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Ein Seebad bewahrt die Ruhe

03.04.2009 | 16:36 Uhr
Ein Seebad bewahrt die Ruhe

Boltenhagen bleibt trotz der neuen Ferienanlage ein beschaulicher Familienurlaubsort

Ein schönes Stück Küste bewahrt Ruhe. Boltenhagen, das drittälteste deutsche Ostseebad, lässt sich auch durch den spektakulären Neubau der „Weißen Wiek” am Ortsrand nicht aus der Ruhe bringen. Schon während der Hektik der Aufbruchsjahre hat sich Boltenhagen seine Beschaulichkeit erhalten. Wer breite Sandstrände, sauberes Wasser für sich und seine Kinder sucht, der kann an Mecklenburgs westlichstem Ostseestrand tief durchatmen. Das geht seit neuestem auch mit einem Schuss Luxus: In gebührendem Abstand zum kleinen Ortszentrum mit historischen Pensionen eröffnete die viel beachtete Ferienanlage „Weiße Wiek” mit Yachthafen, dem Wellnesshotel Iberotel und Familienapartments im Dorfhotel.

Natürlich kann man heute im Eiltempo auf der modernen Küstenautobahn anreisen. Schöner und irgendwie passender nähert man sich Boltenhagen aber über die alte Landstraße von Lübeck her. Prächtige alte Alleebäume greifen ineinander, oft zwingt das typische holprige Kopfsteinpflaster zu gedrosseltem Tempo. Die Küste im so genannten Klützer Winkel ist ein kleines Paradies: kaum bebaut und unverdorben. So viel Zurückhaltung ist allerdings nicht ganz freiwillig. „Alles bis hierher”, sagt Boltenhagens Kurdirektor Dieter Dunkelmann und deutet auf die 30 Kilometer Küste bis Lübeck, „war doch bis 1990 Sperrgebiet.”

Info
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Boltenhagen

Lage: Boltenhagen liegt an der Ostseeküste Mecklenburg-Vorpommerns, 30 km östlich von Lübeck.

Anreise: Per Pkw: ca. 500 km über die A 1 und A 20 bis Ausfahrt Grevesmühlen; Zug: bis Bahnhof Grevesmühlen, 16 km von Boltenhagen entfernt.

Weiße Wiek: Eine Nacht im Iberotel Boltenhagen kostet pro Person im Doppelzimmer ab 59 €. Eine Nacht im Appartement des Dorfhotels ab 130 €.

Kontakt: TV, 038825/36 00, www.boltenhagen.de

In den bis zu 35 Meter hohen Steilklippen nisten Uferschwalben, darunter am Strand lagern große, von der letzten Eiszeit herbeigetragene Findlinge. Erst in der geschützten Boltenhagener Bucht weicht die wilde Steilküste einem badewannenflachen, vier Kilometer langen feinsandigen Strand. Auch Nichtschwimmer und Kleinkinder können hier gefahrlos planschen, denn selbst nach hundert Metern reicht das Wasser kaum bis zum Bauch.

Wer vom Strand landeinwärts sieht, der glaubt kaum, dass da ein Ort sein könnte. Denn vor die eigentliche Villensiedlung mit ihrem behutsam neugestalteten Ortskern schiebt sich Boltenhagens großer Stolz: ein breiter Wald- und Wiesengürtel, gleichzeitig Kurpark, grüne Lunge, Lärm- und Sichtschutz. Zwei Promenaden führen hindurch, wie ein Tunnel aus Laub.

Östlich des Ortsstrands wölbt sich die Küstenlinie zum Naturschutzgebiet Tarnewitz. Geheimnisvolle Legenden ranken sich um die Halbinsel. Dort wurden im Dritten Reich Flugzeuge und Raketen ausprobiert, zu DDR-Zeiten hatte die Nationale Volksarmee eine Grenzbrigade stationiert. Heute hat die Natur das Land zurückerobert, der ehemalige Militärhafen wurde von TUI im letzten Jahr mit 100 Millionen Euro in die neue Ferienanlage „Weiße Wiek” umgewandelt.

Doch ob alter Ort oder Weiße Wiek: Da wie dort sind es Familien, die in Boltenhagen Urlaub machen. Sie mieten sich einen Strandkorb und wandern an der Steilküste entlang, fahren mit dem Rad zum backsteinernen Barockschloss von Klütz und gehen zum Ponyreiten im Reit- und Fahrhof an der Ostseeallee. Das nahe Wohlenberger Wiek in der Wismar-Bucht ist ein Surfer-Dorado.

In der neuen Marina in Boltenhagen liegen schicke Yachten und solide Fischkutter nebeneinander.

Rührend kümmert sich die Kurdirektion um ein buntes Kinderprogramm: Es gibt das Mitmachprogramm im Kurpark, wo Clown Pelli und Räuber Brummbart mit Zauberkurs und Seidenmalerei wetteifern. Im Kinderparadies „Seepferdchen” werden die Kleinen auf Wunsch tageweise betreut. Mit diesen Angeboten knüpft der Ort an eine alte Tradition als Familienbad an. Das winzige Bauern- und Fischerdorf Boltenhagen war in seiner 205-jährigen Geschichte als Ferienort nie ein Bad der feinen Leute. 1803 ließ Graf von Bothmer den ersten Badekarren aufstellen - eine Nachbildung steht heute an der Seebrücke, auf der man 290 Meter weit übers Wasser spazieren kann.

Noch heute duckt sich die handvoll alter reetgedeckter Häuser zwischen Gärten und Feldern, schließen sich an der Mittelpromenade die winzigen „Logierhäuser” von damals an. Der Kurdirektor blättert im Ortsprospekt von 1937: Die hübschen Pensionen mit ihren Kaffeegärten von damals sind alle noch da. Die meisten von ihnen erstrahlen frisch renoviert in leuchtenden Farben.

An die neue Welt der Weißen Wiek müssen sich manche Boltenhagen-Stammgäste dagegen noch gewöhnen. Für sie sind die bunten Fassaden und die Wellness-Buddhas der neuen Ferienanlage ein wenig fremd. Viele Einheimische schätzen dagegen längst die neue Hafenpromenade der Anlage für den Sonntagsbummel. Ganz hinten lassen sie sich meist etwas Zeit, bevor sie umkehren: Dort hat nämlich einer der zwölf örtlichen Fischer ein Fischrestaurant namens „Kamerun” aufgemacht. Aus dem Räucherofen dort duftet es verführerisch nach dem frischen Fang des Tages. Der stammt vom familieneigenen Kutter „Uschi” und hatte es nicht weit. Denn Fischkutter und stolze Jachten haben in der neuen Marina Seite an Seite festgemacht - ein schönes Bild.

Hans-Werner Rodrian

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