Das Fichtelgebirge ist mehr als ein Zonenrandgebiet
02.02.2012 | 08:45 Uhr 2012-02-02T08:45:00+0100
Fichtelberg. Wenn man an Bayern denkt, sieht man vor allem Berge vor sich. Doch auch die Gebiete ohne Alpen haben einiges zu bieten. So kann man zum Beispiel im Fichtelgebirge auf den Spuren des Dichters Jean Paul wandern - oder die erste Sommersprungschanze des Westens bestaunen.
Das Fichtelgebirge? Irgendwie klingt das vertraut. Doch schnell kommt die Erkenntnis: Im Erdkundeunterricht spielte dieses ehemalige Zonenrandgebiet, dieser östliche Zipfel Bayerns, keine Rolle. Die Reise führt in einen unbekannten Bereich Deutschlands. Ein paar Tage später drängt sich eine neue, andere Gewissheit auf. Eine, die der Mensch im Ruhrgebiet nur zu gut kennt: Die Reise führte in einen bisher verkannten Bereich Deutschlands.
Das Fichtelgebirge. Das bedeutet zunächst einmal „Bayern ohne Alpen“. Ohne den „Kinni“, Ludwig II, seine Märchenschlösser und die Seen. Diese auf den flüchtigen Blick eher unscheinbare 2500 Quadratkilometer kleine Region hat hingegen mit ihren Superlativen aufzuwarten. „Bischofsgrün ist der einzige Heilklima-Kurort in Nordbayern“, sagt Ferdinand Reb, Leiter der Tourismuszentrale Fichtelgebirge. „Hier gab‘s die erste Sommersprungschanze im Westen.“ Okay, die Matten hatte man im damaligen Osten geklaut, aber wer fragt denn 20 Jahre nach der Wiedervereinigung schon danach?
„Für mich ist es ein Privileg, hier zu leben“
„Für mich ist es ein Privileg, hier zu leben“, erklärt Laura Krainz-Leupold, Mit-Inhaberin einer Brotfabrik und eine der größten Arbeitgeberinnen der Region. Bei Leupold werden 120 Mitarbeiter beschäftigt, seit den 1950er Jahren werden unter dem Firmennamen Pema naturreine Roggenbrote für ganz Deutschland gebacken. „Die Menschen sind wie der Roggen“, erklärt Leupold. „Sie haben es nicht leicht gehabt auf dem Boden. Sie müssen innovativ sein, um zu überleben.“
Die Geschichte bestätigt die Unternehmerin. Viel früher als im Ruhrgebiet, bereits im Mittelalter, wurde das Fichtelgebirge zu einer der bedeutendsten Bergbauregionen Deutschlands. Braunkohle, Bergkristalle, Eisen, Zinn und Gold – unter den verwunschenen Fichtenwäldern lagerten und lagern unermessliche Bodenschätze. 100 Jahre bevor an der Ruhr das große Zechensterben begann, war bereits zwischen Ochsenkopf und Schneeberg Schicht im Schacht.
Schmerzliche Lernprozesse in Sachen Strukturwandel
In Sachen Strukturwandel hat die Gegend um Wunsiedel ihre schmerzlichen Lernprozesse allerdings genauso wenig abgeschlossen wie zwischen Essen und Duisburg. „Vergangenheit ins Jetzt transportieren“, heißt die Devise. Das hat durchaus Charme. Und das kennt der Ruhrie nur zu gut. Wenn hier die Zechenruinen zu Kulturtempeln aufgepäppelt werden, wenn wehmütig auf die aussterbende Spezies der Taubenväter geschaut wird, bemüht man im Fichtelgebirge ebenfalls die eigene Tradition – und kombiniert sie mit modernen Wellness-Bedürfnissen. Nicht überkandidelt, immer schön bodenständig. Sympathisch.
„Wir haben 4300 Kilometer markierte Wanderwege angelegt“, sagt Ferdinand Reb. Walkingstrecken wurden gekennzeichnet, ein Literaturpfad im Namen des wohl bekanntesten Sohnes der Region, Jean Paul , angelegt. Von Joditz im Norden bis Bayreuth im Westen können Besucher die Lebensstationen des Dichters aus Oberfranken erwandern. Um auch dem Werk näher zu kommen, erheitern kleine Texttafeln mit Aphorismen Pauls den Wanderer auf der Strecke.
Anreise: Mit dem Auto ab dem Ruhrgebiet über die A3 Richtung Köln und Frankfurt bis Nürnberg, weiter über die A6 Richtung Amberg und die A93 nach Weiden. Mit der Bahn ( 01805/99 66 33, www.bahn.de) ab dem Ruhrgebiet nach Bayreuth oder Weiden.
Veranstalter: Hotels, Pensionen und Ferienwohnungen sind bei der Tourismuszentrale Fichtelgebirge buchbar.
Kontakt: Tourismuszentrale Fichtelgebirge, 09272/96 90 30,
www.tz-fichtelgebirge.de
Ein Steinbruchwanderweg, Geopark sowie der „Kleine Johannes“, ein Zechenmuseum in Arzberg, erklären die geologische Vielfalt der Region. „Das Fichtelgebirge ist Europas steinreichste Ecke“, sagt Reb. 85 Prozent aller Gesteine, die weltweit vorkommen, gibt es hier.“ Nicht zu vergessen das gigantische Felsenlabyrinth Luisenburg. Nur einen Granitbrocken entfernt von der Naturbühne der Luisenburg-Festspiele hat der „Teufel mit riesigen Steinbrocken rumgewürfelt“, wie Johann Wolfgang von Goethe bei seinem Besuch bereits feststellte.
Porzellanmuseum mit 160.000 Exponaten
Den ehemals größten Arbeitgebern der Region, den Porzellan-Manufakturen, hat man in Selb ein beeindruckendes Museum errichtet. Im Porzellanikon werden industrielle Fertigungsmethoden dokumentiert, werden Vasen, Teller und Tassen ausgestellt. „160.000 Exponate“, erklärt Museumsdirektor Wilhelm Siemen nicht ohne Stolz, „davon 25.000 alleine aus der Sammlung Rosenthal.“ Ein Muss für jeden Freund des geschmackvoll gedeckten Tisches.
Doch zurück zum Ochsenkopf. Sobald der erste Schnee fällt, wird das Gebiet um den mit 1024 Metern höchsten Berg der Region ein Wintermärchen. 300 Kilometer Loipen locken die Langlauffans, 25 Liftanlagen die Freunde des gepflegten Parallelschwungs – zum Teil bis 22 Uhr am Abend. Denn Flutlicht und Schneekanone garantieren einen langen Abfahrtspaß. Im Schatten der Sprungschanze mit den einst geklauten Matten.
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