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Bärbel mit dem Bollenhut

02.08.2010 | 14:55 Uhr
Bärbel mit dem Bollenhut

Stadtführungen gibt es viele. Zu den ungewöhnlichsten gehört die mit dem Schwarzwaldmädel in Freiburg

Eine Frau mit rotem Bollenhut geht eilig durch die Gassen. Ihre dunkle Schwarzwälder Tracht reicht bis zum Knöchel. In der Hand trägt sie ein Körbchen, ein rotes Tüchlein verdeckt den Inhalt. Plötzlich hält sie inne, starrt eine Gruppe von Touristen an und plappert ungefragt drauf los. Von einem Großvater, der sie mit in die Stadt genommen habe. Von einem Verlobten namens Hans, den sie in drei Wochen heiraten müsse. Von einem Tanzkurs, der in eineinhalb Stunden beginnen werde.

Kostümführungen laufen immer Gefahr, ein wenig peinlich zu werden. Zumal wenn sie in der kitschigsten aller Verkleidungen inmitten einer Studentenstadt wie Freiburg stattfinden.

Bollenhut und Schwarzwaldmädel sind der Inbegriff des Klischees: Folklore ja, aber nicht unbedingt Tradition. Wenn Sophie Josuttis das Schwarzwaldmädel „Bärbel” für die Touristen gibt, dann ist daran überhaupt nichts peinlich. Dann wird aus der Darbietung eine vergnügliche Schauspieleinlage, der man gerne folgt.

In den Keller des ältesten Gasthauses der Stadt zum Beispiel, wo sie die Geheimnisse ihrer Kostümierung preisgibt: Nur in drei Gemeinden des Kinzigtals werde sie getragen und gestunken habe sie früher wie die Pest, weil man den sehr empfindlichen, mit Asche gefärbten Stoff nicht waschen durfte. „Können Sie sich das vorstellen?” Man könnte zwar, möchte es aber lieber nicht.

Schweißgebadet nimmt Bärbel ihren Bollenhut ab und platziert ihn auf dem Kopf einer Teilnehmerin. „Um Gottes Willen”, sagt die nur und das gilt dem Gewicht der Kopfbedeckung: Über zwei Kilo wiegt der mit Gips verstärkte Trachtenhut. Die 14 roten Wollmäuse, die er tragen muss, sind den 14 Schutzpatronen gewidmet, die die Schwarzwälder einst vor der Pest bewahrt hatten.

Eine Plage waren wohl auch jene Herren, die den adretten Damen hinterherpfiffen, und so kam es, dass verheiratete Frauen einen tristen schwarzen Bollenhut tragen mussten. Unserem Schwarzwaldmädel blüht dieses Schicksal laut Drehbuch in drei Wochen. Zeit genug, durch die Stadt zu streifen. Von Henkern und Huren zu erzählen, von Schwaben und Badenern, von Evangelischen und Katholischen, die sich nicht leiden können. Bollenhut-Trägerinnen sind grundsätzlich protestantisch, weil Gutach, Kirnbach und Reichenbach bis ins 19. Jahrhundert zu Württemberg gehörten. Freiburg hingegen ist erzkatholisch, mit dem obersten aller deutschen Bischöfe als Domherrn. Natürlich kann sich Bärbel auch hier ein paar unchristliche Bemerkungen nicht verkneifen und neugierig, wie sie ist, weiß sie selbstverständlich auch, wo der Herr Erzbischof Zollitsch wohnt.

Unsere Bärbel mit dem Bollenhut ist das, was man eine auffällige Erscheinung nennen könnte. Es ist beinahe unmöglich, sie aus den Augen zu verlieren und mitunter recht schwierig voranzukommen: Immer wieder wollen Passanten mit ihr fotografiert werden, grinsen Japaner, Amerikaner und Norddeutsche über die wundersame Gestalt.

Info
Freiburg

Anreise: Mit dem Auto: Ab Duisburg über die A3 in Richtung Köln, weiter bis Darmstädter Kreuz, über die A5 nach Freibug, Fahrzeit: 4 1/2 Stunden, Distanz: 500 Kilometer.

Mit der Bahn

01805/99 66 33

www.bahn.de

mit dem ICE ab Essen über Mannheim nach Freiburg.

Besonderheiten: Über Timewalking

0761/2 90 90 58

www.timewalking.de

kann die Kostümführung „Schwarzwaldmädel” in Freiburg gebucht werden.

Kontakt: Touristinformation Freiburg

0761/3 88 18 80

www.freiburg.de

www.schwarzwald-tourismus.info

Bärbel kann das allerdings nicht beeindrucken. Resolut bahnt sie sich ihren Weg, bis sie vor dem großen Freiburger Münster steht und in Hochform die wasserspeienden Figuren an der Fassade erläutert. Sie singt dazu, sagt ein Gedicht auf und beschwert sich lautstark, wenn der Applaus nicht so ausfällt, wie sie sich das vorstellt. Längst hängt auch die kleine Antonia an ihren Lippen. Das Mädchen aus Berlin, von den Eltern zur Stadtführung mitgeschleppt, hat irgendwann unterwegs die Scheu verloren und kann nun gar nicht mehr aufhören, Bärbel Löcher ins Gewand zu fragen.

Natürlich kann es keine Schwarzwaldmädel-Führung geben, ohne dass darin nicht einmal das gleichnamige Schwarzwaldmädel aus dem Film vorkommt. Sophie Josuttis, im Privatleben Schauspielerin an einem Improvisationstheater, weiß auch da, wie man das Thema vorbringt. Zwei Freiwillige vor, ein furchtbar gestelzter Dialog zum Nachsprechen und fertig ist das Stehgreif-Stadttheater auf den Spuren von Rudolf Prack und Sonja Ziemann.

Dann geht es sehr schnell. Die Turmuhr schlägt halb sieben. Bärbel erschrickt, redet irgend etwas von ihrem Hans und verschwindet so wie sie gekommen ist wieder in den Gassen von Freiburg.

Andreas Steidel

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Bärbel mit dem Bollenhut
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2010-08-02 14:55
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