Zwischen Freude und Wehmut

Berlin..  Nikolaus Schneider, 1947 in Duisburg geboren, war von 2010 bis 2014 Ratsvorsitzender der EKD und damit höchster Repräsentant der Evangelischen Kirche in Deutschland. Im November trat er wegen einer Krebserkrankung seiner Frau Anne von seinen Ämtern zurück. Schneider war von 2003 bis 2013 auch Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland. Die NRZ sprach mit Nikolaus Schneider in seinem augenblicklichen Domizil in Berlin.


Herr Schneider, wie geht es Ihnen und Ihrer Frau?

Nikolaus Schneider: Mein Seelenleben ist von Wehmut über manche Abschiede geprägt, die mir nicht leichtfallen; das Miteinander im Kirchenamt der EKD, im Rat und auch in der Kirchenkonferenz war weit mehr als das routinierte Geschäft derer, die bestimmte Aufgaben in ihrer oder für ihre Kirche zu erledigen haben. Ich habe verbindliche Gemeinschaft erlebt, auch das Interesse am persönlichen Ergehen und auch die Begleitung in den Krisen von Krankheit im Familienkreis.

Mein Seelenleben ist aber auch von Freude über die neuen Freiheiten eines Alltages geprägt, der nicht mehr von den Vorgaben des dienstlichen Terminkalenders dominiert wird. Dabei ragt eine Freiheit heraus: Ich muss nicht mehr abwägen, ob ich mir Zeit nehme für bestimmte dienstliche Aufgaben oder für meine Familie, besonders für meine Frau. Das erlebe ich als große Erleichterung. Und ich beginne, die Vorteile der neuen Lebensphase zu entdecken und zu genießen, etwa beim morgendlichen Nordic-Walking.


Sie sind erstmals seit 40 Jahren ohne Amt und Arbeit. Fühlen Sie sich erleichtert, oder stecken Sie schon in dem berühmten Loch, das sich ja nach dem Abschied vom Arbeitsleben immer auftun soll?

Ich bin zwar nun ohne Amt, aber nicht ohne Arbeit. Zum einen ist noch eine Menge aufzuräumen, umzustellen, abzuschließen oder an Post zu beantworten – und zwar mit der Ruhe rentnerlicher Existenz. Zum anderen kann ich nun familiäre Pflichten übernehmen, die ich in 40 Berufsjahren vernachlässigt habe. Ich habe Zeit gewonnen, um meine Enkelkinder aus der Kita oder der Schule abzuholen, kann einkaufen und einen Teil der Hausarbeit übernehmen. Ich kann nun ein Buch nach dem anderen vom Stapel „wichtig: später lesen!“ in die Hand nehmen und auch die Tageszeitung in Ruhe und ausführlich studieren – das ist jede Menge erfüllende Arbeit.


Pastor, Superintendent, Präses, Ratsvorsitzender der EKD: Sie haben in der evangelischen Kirche eine große Karriere gemacht, die größtmögliche sogar. Was hat ihre Karriere mit Ihnen gemacht? Nur Gutes?

Wenn ich auf meinen Berufsweg zurückschaue, bin ich selbst erstaunt. Das war mir nicht in die Wiege gelegt, das hatte ich auch zu Beginn meines pfarramtlichen Dienstes nicht geplant. Ich habe mich dem aber auch nicht in den Weg gestellt und nur wenige Aufforderungen abgelehnt, für andere Aufgaben zur Verfügung zu stehen. Der entscheidende Schritt war ganz am Anfang meine Bereitschaft, für das Amt des Superintendenten des Kirchenkreises Moers zu kandidieren und mich also nicht auf den Pfarrdienst in der Gemeinde zu beschränken. Danach haben sich Verbindungen ergeben, ich konnte mich bei vielen verschiedenen Aufgaben einbringen, auf verschiedenen Ebenen unserer Kirche tätig werden und damit bekannter werden, sodass sich die anderen Anfragen daraus entwickelten.


Ihr größtes Bedauern?

