Sachsen
Tourist im Porzellanladen
13.02.2010 | 07:00 Uhr 2010-02-13T07:00:00+0100
In Meißen dreht sich derzeit alles um das 300-jährige Jubiläum der berühmten Porzellan-Manufaktur
Auf dem noch unglasierten Stück zieht die Porzellanmalerin eine feine gebogene Linie, eine zweite quert diese im Schwung, dann kommen kurze Striche an den unteren Teil des Kreuzes. „Schwertern” heißt dieser kürzeste Arbeitsgang bei der Herstellung des Meissener Porzellans. Aber gerade der adelt die Kostbarkeiten, die seit 1710 die Porzellanmanufaktur verlassen. Das 300-jährige Jubiläum wird ausgiebig gefeiert.
Am 23. Januar 1710 vermeldete die Hofkanzlei von Kurfürst August dem Starken in einem „allerhöchsten Dekret” in lateinischer, französischer, deutscher und holländischer Sprache, die Erfindung des europäischen Hartporzellans und die Gründung einer Porzellan-Manufaktur. Warum gerade in Meißen? Der Grund ist simpel: Die Albrechtsburg stand leer, seitdem die Wettiner mit Sack und Pack und Kasse nach Dresden umgezogen waren. Außerdem schien das technologische Geheimnis in der Burg auf einem Felssporn hoch über der Elbe sicher, sicher vor Spionen - und vor dem Ausbrechen der Experten, denn eigentlich waren auch die wichtigsten Akteure nur Gefangene des porzellanverrückten August: der Alchimist und Porzellanerfinder Johann Friedrich Böttger mit seinen oft vergessenen Mitarbeitern.
Den Meißnern waren ihre neuen, vom Landesherren herbefohlenen Mitbürger auf der Burg - die Manufakturisten - suspekt. Und die wiederum, so ist in einem langen Beschwerdebrief zu lesen, fühlten sich gemobbt und beklagten „das verächtliche Bezeigen gegen uns und unsere Gering-Achtung”. Erst als es 1773 auf der Burg brannte und die Meißner Einwohner zum Löschen eilten, kam man sich näher. Die Töchter der Stadt und die zugereisten Burschen trugen das Ihre zur Verschmelzung der beiden Welten bei.
Seitdem lebt man miteinander und voneinander, in guten wie in schlechten Tagen. Mehr zum spannenden Verhältnis zwischen der Stadt und der Manufaktur ist in der Ausstellung im Stadtmuseum zu erfahren (20. März bis 7. November 2010). Wie auch immer - Meißen ist Porzellan, und das seit dreihundert Jahren. Auch auß-erhalb der Manufaktur. Am Turm der Frauenkirche erklingt ein Porzellanglockenspiel; in einem kleinen Park nahe der Manufaktur wachsen seltene Pflanzen, damit die Porzellanmaler sich dort Anregungen holen können; die Nikolaikirche birgt eine ganz aus Porzellan gestaltete Gedächtnisstätte für die Opfer der Kriege.
Auch das Jubiläum findet natürlich vor allem in und um Meißen statt, mit Ausstellungen und Vorträgen, Festen und Konzerten, mit Spaziergängen und Nordic-Walking-Touren auf dem Porzellanpfad. Und mit einem speziell ausgetüftelten „Menü auf Weissem Gold”, also auf echtem Meissener Porzellan.
Die Wirte von zwölf Gaststätten – alle gehören zu den 25 Weinlokalen mit dem Prädikat „Besonders empfohlen an der Sächsischen Weinstraße” – servieren sächsische Spezialitäten auf dem von ihnen extra dafür angeschafften Service „Wellenspiel”. Wer noch mehr über Kostbarkeiten und Köstlichkeiten erfahren will, dem bieten die mit unterhaltsamen Vorträgen verbundenen Veranstaltungen „Tisch- und Tafelkultur bei Meißen” oder „Tee, Kaffee und Schokolade - die drei heißen Lustgetränke” Gelegenheit zum Genießen. Das Highlight zum Jubiläum ist die Sonderausstellung „All Nations are Welcome. 300 Jahre Manufaktur Meissen als Brücke zwischen Kulturen, Nationen und Religionen” bis 31. Dezember 2010.
Anreise: Mit dem Auto aus dem Ruhrgebiet über die A1, A7 und A38 nach Meißen. Entfernung: 510 Kilometer. Mit der Bahn
nach Dresden-Neustadt und weiter mit der S1 nach Meißen.
Veranstalter: Pauschale „Auf den Spuren des Meissener Porzellans": drei Übernachtungen in Meißen oder Umgebung, ein „Menü auf Weissem Gold”, Führung durch Meißen mit Schwerpunkt Porzellan, Stadtführung durch Dresden, Eintritt Porzellan-Manufaktur, Souvenir aus Meissener Porzellan pro Person im Doppelzimmer 199 Euro im Drei-Sterne-Hotel, 279 Euro im Vier-Sterne-Hotel.
Buchbar: 03521/7 63 50
Kontakt: Tourismusverband Sächsisches Elbland e.V.
03521/7 63 50,
Staatliche Porzellanmanufaktur Meissen, Talstr. 9, 01662 Meißen
03521/46 82 08
Gezeigt werden Porzellane aus den Ursprüngen, erste Formen und Dekore, die überwiegend der ostasiatischen Keramik nachempfunden wurden, Stücke, die im Auftrag der russischen Zarin Katharina II. gefertigt wurden und moderne Kunstwerke wie die Großplastik eines Weißkopfseeadlers, welches das Foyer der amerikanischen Botschaft in Berlin schmückt.
Wer auch kaufen möchte, der habe im Auge, dass Porzellan aus Meißen, nicht automatisch Meissener ist. In der Stadt formen und malen und brennen schließlich noch andere – ganz legale – Werkstätten und auch in den Antiquitätengeschäften sollte man die Objekte der Begierde auch von unten betrachten.
Wer das Berühmte haben will, der suche am besten direkt in den Shops der Manufaktur. Die wurden für den erhofften Besucheransturm edel hergerichtet, vom Preis geschrumpften Outlet-Angebot bis zur makellosen Premium-Ware, vom barocken Prunkstück bis zum jugendlichen Sushi-Set, vom kleinen Souvenir bis zum 100 000-Euro-Kronenleuchter gibt es alles. Das Markenzeichen der gekreuzten Blauen Schwerter nutzen die Meissener übrigens nicht von Beginn an, sondern erst seit 1722, nachdem ein um das Geheimnis wissender Mitarbeiter nach Wien entschwand und dort die europäische Konkurrenz entfachte.
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