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Dresdner Zeitreise

04.10.2009 | 09:00 Uhr
Dresdner Zeitreise

Wie im Herbst 1989: Unser Autor durchquert die Elbmetropole mit einem Vorwende- Reiseführer

Das Centrum ist weg: Im Stadtplan des Reiseführers von 1989 deutlich eingezeichnet, aber im real existierenden Dresden von heute verschwunden. Macht aber nichts, denn schon damals riet der Reiseführer vom Centrum ab: „Für Touristen aus der BRD lohnt sich der Einkauf kaum. Sie kaufen besser in Intershops.” Trotzdem, das Centrum – Dresdens einstiges Vorzeigekaufhaus – kommt jetzt wieder, an alter Stelle, aber als neue, ausladende Centrumsgalerie. Drinnen mit üppigen 60 000 Quadratmetern, also gut zwölf Fußballplätzen Verkaufsfläche in der Prager Straße. Und draußen mit Altmetall-Erinnerungen an den DDR-Vorgänger: Silberne Waben zieren auch die Fassade des neuen Konsumtempels.

Ein paar Schritte weiter, das wahre Zentrum, üppige Stadtmitte mit Alt- und Neumarkt. „Der Blick durch die Rampische Gasse auf die Frauenkirche gehörte zu den kostbarsten Raumerlebnissen in europäischen Städten”, schwärmt der der Reiseführer wehmütig mit Blick auf die Vorkriegszeit. Denn 1989, im Erscheinungsjahr des Baedeker-Büchleins, standen von der Frauenkirche nur zwei Fassadenteile in einem Haufen unkrautbewachsenem Schutt.

Erstrahlt wieder in altem Glanz: Die Dresdner Frauenkirche - das städtische Wahrzeichen schlechthin.

Der Neumarkt, ein fingernagelgroßer weißer Punkt im damaligen Stadtplan, hat in der aktuellen Ausgabe reichlich rote Flecken – wieder aufgebaute Gebäude. Rund um die in warmem Beige leuchtende Frauenkirche allerlei prächtige Barock- und Rokoko-Häuserzeilen statt des einst hier stehenden, grauen Volkspolizei-Bunkers. Dazu restaurierte, farbenfrohe Stadtpaläste aus dem 18. Jahrhundert mit Restaurants und Nobelhotels. Ist nebenan erst noch das Schloss samt Kirche fertig, dann wird hier fast alles wieder so, wie der von den Dresdnern vergötterte Sachsenkönig August der Starke es ab etwa 1700 erschaffen ließ.

Mittendrin ein sozialistischer Dino, offensichtlich unter Artenschutz: Dresdens Kulturpalast. 100 Meter lang, 74 breit und laut Vorwende-Reiseführer „Hauptveranstaltungsstätte für Unterhaltungskunst in monolithischer Stahlbetonskelettbauweise”. So sieht er auch aus und wird nun generalüberholt. Die braunen Scheiben in Honecker-Sonnenbrillen-Tönung weichen einer neuen Fassade. Aber das riesige sozialistische Wandrelief, das den unaufhaltsamen Erfolgsweg des Kommunismus vorgaukelt, soll bleiben. Wäre auch schade um den darin enthaltenen Mosaikfliesen-Ulbricht, umringt von ihn ergriffen anhimmelnden FDJ-Groupies.

Info
Info

Anreise: Mit der Bahn www.bahn.de ab Essen oder Dortmund über Berlin nach Dresden. Im Direktflug ab Düsseldorf mit Air Berlin www.airberlin oder Lufthansa www.lufthansa.com

Besonderheiten: Im nahen Radebeul zeigt das DDR-Museum Dresden www.ddr-museum-dresden.de ostdeutschen Lebenswelten von 1949 bis 1989.

Kontakt: Touristinformation Dresden

0351/50 16 0

www.dresden.de

Gleich um die Ecke verspricht der 89er-Reiseführer „innerstädtische Intimräume” und der Leser von heute rätselt: Waren das geheime Nachtbars? Oder abhörfreie Kneipen? Weder noch: Die Autoren wollten auf gemütliche Gassen hinweisen, damals Seltenheiten inmitten des entweder zubetonierten oder noch von Kriegsschäden gezeichneten Dresden.