Dass mich mein Weg immer weiter von der Basis des kirchlichen Lebens in der Gemeinde entfernt hat. Die täglich erlebte Verwurzelung in der Gemeinde war noch mit dem Amt des Superintendenten verbunden, weil ich diesen Dienst nebenamtlich ausübte. Als Vizepräses und Präses, schließlich als Ratsvorsitzender war das nicht mehr möglich.


Und positiv wäre?

Außerdem bin ich in meinen Einschätzungen und Urteilen „abgewogener“ geworden. Die unbedingte Parteinahme fiel mir aus der Kenntnis größerer Zusammenhänge heraus schwerer. Kompromiss und Ausgleich lernte ich schätzen. Und mich leitete das Bewusstsein, für die „ganze Kirche“ zu sprechen, wenn ich mich zu bestimmten Fragen äußerte.
Anne Schneider: Ich habe wahrgenommen, dass die „Karriere“ Nikolaus zunehmend zu einer großen Wertschätzung der „Institution“ Kirche geführt hat. Kirchliche Ämter, Strukturen und inhaltliche Verlautbarungen prägten zunehmend auch sein persönliches theologisches Denken und Entscheiden. Das fand ich nicht immer „gut“.


Vermissen Sie jetzt das Prestige?
Oder gar die Macht, die Sie hatten?

Diese Frage kommt einfach zu früh.


Gibt es etwas, auf das Sie besonders stolz sind?

Vielleicht ist „stolz“ nicht das richtige Wort. Mit Zufriedenheit schaue ich darauf zurück, dass es mir auf allen Ebenen unserer Kirche und mit ganz verschiedenen Menschen gelungen ist, vertrauensvoll zusammen zu arbeiten.


Gibt es etwas zu bereuen, das die Öffentlichkeit etwas anginge?

Die Öffentlichkeit hat wahrgenommen, dass die Evangelische Kirche im Rheinland für die Arbeit ihres bbz (dort werden Beihilfen und Bezüge berechnet und zahlbar gemacht) eine zweistellige Millionensumme aufbringen musste, um den Konkurs des Unternehmens nach betrügerischen Machenschaften abzuwenden. Solche Unternehmen kann eine Kirchenleitung nicht allein durch das Vertrauen in die dort Tätigen und die für sie die Aufsicht Ausübenden begleiten, sie muss entschiedener und systematischer kontrollieren – das wurde mir zu spät deutlich.


Was ist unerledigt geblieben? Welches Projekt haben Sie nicht (mehr) geschafft?

Durch die vorzeitige Beendigung meiner Tätigkeit als Ratsvorsitzender konnte ich zwei Projekte nicht so weit begleiten, wie ich es gerne gemacht hätte: das Eine ist die Arbeit am „Verbindungsmodell“, also dem Zusammenwachsen von Lutheranern, Reformierten und Unierten mit der EKD. Und das andere ist das Miteinander von „Kaiserin-Auguste-Victoria-Stiftung“ (zu ihr gehören u.a. die EKD, der Johanniter-Orden, die Kaiserswerther Diakonie) und Lutherischem Weltbund auf dem Ölberg in Jerusalem.

Außerdem hatte der Rat die „Kammer für Theologie“ der EKD gebeten, eine Vorlage zum theologischen Verständnis von Ehe und Familie und eine theologische Würdigung der Bedeutung von Institutionen zu erarbeiten, um damit das „Familienpapier“ des Rates mit einer ausführlicheren theologischen Bestimmung des Zusammenlebens in Ehe und Familie zu versehen.

Aber auch für diese „Projekte“ gilt, was Martin Luther über die christliche Existenz grundsätzlich sagte: ‚sie ist nicht zuerst ein Sein, sondern ein Werden‘.


Was haben Sie 2015 vor? Bleiben Sie in Berlin, oder kommen Sie heim?

Wir hoffen, dass im Sommer 2015 die Krebsbehandlung meiner Frau Anne zu einem positiven Abschluss gebracht werden kann. Dann wollen wir erst einmal die Freiheit von Amtsterminen und medizinischen Behandlungsterminen gemeinsam genießen, etwa mit längeren Reisen. Die Entscheidung, ob wir unsere letzte Lebensphase in Berlin oder in Duisburg verbringen wollen, werden wir im Sommer 2016 treffen.