Zwischen Weser und Rhein, an Lippe und Pader

Viaduktwanderweg Altenbeken am größte Kalksandsteinbrücke Europas, erbaut 1853
Viaduktwanderweg Altenbeken am größte Kalksandsteinbrücke Europas, erbaut 1853
Foto: Stephan Hermsen
Was wir bereits wissen
Atemnöte auf der Gauseköthe: Was geschieht, wenn man sich dem schönen Paderborner Land von der falschen Seite nähert. Und warum ein Ausflug dorthin dennoch äußerst lohnenswert ist.

An Lippe und Pader.. Bald muss es doch in Sicht kommen, das Paderborner Land. Die Bäume lichten sich schon, hier auf der Landstraße von Detmold nach Paderborn zum Blick ins Tal, von der Weserrenaissance hinüber zum Liborius-Dom... Doch dann lichten sie sich nur vor dem Radler für ein Horrorszenario: Die Straße hier sieht aus wie eine Skischanze von unten.

Dabei schien es eine so gute Idee, sich dem Paderborner Land einfach mal von der falschen Seite zu nähern, von Osten, über das Eggegebirge, die Wasserscheide zwischen Weser und Rhein. Das Dörfchen Heiligenkirchen grüßte am Wegesrand mit der Kirche, die zwar ohne nennenswerte Heiligenfiguren auskommen muss, dafür aber 1000. Geburtstag feiert und zumindest ein paar der letzten Jahrhunderte in evangelischer Hand zugebracht hat. Was den Verlust der Heiligen ein wenig erklärt. Wäre noch Luft in der Lunge, man bräuchte sie, um den Heiligen aller Radfahrer anzurufen, aber es geht nur bergauf, steiler und steiler.

Die Eichen stehen in Viererreihen Spalier

Die Streckenkunde hole ich erst später nach und lese anschließend noch einmal mit kaltem Grausen von der Gauseköte, der Passhöhe des Teutoburger Waldes auf dieser Strecke, die eigentlich nur 200 Höhenmeter aufweist, aber dummerweise am steilsten Stück 18 Prozent Steigung. Die bringt kaum ein Alpenpass, weil da die Straßenbauer ja auf die Idee gekommen sind, in Serpentinen den Berg anzugehen. Nix da, Ostwestfale und Lipperländer sind halt gradlinig.

Dreihasenfenster, wilde Tiere, viele Steine und ein Viadukt

Das zeigt sich vor allem auch, wenn die Gauseköte und die Atemnöte überwunden sind und es dann endlich hinunter geht in das Paderborner Land, das ansonsten völlig zu Recht auch um Radfahrer wirbt, die hier zwischen Eggegebirge, Teutoburger Wald und Weserbergland die sanfte hügelige Senne vorfinden, reichlich fleißige Windräder und den schlitzohrigen Charme der Menschen aus Oh-Weh-El... Ostwestfalen-Lippe.

Mittlerweile muss ich nicht mehr treten, werde aber langsam taub, weil der Fahrtwind hier mit 60 km/h an den Ohren vorbeifegt: Mit 16 Prozent Gefälle geht es runter zur Fürstenallee. Gerühmt als schönste Eichenallee des Lipperlandes. Seit knapp dreihundert Jahren stehen hier die Eichen in Viererreihen Spalier für die Grafen und Fürsten zur Lippe, die hier auf dem Weg zum Jagdschloss Oesterholz vorbeigeritten sind. Die Allee steht unter Schutz und wird gerade neu bepflanzt: Bis zum Jahr 2020 sollen Jungeichen hier den Alleecharakter für die nächsten paar Hundert Jahre sicherstellen. Und Schatten spenden für die Radfahrer, die bei vier Reihen Bäume selbstredend eine eigene Allee haben, schön entfernt von der Straße, die in die alte B 1 mündet.

Zwischen jungen Bäumen gibt es frischen Asphalt, und so geht’s topfeben hinein nach Schlangen, wo die alte B 1 sich an Fachwerkhäusern entlang windet und weil es so schön war, das Spiel in Bad Lippspringe gleich wiederholt.

Am Wegesrand macht dort eine Novität auf sich aufmerksam, die Innovationsfreude, Lebenspraxis und Maschinenbaukunst so miteinander vereint, wie man es der Nixdorf-Region zu Recht zutraut: Der hoffentlich gut gekühlte Automat der örtlichen Fleischerei stellt die Rund-um-die-Uhr-Versorgung der Menschen mit Grillwurst, Nackensteaks und Fleischspießchen sicher. Doch bis Paderborn geht’s von hier aus auch ohne Wurst – da kommt der erste, größte und wichtigste Lippezufluss nur wenige Kilometer hinter der Lippspringer Quelle dazu. Die Pader ist nicht nur der kürzeste Fluss Deutschlands mit der kräftigsten Quelle, die mitten in der Stadt unterhalb des Doms liegt. Sondern die Pader dürfte der einzige Fluss weltweit sein, von dem jeder sieht, wo er entspringt – in einer schönen Aue mitten in der Stadt -- aber keiner die Mündung kennt.

Die Senne ist umkämpft – vonSoldaten und Naturschützern

Die kann man, wenn man sich sehr viel Mühe macht, hinter einem Baum neben einer Straßenbrücke in Schloss Neuhaus finden, die Suche ist aber weitaus weniger der Mühe wert als der Besuch im dortigen Schloss, auch die vorgelagerte, kleine Altstadt lohnt den Besuch, bevor man sich dann aufmacht in die Senne, immerhin die bedeutendste zusammenhängende Heidelandschaft in Nordrhein-Westfalen. Ein gutes Drittel davon ist allerdings ein großer Truppenübungsplatz, derzeit der britischen Armee, die jetzt aber ihren Rückzug bis 2020 angekündigt hat. Die nächste Schlacht dort tobt bereits: zwischen den Naturschützern, Tourismusförderern und der Bundeswehr, die das Areal allesamt gern für ihre Zwecke nutzen wollen.

Aber auch zuvor gibt es vor allem reichlich Gelegenheit, sich zwischen Altenbeken und Salzkotten müde zu radeln oder zu wandern. Die Fahrradroute, die kreisförmig durch das ganze Land führt, misst immerhin stolze 52 Kilometer. Und spart die Gauseköte aus. Sie wissen jetzt auch, warum.