Altstadt von Fes - Verloren, verirrt, unsterblich verliebt

Die Medina von Fes wird auch die "größte Fußgängerzone der Welt" genannt.
Die Medina von Fes wird auch die "größte Fußgängerzone der Welt" genannt.
Foto: Andrea Zanchi
Was wir bereits wissen
Die drittgrößte Stadt Marokkos hat eine riesige Medina, in der sich selbst Einheimische verlaufen. Tradition und Moderne treffen hier aufeinander.

Fes.. Nur neun verschiedene Möglichkeiten gibt es, die Medina von Fes zu betreten. Neun große Stadttore, die Einlass in die größte mittelalterliche Altstadt dieser Welt gewähren. Wer den Schritt wagt, wird im Gegenzug mit mindestens Tausend Möglichkeiten beschenkt. Mitunter sogar so reich, dass man sich am Ende verliebt, vielleicht sogar unsterblich. Und man wird sich verlaufen. Verirren, verlieren. Immer wieder. In dem Gewirr aus Gassen, Gerüchen, Geräuschen und Gesichtern. Die Sinne sind schlicht überstrapaziert, ganz zwangsläufig bleibt die Orientierung auf der Strecke. Nein, die Medina wird kein Gast so schnell wieder verlassen, das steht fest.

Umso ratsamer ist zum Einstieg ein nüchterner Blick auf die Faktenlage zu Fes: Die drittgrößte Stadt Marokkos ist die älteste der vier Königsstädte (außerdem Marrakesch, Meknes und Rabat) des Landes. Bereits im 8. Jahrhundert wurde die Altstadt errichtet, hier steht auch die älteste Universität der Welt. Auf einer Fläche von rund 400 Fußballfeldern leben geschätzte 300.000 Menschen, verteilt auf 40.000 Häuser, dicht an dicht gebaut. Die engen Gassen erlauben keine Autos, nur Esel und Mulis.

Märkte thematisch und nach Warengruppen sortiert

Seit über 20 Jahren steht dieser besondere Ort als Weltkulturerbe unter dem Schutz der Unesco. Aus gutem Grund. Lässt sich hier doch nachvollziehen, wie die Menschen im Mittelalter gearbeitet und gelebt haben. Denn wirklich viel hat sich seitdem nicht geändert. Doch das alleine ist es nicht. Die Enge und die vielen, vielen Gassen, die von Händlern, Handwerkern und Kleingastronomen gesäumt sind, sind weitere einmalige Merkmale.

Marokko „Willkommen in der größten Fußgängerzone der Welt“, lacht uns Zakariae entgegen, der uns durch die Medina begleitet. „Würden wir jede einzelne der insgesamt 9400 Gassen der Altstadt ablaufen, müssten wir 36 Kilometer zurücklegen“, berichtet der Guide. Und fügt an, dass dies nur der rechnerische Wert sei. „Da kommt noch einiges an zusätzlichen Kilometern hinzu, da man sich auf jeden Fall verlaufen würde. Ich bin hier geboren und aufgewachsen. Und auch ich verlaufe mich noch“.

Und doch hat das gefühlte Chaos eine gewisse Struktur. Die Hauptmoschee befindet sich im Zentrum der Medina, darum herum sind die Souks, also die Einkaufsmärkte gruppiert. Diese sind thematisch und nach Warengruppen sortiert. Es ist vergleichsweise ruhig und sauber. An den Rändern und den äußeren Ringen hingegen wird es laut, schmutzig und auch der Geruchssinn wird teilweise auf eine harte Probe gestellt. Hier wird mit Leibeskraft produziert und gearbeitet, gehämmert, gedrechselt oder gegerbt.

Schicksals- und Solidargemeinschaft

Ein kleiner Zweig frischer Minzblätter wird zur Begrüßung gereicht, dann geht es auf die Aussichtsterrasse. Der Blick fällt hinab auf Hunderte Tröge, die mit verschiedenen Farben gefüllt sind. Knietief stehen die Gerber in der Brühe und wenden und bearbeiten die Häute von Schafen, Ziegen und Kühen. So lange, bis sie nicht nur gefärbt, sondern zart und weich sind. Die Männer sind der Hitze gnadenlos ausgeliefert, den üblen Gestank nehmen sie im besten Fall schon nicht mehr wahr. Die Besucher hingegen führen die Minzblätter immer wieder an die Nase heran, um den beißenden Geruch zumindest einigermaßen zu überdecken.

