 80 Kilometer misst der Radweg von Konstanz einmal um den Untersee herum, ein Tagespensum ohne große Hindernisse. Nur auf der Halbinsel Höri, die dem See nach Westen hin ein malerisches Ende setzt, geht es streckenweise rumpeliger zu - passend eben zur Umgebung unberührter Auen und gepflegter alter Streuobstwiesen. Inlinertauglich, dafür weniger romantisch, gibt sich das nördliche Ufer am Zeller See zwischen Radolfzell und Allensbach: Sonnenlagen für das berühmte Obst vom Bodensee und in der klaren Luft des Herbstes Traum-Aussichten Richtung Schweizer Berge und zur Insel Reichenau.
Die Reichenau, ein UNESCO-Weltkulturerbe, hat einen Tag für sich verdient. Gerade mal vier Quadratkilometer misst die "Gemüseinsel", doch zusammen mit den Kunstschätzen, die in drei alten Kirchen wohl gehütet werden, breitet sich vor den Besuchern eine der ältesten Kulturlandschaften in Europa aus. Schon im Jahr 724 hat Wanderbischof Pirmin das Reichenauer Kloster gegründet. Von den Stürmen der Zeiten verschont blieben nicht nur die Wandmalereien von St. Georg in Oberzell: Bis ins zehnte Jahrhundert datieren sie zurück und gelten als die einzig komplett erhaltene Kirchenausmalung jener Epoche nördlich der Alpen. Hauptkirche der Reichenau jedoch ist Mittelzell, das Münster St. Maria und Markus, wo seit dem Jahr 2001 wieder Benediktinermönche leben - nach zwei Jahrhunderten der Unterbrechung.
Man kann die Reichenau bequem per Drahtesel oder zu Fuß auf dem Uferweg umrunden, kommt dabei auch in Niederzell vorbei, der dritten großen Kirche fast am Insel-Ende. Und auch ein Blick vom höchsten Punkt des Eilands darf nicht fehlen: 441 Meter misst die Hochwart mitten in den herbstlich bunt verfärbten Reblagen, ein Häuschen wie ein Leuchtturm obenauf und die Welt des Untersees im Panoramablick zu Füßen. Heute Abend wird er sich wieder in die Nebel hüllen. Und so darf die Sommerwärme noch ein bisschen länger bleiben - für Herbstgenuss und Landschaft pur bis weit in den November 'rein. Lothar Steimle
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