Das Paradies entdecken - Einsame Inseln in Kambodscha

Die Tempel von Angkor gehören zum Unesco-Welterbe und zu den meistbesuchten Attraktionen Südostasiens.
Die Tempel von Angkor gehören zum Unesco-Welterbe und zu den meistbesuchten Attraktionen Südostasiens.
Foto: foto: gil (honorarfrei) Archiv
Was wir bereits wissen
Mit seinem kulturellen Erbe ist Kambodscha längst kein touristischer Geheimtipp mehr. Doch es gibt noch Gegenden, die bisher kaum besucht werden.

Kambodscha.. Der goldgewandete Buddha lächelt. Ehrfürchtig legt Syden Won die Handflächen zusammen und neigt andächtig den Kopf zum Gebet. Zu Füßen der Statue haben Gläubige am frühen Morgen Bananen und Litschis niedergelegt. Der schwere Duft von unzähligen Räucherstäbchen steigt zum Antlitz des Erleuchteten auf. Noch ist es still. Doch Syden weiß, in wenigen Augenblicken werden die ersten Besucher in die Tempelanlage kommen. Dann gehört das ewige Lächeln des Buddhas wieder den Kameras der Touristen aus aller Welt.

Als Syden das erste Mal hier im zentralen Tempel von Angkor Wat betete, war er ein junger Mönch und bereits vom Leben gezeichnet. Die Roten Khmer hatten seinen Vater, seinen älteren Bruder und seine Großeltern ermordet und ihn mit 14 Jahren zum Soldaten gemacht, einen von Tausenden. „Meine Kindheit spielte auf einem Schlachtfeld“, sagt der 36-Jährige aus einem Dorf bei der heutigen Touristenmetropole Siem Reap.

Kindheit auf einem Schlachtfeld

Am 17. April 1975 begann mit der Einnahme der Hauptstadt Phnom Penh die Schreckensherrschaft der Roten Khmer in Kambodscha. Noch heute sind die Spuren überall zu sehen. Wenn auch nicht immer auf den ersten Blick. Nach seiner Zeit als Kindersoldat und buddhistischer Mönch lernte Syden Englisch und führt heute Touristen zu den Tempeln von Angkor, dem größten sakralen Baukomplex der Welt.

„Die Roten Khmer hatten keinerlei Respekt vor dem kulturellen Erbe“, sagt Syden. „Sie haben vieles zerstört oder ins Ausland geschmuggelt, um an Geld für ihre Waffen zu kommen.“ Unaufhörlich lächelnd schreitet er durch das mächtige Heiligtum und erklärt geduldig die eindrucksvollen Sandsteinreliefs aus dem 12. Jahrhundert. Sie haben den Bildersturm der Roten Khmer unbeschadet überstanden.

„Kambodscha schaut nach vorne"

Die radikalkommunistische Guerillabewegung wollte unter ihrem Führer Pol Pot Kambodscha zu einem Bauernstaat umwandeln. Künstler, Musiker, Intellektuelle, buddhistische Mönche, Ärzte und Lehrer wurden als Feinde der Revolution verfolgt und ermordet. Die neuen Machthaber verschleppten die Bewohner von Phnom Penh und aller anderen Städte zur Zwangsarbeit aufs Land. Mehr als 1,7 Millionen Kambodschaner, etwa ein Viertel der Bevölkerung, kamen durch Vertreibung, Exekutionen, Hungersnöte, Entkräftung und Seuchen grausam ums Leben. 1979 vertrieben vietnamesische Truppen die Roten Khmer, aus dem Untergrund terrorisierten sie aber weiter das Land. Erst 30 Jahre später kam es zu ersten Prozessen gegen das Terrorregime.