Die Szenerie macht deutlich: Das ursprüngliche, mittelalterliche Wirken und Arbeiten hat seinen Preis – die Arbeit ist brutal hart und dazu noch kümmerlich bezahlt. Entsprechend unangebracht ist eine verklärende Romantik, die Lebens- und Arbeitsbedingungen in der Medina von Fes sind mitunter erbärmlich. Gleichwohl ist beeindruckend zu erleben, wie das tatsächliche Leben in diesem Mikrokosmos Altstadt nach seinen eigenen Regeln funktioniert. „Fes ist arm und reich zugleich, aber zwischen den verschiedenen Einwohnern und Schichten gibt es trotzdem keine Kluft“, erklärt Zakariae. „Trotz aller Unterschiede sehen sich die Bewohner der Medina als eine Schicksals- und Solidargemeinschaft, die zueinander steht und zusammen hält.“

Hühner werden vor den Augen der Kunden geschlachtet

Der wichtigste Wert sei die selbstverständliche Hilfsbereitschaft, die die Gesellschaft wie Kitt zusammen halte. Der blinde Mann wird einige Gassen weit bis zu seinem Ziel geführt, vor der Moschee erhalten die Ärmsten ein kostenloses Couscous, welches mit der bloßen Hand gierig in den Mund geschoben wird. „Keiner fällt durch das Raster“, meint Zakariae. Auf dem Markt zahlen die Armen immer ein wenig weniger, die Reichen immer ein wenig mehr.

Die Entdeckungsreise durch Fes geht weiter. Augen und Sinne bekommen nicht genug. Ja, vieles ist fremd oder gar befremdlich. Aber auch deshalb, weil wir Gäste aus der Gegenwart inzwischen anders geprägt und genormt sind. Deutlich wird dies beispielsweise auf dem Fleischmarkt der Medina. Frische, so viel steht fest, wird hier groß geschrieben. Hinten im Käfig die Hühner, vorne die Waage und das Schlachtmesser. Die Kundin prüft und wählt aus, dann ritzt die Klinge die Kehle hindurch. Das aufgeregte Gackern verstummt.

Tradition mit Zukunft

Zurück bei den Handwerkern gilt es Töpferkunst, Schmiedewerke oder Stickereien zu bestaunen. Kleinteiliger Handel und Handwerk sind die Säulen der letztlich funktionierenden Wirtschaft. Wie lange noch? „Ich sehe durchaus eine Zukunft. Die Tradition wird bewahrt, aber die Menschen sind dennoch offen für Neues. Die Künstler und Handwerker greifen immer häufiger neue Kreationen und Designs auf, hier ist durchaus Platz für Entwicklungen“, sagt Zakariae.

Ein Trend, der auch bei den Unterkünften zu erkennen ist. Am Abend erreichen wir unser Riad. 168 der traditionellen Gasthäuser gibt es inzwischen hinter den unscheinbaren Mauern der Altstadt. Alle haben ihren eigenen Charme und eine beeindruckende Ästhetik. Sie bieten Raum für neue Ideen und frische Wohnkonzepte. Für den Gast sind sie Rückzugsort und Ruhepol. Nach einem heißen Tee wird das Essen aufgetragen. Harira, Tauben-Pastilla mit Backobst, Tajine Qamama oder Zitronenhuhn. Dazu ein durchaus passabler marokkanischer Wein, der ganz in der Nähe rund um Meknes angebaut wird.

Meknes ist ebenfalls eine Reise wert. Ebenso wie Volubilis, die Überreste einer römischen Stadt, die inzwischen unter dem Schutz der Unesco steht. Morgen aber bleiben wir noch hier, der Entdeckungshunger auf die vielen neuen Eindrücke und Begegnungen in der Medina ist nicht gestillt. Nein, das Herz von Fes werden wir so schnell nicht wieder verlassen. Das steht fest.