Hunger? Oder Durst? Dann bitte ganz tapfer sein, riet der Vorwende-Baedeker unverhohlen: Sächsische Kartoffelsuppe und Gurkensuppe seien gängige Gerichte, aber leider oft „nicht vorrätig”. Und: „Die Limonaden in der DDR sind geschmacklich nicht sehr überzeugend.” Dabei hatte Dresden die größte Gaststätte der DDR mit mehr als 1300 Sitzplätzen. „Am Zwinger” heißt sie offiziell, im Volksmund „Fresswürfel” genannt. Urige sächsische Küche gibt es heute in Restaurants wie dem „Pulverturm” oder „Dresden 1900”. Sie setzen die Restaurierung der Altstadt konsequent fort, bei Inneneinrichtung und Speisekarten wie aus Omas Zeiten: „Sauerbradn mit Blaugraud un Kleeßen” heißt es dort in breitem Sächsisch. Gut, dass Doreen, die Kellnerin auch Hochdeutsch kann.

Lang, lang, ist's her, dass Trabi-Karawanen durch Dresdens Stadtbild tuckerten.

Das Waldschlösschen-Areal ist eine Fläche im Dresdner Stadtteil Radeberger Vorstadt. Bekannt wurde es durch die über dem Elbetal thronende Südterrasse des Restaurants „Brauhaus am Waldschlösschen” mit Panoramablick auf Elbe und Altstadt. Wegen des umstrittenen Baus der Elbebrücke, die Dresden die Aberkennung des Weltkulturerbe-Status bescherte, ist „Waldschlösschen” heute ein viel strapaziertes Wort. Im ´alten Reiseführer kommt es seltsamerweise gar nicht vor. Darauf angesprochen winken die Einheimischen genervt ab – und erzählen lieber eine Geschichte: Beim Waldschlösschen, genauer in der benachbarten damaligen Kaufhalle, hatte Ingeborg Schmiedel einen Schlüssel gefunden, etwa 1986 muss es gewesen sein. Sie klebte einen Zettel ans schwarze Brett des Ladens, der Besitzer könne den Schlüssel ab 19 Uhr in ihrer Wohnung abholen. Tat er auch, wortkarg, aber freundlich. Wem sie da geholfen hatte, das erfuhr Frau Schmiedel erst 13 Jahre später beim Blick in den Fernseher. Da wurde der nervöse Schlüsselverlierer gerade zum Präsidenten Russlands ernannt. Sein Name: Wladimir Putin, langjähriger Offizier des KGB. Gegenüber von Frau Schmiedels Wohnung in der Angelikastraße 4 hatte er sein Quartier. Besonders das Dresdner Bier habe ihm immer sehr gut geschmeckt, erzählte Putin später mal in Alfred Bioleks Talkshow. Was beweist: Der Geheimdienst zapfte entweder an geheimen Quellen oder war in lebensnahen Fragen besser informiert als Reiseführer-Autoren. Die resignieren nur: „Im Zentrum wird man vergeblich nach der Kneipe um die Ecke Ausschau halten.” Zwar zählte der Baedeker 19 Bars und Diskos auf, bemerkt dazu aber: „Tanzveranstaltungen finden hier nicht täglich statt.” Heute muss man dafür nur in die Dresdner Neustadt pilgern. Hier, im bunten Kiez, liegen Kneipen und Diskos mit Namen wie „Planwirtschaft”

Apropos Namen: Für Sozialisten gilt hier der Radikalen-Erlaß: Marx, Engels, Thälmann & Co – im Vorwende-Stadtplan zum Teil pro Person mit einer Straße und einem Platz beschenkt – sind sämtlich von den Straßenschildern verschwunden. Auch Georgi Dimitroff, ein bulgarischer Kommunist, zu DDR-Zeiten Namenspatron für Dresdens zentrale Brücke. Doch ihn möchten die Dresdner nicht missen, hatten sie doch schon früher ihre eigene Begründung, warum die Brücke Dimitroffs Namen trägt: Frauenheld August, der Starke sei mit der Kutsche darüber gefahren, habe die schönen Dresdnerinnen gesehen und eine nach der anderen in seinen Wagen beordert. Immer mit demselben Ruf: „Die mit roff und auch die mit roff!"

Stephan Brünjes

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