Blick in eine ungewisse Zukunft

Der Militärpark von Havanna erinnert an die Kubakrise - inklusive Castro-Parolen und eines abgeschossenen US-Kampfjets.
Der Militärpark von Havanna erinnert an die Kubakrise - inklusive Castro-Parolen und eines abgeschossenen US-Kampfjets.
Foto: Contzen
Was wir bereits wissen
Die USA und Kuba wollen sich versöhnen. Doch die Einwohner der Karibikinsel trauen dem Frieden nicht. Gespräche mit ganz normalen Kubanern.

Havanna..  In dem nachtblauen Chevrolet, Baujahr irgendwann in den 50ern, der quietschend durch die Straßen von Havanna wackelt, baumelt der Duftbaum mit den „Stars and Stripes“ gleich neben der kleinen Kuba-Fahne. Ein Sinnbild für die Annäherung, die sich seit Ende vergangenen Jahres zwischen den USA und der kommunistischen Karibikinsel vollzieht. Man sollte meinen, dass sich die gebeutelten Kubaner über die Devisen freuen, die eine Schwemme amerikanischer Touristen bald ins Land bringen könnte. Doch die Kubaner sind vor allem eines: skeptisch.

Teresa lehnt an ihrer kurzen Theke in der Küche. „Die Wirtschaftslage ist schlecht, sehr schlecht“, sagt sie und hebt sorgenvoll die Augenbrauen. Seit sechs Jahren hat die Mittvierzigerin eine Lizenz, um in ihrer Wohnung im Herzen von Havanna ein Zimmer an Touristen zu vermieten. Wenn Gäste da sind, schneidet Teresa frisches Obst fürs Frühstück und harrt ansonsten vor dem Ventilator auf dem Sofa aus. Im alten Röhrenfernseher laufen viel Schnee und die Nachrichten.

Der Tourismus ist eine lukrative Branche, die ein Einkommen weit über dem kubanischen Durchschnittslohn von 20 bis 30 Euro im Monat verspricht. „Aber es geht auf und ab, mal kommen viele Touristen, dann wieder weniger“, sagt die Wirtin, die die Insel noch nie verlassen hat. Obwohl Raúl Castro vieles im Land gelockert hat – neben der Reisefreiheit, dem Besitz von Handys und Computern oder dem Handel mit Immobilien und Autos arbeitet inzwischen auch rund eine halbe Million Kubaner auf eigene Rechnung – traut Teresa dem sprichwörtlichen Braten nicht. „Wenn“, sagt sie, „selbst wenn die Amerikaner kommen, dann werden wohl vor allem die Hotels überfüllt sein.“ Dass die im Gegensatz zu den Privatunterkünften fast ausnahmslos staatlich betrieben sind, sagt sie nicht.

Nostalgische Gefühle

Ein typisches Schaufenster in Havanna zeigt eine schlichte Mikrowelle, vielleicht noch einen Mixer und ein paar gerahmte Bilder. Im Supermarkt beschränkt sich das Angebot auf eine Brot-, eine Fleisch- und eine Getränketheke, mit etwas Glück gibt es noch eine dürftig bestückte Drogerie-Abteilung. Während die Warenhäuser aus den 50er-Jahren, die alten Kinos und tollen Oldtimer bei Touristen nostalgische Gefühle aufkommen lassen, zeigt das Wirtschafts- und Handelsembargo der Amerikaner im kubanischen Alltag seine Wirkung – das müssen auch Silvano und Claribel tagtäglich am eigenen Leib erfahren. Das italienisch-kubanische Pärchen betreibt in der Kolonialstadt Trinidad einen kleinen Imbiss. Fritten stiehlt ein Angestellter eines Hotels und verkauft sie an das Paar, Mehl müssen sie manchmal für viel Geld aus Havanna kommen lassen und Käse sei an einigen Tagen unmöglich zu bekommen.

„Für mich ist Fidel schon tot“, sagt Claribel. Angst vor der Zukunft haben sie und ihr italienischer Freund trotzdem. „Natürlich täte wirtschaftlicher Aufschwung dem Land gut“, meint der 39-Jährige. „Aber Kuba ist so einzigartig und so authentisch. Was ist, wenn die Amerikaner hier ein zweites Cancún, eine Art karibisches Disney World draus machen?“

Die kubanische Hauptstadt dürfte die US-Amerikaner entzücken

Die Angst der beiden Gastronomen ist nicht unberechtigt – das mexikanische Cancún, eine beliebte Urlaubsdestination der Amerikaner, ist eine einzige Vergnügungsmeile und auch die nahen Bahamas haben sich ganz auf den US-Geschmack eingestellt. Havanna und Miami sind gerade einmal rund 360 Kilometer voneinander entfernt und die kubanische Hauptstadt mit ihrer wunderschönen Kolonialarchitektur dürfte wohl fast jeden Amerikaner in Entzücken versetzen, ohne dabei allzu fremd zu erscheinen. Denn trotz der Jahrzehnte langen Eiszeit zwischen beiden Ländern, den plakatgroßen Siegesparolen entlang der Autobahn und dem im historischen Militärpark von Havanna demonstrativ ausgestellten abgeschossenen US-Kampfjet ist der amerikanische Einfluss vor allem hier noch deutlich spürbar: Baseball ist der heiß geliebte Nationalsport, im Stadtteil Vedado reihen sich die den berühmten Hochhäusern von Miami nachempfundenen und einst Mafia-geführten Hotels aneinander und bekannte Bars wie „La Bodeguita del Medio“ und „Sloppy Joe's“ werben immer noch mit ihren alten Stammgästen Ernest Hemingway oder Frank Sinatra um Kunden.

Zwei Welten

Boris ist einer, der beide Welten kennt. Seit seiner Kindheit, als seine Mutter eine Greencard in der Lotterie gewonnen hat, lebt der 22-Jährige in Miami. Im gerippten Unterhemd, mit dicker Goldkette um den Hals zieht er alle paar Monate mit seinem Kumpel Modesto durch die Bars von Havanna. „Modesto ist Mechaniker und verdient gerade einmal 15 Euro im Monat“, sagt Boris in gebrochenem Englisch. „Ich arbeite in Miami auf dem Bau und verdiene fast so viel pro Stunde. Wenn amerikanische Touristen nach Kuba kommen, wird hier alles anders.“

Modesto zieht derweil an seinem geschnorrten Cohiba-Zigarillo und schweigt. Neben der Cuba libre-Leuchtschrift hängt ein Foto von Raúl Castro. Ob mit ihm alles besser wird? Modesto streicht abwertend mit dem Handrücken von der Gurgel übers Kinn.