Heute gehören die Tempel von Angkor zum Unesco-Welterbe und zu den meistbesuchten Attraktionen Südostasiens. „Wenn man all die Touristen hier sieht, kann man kaum noch erahnen, was damals geschah“, sagt Syden und lächelt: „Kambodscha schaut nach vorne. Wir haben hier alles, um ein zweites Thailand zu werden.“

Robinson spielenauf Koh Rong

Mit seinem kulturellen Erbe, üppigen Landschaften und unberührten Inseln ist Kambodscha längst kein touristischer Geheimtipp mehr. Dennoch gibt es noch Gegenden, die bisher kaum besucht werden. Der Kampong-Som-Archipel, etwa 20 Kilometer von der Hafenstadt Sihanoukville entfernt, mag manchen langjährigen Thailand-Urlauber an Ko Samui in den 70ern erinnern. Damals entdeckten Aussteiger und Hippies das Tropenparadies für sich. Ihnen folgten bald die Backpacker und schließlich die Pauschalreisenden. Aus der einsamen Trauminsel wurde ein Ziel des Massentourismus.

Infobox-084.xml Auf einigen der Inseln von Kampong Som kann man heute immer noch Robinson spielen. Die farbenprächtigen Korallenriffe haben Taucher meist für sich allein. Über der dicht bewaldeten Hauptinsel Koh Rong kreisen Weißbauchseeadler, Langschwanzmakaken turnen in den Baumkronen der Ufervegetation. Die Roten Khmer hatten die Bewohner der Inselgruppe einst als Zwangsarbeiter auf das Festland verschleppt.

Entvölkerter Archipel

Der gesamte Archipel wurde entvölkert. „Niemand von der damaligen Bevölkerung lebt noch hier“, sagt der alte Fischer Nuk Phoun aus dem Dorf Prek Svay. In den 80er Jahren kamen zunächst drei Familien vom Festland. „Die Menschen hatten Angst vor den Militärschiffen“, sagt Phoun. „Aber die Fischgründe lockten sie.“ Sie begannen die alten Dörfer wieder aufzubauen und den Wald zu roden.

„Es ist nicht alles so unberührt, wie es auf den ersten Blick aussieht“, sagt Phalla Leng. Die junge Umweltbiologin ist schon am frühen Morgen mit dem Boot unterwegs, um Fischerdörfer zu besuchen. Sie forscht über die Auswirkungen der zunehmenden Fischerei um Koh Rong und die Nachbarinseln. Im Fischerdorf Sok San säumen Kokospalmen und auf Stelzen gebaute Hütten einen blendend weißen Sandstrand. Türkis gestrichene Boote dümpeln in der Morgensonne. In dem Gemeinschaftshaus erklärt Leng den einheimischen Familien mit farbigen Schautafeln die Bedeutung des Naturschutzes für die Inseln. „Es mangelt hier vor allem an gesundheitlicher Aufklärung und einem Verständnis für Nachhaltigkeit“, sagt Leng.

Platz schaffen für Unterkünfte

Anschließend trifft sich Leng mit den Fischern des Dorfes auf dem Hauptsteg, der weit in den Ozean hinausragt. „Es sind immer weniger Fische in den Netzen“, sagt einer. „Die Thailänder und Vietnamesen räumen das Meer leer und zerstören die Riffe. Für die Einheimischen bleibt kaum etwas zurück. Die letzten zwei Seekühe sind vor Jahren im Schleppnetz von illegalen vietnamesischen Fischerbooten verendet. Seither hat hier niemand mehr welche gesehen.“ Lengs Boot schippert um den Südzipfel von Koh Rong. In der Bucht dahinter liegt der größte Ort der Insel. Entlang des Sandstrands reihen sich Fischerhütten und Gästebungalows aneinander.

Hinter dem Bootssteg ist der Hang gerodet, um Platz zu schaffen für neue Unterkünfte. „Noch vor kurzem war Koh Touch ein verschlafener Fischerort“, sagt Leng. „Inzwischen kommen immer mehr Touristen hierher.“ Kampong Som wird in Zukunft immer weniger Platz für Robinsons haben. „In kleiner Zahl sind die Touristen gut“, sagen die Fischer von Sok San. „Solange man sie unter Kontrolle hat.“

Noch ist ihre Insel ein abgeschiedener Flecken Dschungelgrün im Türkisblau des Golfs von Thailand. Sie werden nicht allein darüber entscheiden, ob Koh Rong das nächste Ko Samui wird.