Der Steppenwolf und seine Stadt
04.09.2010 | 08:00 Uhr 2010-09-04T08:00:00+0200Puppiges Fachwerkambiente und überall ein bisschen Hermann Hesse: eine literarischeWanderung durch Calw
Hinter ihm sitzt eine Welt und liest“, schrieb Kurt Tucholsky über Hermann Hesse. Nur die Leserschar in Calw wusste lange Zeit wenig mit dem meistgelesenen deutschsprachigen Autor des 20. Jahrhunderts anzufangen. 1877 kommtHesse in Calw zurWelt. „Everybody’s darling“ ist der Sohn eines Missionars dort aber nie. Statt dem Wunsch des Vaters zu entsprechen und Kaufmann zu werden, versucht der Querdenker und Autor von „Der Steppenwolf“ der geistigen Enge seiner Heimat zu entkommen. Eine Annäherung findet erst statt, als der Dichter 1947 den Literaturpreis erhält und die Stadt das „Enfant terrible“ zum Ehrenbürger ernennt.
Ist Hesses 100. Geburtstag nicht viel mehr als eine Randnotiz in der lokalen Geschichtsschreibung, soll nun der Schwabe aus dem „Club der toten Dichter“ touristische Aufmerksamkeit auf das winklige Fachwerkstädtchen lenken, das mit seinem beschaulichen Charme Schwarzwaldurlauber und Literaturscouts zum Hesse-Walk – und im Sinne des Dichters – zum Müßiggang einlädt. Den 125. Geburtstag seines Rebellen feierte Calw 2002 mit einem immerhin neun Wochen dauernden Festival.
„Wir haben Hermann Hesse gegenüber eine Schuld abzutragen“, räumte Calws Oberbürgermeister ein – wohlwissend um die Qualitäten des Nobelpreisträgers als Global Player im kulturellen Bereich. „Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten…“ schreibt der Dichter in seinem Gedicht „Stufen“. Besucher dürfen diese lyrische Aufforderung auch auf die Kleinstadt an der Nagold beziehen, denn: Mit oder ohne literarische Spurensuche, das jahrhundertealte Städtchen hat Charme und Flair.
Prosaischer ist es freilich, den Pfaden des jungen Hessen zu folgen. In seinem Roman „Unterm Rad“ gibt er – wie in anderen Werken auch – Calw den Namen „Gerbersau“. Die ganze Welt des Dichters öffnet sich im Hesse-Museum in Calw. Etwas Puppiges, fast Rührendes haftet den Ausstellungsräumen an. Auf knarrenden Holzdielen führt der Weg durch Zimmer und Stübchen zu Glasvitrinen, Büchern, Fotografien und alten Schreibgeräten. Keine flimmernden Multimediapakete, keine computergesteuerte Museumsführung. Herrlich.
Wem hier der Sinn nach einem „erlebnisorientierten“ Literatur-Walk steht, muss zur Spurensuche hinaus vor die Tür. Am Marktplatz 6 zeigt der Stadtführer auf zwei Wandtafeln. In der Wohnung im zweiten Stock kam das Hermännchen zur Welt: „Ein sehr großes, schweres, schönes Kind“, soll die Mutter in ihr Tagebuch notiert haben.
Es ist Samstagvormittag in Calw. Von den Gemüse und Blumenständen sind es nur wenige Schritte zum Stadtwald, der den Marktplatz mit dem Schwarzwald verbindet. Bewaldete Höhen mit Wanderwegen und Berge sind die Kulisse für das auf kleinen Hügeln gebaute Städtchen, sie wechseln im Spiel des Sonnenlichts ihre Farben. Ein Bild, stimmungsvoll wie aus dem Farbkasten eines Heimatmalers. In Hesses Geburtshaus wird heute Mode verkauft. Weder die Stadt noch Hesse selbst hatten Interesse, dort ein Museum einzurichten.
Den Bewohnern Calws und der Enge des frömmlerischen Pietismus kehrte Hesse lieber den Rücken zu. Als er 1931 im Alter vom 54 Jahren zur Silberhochzeit seiner Schwester das letzte Mal seine Stadt besuchte, bittet er den Wirt: „Halten Sie mir die Calwer vom Leib.“
Hermann Hesse hält seiner Geburtsstadt die Treue
Solche Gemütsäußerungen hindern ihn aber nicht, seine Geburtsstadt zu verklären und ihr die Treue zu halten. In der Erzählung „Erlebnis in der Knabenzeit“ notiert er: „Noch immer ist die Vaterstadt für mich Vorbild und Urbild aller Menschenheimaten und Menschengeschicke.“
Im Gasthaus „Schießberg“ am Schlossplatz war früher das Armenhaus der Stadt untergebracht, über das Hesse in der Erzählung „In der alten Sonne“ schreibt. Seinen Namen am benachbarten Gymnasium konnte der Literat nicht mehr lesen: Erst fünf Jahre nach seinem Tod einigt sich die Stadt darauf, die Lehranstalt nach ihrem großen Sohn zu benennen. „Sei Du selbst. Fange bei Dir an. Vertrauen wir nicht auf Regierungen und Systeme“, sind Weisungen, die nicht in dasWeltbild der auf Gehorsam und Tradition bedachten Kleinstädter passen.
Anreise: Mit der Bahn
01805/99 66 33
ab Essen über Mannheim, Karlsruhe, Pforzheim nach Calw. Fahrzeit: zirka 4,5 Stunden.
Besonderheiten: Die Stadt Calw bietet bis Oktober regelmäßige Hesse Führungen an. Erwachsene: 2,50 Euro, Kinder: 1,50 Euro. Das Hermann-Hesse-Museum (07051/75 22) bietet die umfangreichste Sammlung zu dem Dichter wie auch thematische Ausstellungen. Erwachsene: fünf Euro, Schüler, Studenten: drei Euro.
Kontakt: Stadt Calw
07051/16 73 99
In der Schulgasse bleibt der Stadtführer vor der Lateinschule stehen, in der Hesse fast vier Jahre die Bank drückte. Als die Eltern ihn mit 15 in die 20 Kilometer entfernte Klosterschule Maulbronn schicken, büxt der Knabe aus. Er will Schriftsteller werden. Basta. Der verzweifelte Vater sucht Rat bei einem „Neurosenheiler“ und Teufelsaustreiber. Dessen Diagnose: Der Junge ist unheilbar krank und gehört in die Psychiatrie.
Es ist äußerst spannend, über die vielen Steintreppen durch die engen Straßen der Gerberstadt zu wandern und Calw mit den Augen von Hermann Hesse zu sehen. Als sich die Sonne hinter den Wipfeln versteckt, beendet der HesseExperte seinen Ausflug in die Vergangenheit. Auf der Nikolausbrücke lenkt er die Blicke auf einen ruhigen, unscheinbaren Platz. „Das ist mir der liebste im Städtchen. Der Domplatz von Florenz ist mir nichts dagegen“, hat Hermann Hesse der Brücke, dem Fluss und seinem Ufer ein literarisches Denkmal gesetzt.
0mitdiskutieren