Aus Werben soll was werden
21.01.2008 | 16:26 Uhr 2008-01-21T16:26:00+0100
Mit der Postkutsche ins Biedermeier: Der Besuch des Elbestädtchens Werben wird schnell zur Zeitreise
Die Dame im blauen Kleid singt innig zur Gitarre ihres blonden Begleiters: „Blaue Luft kommt blau geflossen”. Stiege in diesem Augenblick per Zufall der Dichter der Zeilen, Joseph von Eichendorff, am Marktplatz ab - er fühlte sich wie zu Hause, ganz in seiner Zeit.
Werben/Sachsen-Anhalt
Lage: Werben (Elbe) ist die kleinste Stadt in Sachsen-Anhalt und liegt im äußersten Norden des Landkreises Stendal, südöstlich von Wittenberge
Anreise: Mit dem Auto über Bielefeld, Hannover und Braunschweig bis Magdeburg, dort auf die B 189 in Richtung Stendal.
Veranstaltungen: Am ersten Wochenende im Juli ist ein Biedermeier-Sommer geplant. Jeweils am 3. Advent wird außerdem ein Biedermeier-Weihnachtsmarkt abgehalten. Ein Abstecher nach Werben bietet sich auch für Radwanderer an, die auf dem Altmark-Rundkurs unterwegs sind.
Kontakt: Stadtinformation Werben, Karl-Marx-Platz 1, 39615 Werben, 039393/219, www.werben-elbe.de
Tourismus-Marketing S.-Anhalt, 0391/56 77 080, www.sachsen-anhalt-tourismus.de
Tourismusverband Altmark, 039393/92 755,www.altmark-Rundkurs.de www.elberadweg-r2.de;
Herren in Gehrock und Zylinder verlustieren sich am Bier, rauhe Fischer mit Lederschürzen räuchern Aal, ätherische Damen schneiden Silhouetten aus schwarzem Papier und halten Räucherwerk und Spitze feil. Durch die Gassen dröhnt das Hämmern des Schmiedes, der Kunsthändler hetzt auf Karikaturen im Fenster gegen die neumodische Eisenbahn, und immer wenn die Postkutsche rasselnd in die Gasse einbiegt, schmettert das Horn des Schwagers vorn so lustig, wie man das erwarten darf. Fahrkarten für zweifuffzig gibt es beim Königlich Hannoverschen Postsekretär, an dessen Uniform die Knöpfe und Tressen nur so blitzen.
Curt Pomp heißt er, ein großer Schlaks mit graumeliertem Bart, und er ist nebenbei auch noch Motor und Seele dieses „Biedermeier-Sommers” in 800-Einwohner-Städtchen Werben an der Elbe in Sachsen-Anhalt. „Na na”, tadelt er mild, als eine der Frauen an der Kirche Kaffee aus einer Thermoskanne ausschenkt: „Plastik gab es aber damals noch nicht.” Stimmig muss die Atmosphäre sein, darauf legt der Perfektionist größten Wert. Alle Stände sind mit dem gleichen dunkelroten Stoff ausgeschlagen, alle Verkäufer in Trachten der Zeit gekleidet, verkauft wird nur, was damals schon im Angebot war.
Nicht um das Spektakel an sich geht es dem Mann mit der leisen Stimme und dem distinguierten Auftreten dabei. Der Markt ist nur Mittel zum Zweck. Und der heißt: Touristen anziehen. Werben bekannt machen. Geld und Menschen in die Stadt holen. Und so die einzigartige Bausubstanz erhalten.
Die wiederum verdankt sich der einzigartigen Geschichte der Stadt. 1005 erstmals erwähnt, war Werben im Mittelalter eine florierende Hansestadt - die gotische St. Johannis-Kirche, die Salzkapelle und das Elbtor aus Backstein erinnern noch daran. Im Dreißigjährigen Krieg aber hielt Schwedenkönig Gustav Adolf Einzug, befestigte die Mauern und widerstand dem kaiserlichen Feldherrn Tilly. Zurück blieben eine Stadt in Schutt und Asche und gerade mal 134 überlebende Einwohner.
Genügend Geld für den Wiederaufbau hatte man erst wieder Anfang des 19. Jahrhunderts. Nun wurde im Stil des Biedermeier gebaut, Ackerbürgerhäuser in Fachwerk, harmonisch und zurückgenommen, und noch immer sind große Teile der Altstadt aus dieser Zeit erhalten. Vor fünf Jahren kam Curt Pomp zum erstenmal nach Werben. Er sah, war begeistert - und kaufte sich für 3500 Euro ein einsturzgefährdetes Haus als Zweitwohnsitz. Mit alten Häusern kannte er sich aus, alte Häuser hatten es ihm schon immer angetan.
1970 war der gelernte Silberschmied und Grafikdesigner nach Lüneburg gezogen, genau zu der Zeit, als die Stadtverwaltung plante, ein ganzes historisches Viertel plattzumachen. Er gründete eine Arbeitsgemeinschaft, die den Kampf mit Witz, Chuzpe und Zähigkeit aufnahm. Eine in Holz gehauene Inschrift an der Renaissancefassade seines Hauses in Lüneburg erinnert noch heute unmissverständlich an diese Auseinandersetzungen: „Herr schütze mich und die hier hausen vor Planern und Kulturbanausen”. Der Initiative gelang es nicht nur, den Abriss zu stoppen. Sie rief auch eine „Alte Handwerkerstraße” ins Leben und einen historischen Christmarkt und ist heute ein hoch angesehener Verein mit eigenem Vermögen.
Als sich die deutsch-deutsche Grenze öffnete, sah Curt Pomp neuen Handlungsbedarf. Er reiste durch Mecklenburg-Vorpommern, gründete Bürgerinititiven in Wismar und Hagenow und schenkte Hausbesitzern fertige Umbaupläne, wenn sie versprachen, sich um die Sanierung zu kümmern. Und er hatte die Idee mit der Kutsche. Eine mehrtägige Postkutschenreise wie zu Zeiten des Biedermeier: Jeder Mitfahrer erhielt ein Kostüm und einen Reisepass mit neuer - alter - Identität. Übernachtet wurde in sanierten Landgasthöfen und sanierungsbedürftigen Mühlen - um deren Erhalt ging es ihm schließlich auch hier immer.
Nun also Werben. „Werben ist klein, aber voller Substanz. Das kann man in 20 Jahren noch hinkriegen.” Sagt Curt Pomp, (nicht sichtbare) 74 Jahre alt, und meint mit „man” sich selbst. Wie es weitergeht, weiß er schon: Dauerausstellungen über die Biedermeier-Ära müssen her. Ein Nachtwächter geht Runden. Das Haus, in dem Gustav Adolf nächtigte, wird das Sterne-Restaurant „Zum Schwedenkönig”.
Ein Warenzug mit Planwagen macht Station. Vor allem aber kaufen mehr und mehr Auswärtige, die als Touristen kamen, voller Begeisterung in Werben ein Haus und beginnen mit der Sanierung. Curt Pomp hat Feuer gefangen - aus Werben wird was werden.
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