Zwei Frauen berichten vom Leben mit Schlecker

Silvia Maßer (56) und Renate Neumann haben Jahre lang bei Schlecker geschuftet.
Silvia Maßer (56) und Renate Neumann haben Jahre lang bei Schlecker geschuftet.
Foto: NRZ
Was wir bereits wissen
Am 31. August ist die Drogeriekette Schlecker endgültig Geschichte. Dann schließen die letzten 350 XL-Filialen. Knapp ein Drittel der einstigen Schlecker-Beschäftigten hat inzwischen wieder eine Arbeit gefunden. Dabei fiel vielen auf: So schlecht war der Lohn bei Schlecker gar nicht. Zwei der Frauen, die jahrelang für die Drogeriekette gearbeitet haben, erzählen.

Essen.. Knapp ein Drittel der einstigen Schlecker-Beschäftigten hat wieder eine Arbeit gefunden. Alle anderen befinden sich in Qualifizierungs-Maßnahmen der Arbeitsagenturen oder suchen noch eine Stelle. „Von den rund 4900 von der Insolvenz Betroffenen haben 1583 wieder eine Tätigkeit aufgenommen“, so Werner Marquis, Sprecher der NRW-Direktion der Bundesagentur für Arbeit zur NRZ.

Zwar hätten zwei Drittel der Schlecker-Frauen eine abgeschlossene Ausbildung. Viele müssten aber an modernen Kassen, in Lagerlogistik oder EDV geschult werden. „Da war Schlecker nicht auf dem neuesten Stand.“

Viele Schlecker-Frauen hatten für die Branche nicht schlecht verdient. „Oft waren es 13,52 Euro die Stunde. So viel zahlen andere Betriebe kaum“, so Marquis. Es dauere, bis der Großteil der Beschäftigten untergekommen sei. Erschwerend komme der Strukturwandel im Einzelhandel hinzu; es sei nicht mehr so leicht, eine feste und halbwegs gut bezahlte Stelle zu finden.

"Kein böses Wort über den Laden"

Die Gewerkschaft Verdi hatte genau dies schon direkt nach der Schlecker-Pleite im März befürchtet: „Wir glaubten nicht, dass die Frauen problemlos andere Stellen finden werden. Viele waren lange Jahre bei Schlecker beschäftigt und daher entsprechend älter. Da ist es nicht leicht, sofort wieder eine Beschäftigung zu finden.“

„Eins vorweg“, Renate Neumann hebt den Zeigefinger und unterstreicht auch mit ihrer Stimmlage, dass ihr sehr wichtig ist, was jetzt folgt: „Von mir gibt’s kein böses Wort über den Laden. Ich habe mich da wohlgefühlt. Ich habe da gerne gearbeitet.“ Sie macht eine kurze Pause, lässt den Zeigefinger sinken und sagt noch – mehr zu sich selbst: „Schlecker war wirklich mein Leben...“

Ein Arbeitsleben, das am 31. August enden wird. Dann schließen auch die 350 XL-Filialen, von denen Renate Neumann in den vergangenen zwei Monaten eine geleitet hat. Dann erlebt sie, was die beiden Kolleginnen am Tisch schon hinter sich haben: Der alte Job ist weg, ein neuer muss her. Natürlich sucht auch sie schon länger, 20 Bewerbungen sind raus, bisher kamen nur negative Antworten. Wenn überhaupt.

Als Ungelernte zur Filialleiterin hochgearbeitet

Renate Neumann hat 18 Jahre bei der Kette gearbeitet. Wer ihre Treue zum Laden verstehen will, muss ihre Geschichte kennen: „Ich habe damals im dritten Lehrjahr abgebrochen, als ich schwanger wurde. Als ich meine Jungs dann später alleine großziehen musste, habe ich als Ungelernte bei Schlecker angefangen und mich zur Filialleiterin hochgearbeitet. Das war für mich nicht irgendein Geschäft, das war mein Laden. Ich hab mir sogar eine Wohnung ganz in der Nähe gesucht.“ Zuletzt verdiente sie 1700 Euro netto. „Gutes Geld. Jetzt, wo die Kinder mit Studium und Ausbildung durch sind - und ich habe dafür lange gekrückt - hätte ich mir endlich mal was leisten können.“

Stattdessen ist nun wieder Schmalhans Küchenmeister: „Ich habe ausgerechnet, ich bekomme ab September etwa 700 Euro weniger. Die Garage hab ich schon gekündigt, den Zumba-Kurs in der Tanzschule kann ich auch knicken. Aufgeben werde ich aber bestimmt nicht.“

Miese Löhne bei Schlecker? Viele andere Läden zahlen deutlich weniger

Das hat auch Silvia Maßer nicht vor. Aber sie ist schon seit dem 1. Juli ohne Job. Nach zehn Jahren Schlecker und insgesamt 40 Jahren im Verkauf. „Ich habe jetzt über 300 Euro weniger. Zum Glück hatte ich ein bisschen auf die Seite geschafft. Ich habe auch 20 Bewerbungen geschrieben, aber außer 400-Euro-Jobs war nichts dabei. Und das reicht vorne und hinten nicht. Immerhin hatte Ikea einen Aktionstag für Schlecker-Frauen, das war positiv, weil man sich ernst genommen fühlte. Die haben sich um uns wirklich gekümmert.“

Auch über die Agentur für Arbeit können die Frauen nichts Schlechtes sagen. Die sind freundlich, da ist ein Sachbearbeiter nur für uns zuständig. Aber die können die Jobs ja auch nicht herbeizaubern.“ Silvia ist bei den Bewerbungen noch etwas aufgefallen: „Früher wurde ja viel in den Medien über die miesen Löhne bei Schlecker geschimpft, jetzt merken wir alle, viele andere Läden zahlen deutlich weniger.“

„Auf keinen Fall Hartz IV“

Am schlimmsten waren für sie die ersten Tage nach dem Ende. „Du stehst auf, trinkst deinen Kaffee, ja und dann. Dir wird klar, du wirst nicht mehr gebraucht. Das hat mich richtig krank gemacht. Der Lebensrhythmus ist futsch, man schwimmt. Dann kommen die Ängste dazu. Musste vielleicht die Wohnung aufgeben? Wohin dann? Kann ich das Auto behalten? Muss ich doch, beim nächsten Job ist das doch vielleicht Voraussetzung.“ Sie macht einePause und sagt dann mit Nachdruck: „Ich will auf gar keinen Fall in Hartz IV rutschen. Weil man da vielleicht nie wiederraus kommt. Vorher geh ich lieber putzen... Besser wäre natürlich was im Verkauf. Das mach ich seit 40 Jahren. Das ist doch meine Welt. Das kann ich.“

Heidi ist die dritte am Tisch, sie will nicht mit aufs Foto und ihren Namen nicht nennen. Sie hat schon einen neuen Job, wieder an der Kasse, aber sie will da weg. „Ganz schlechte Stimmung. Ich kann aber auch über Schlecker nicht nur Gutes sagen. Ich hatte allerdings auch einen schlechteren Vertrag als die beiden. Und mir wurde in den letzten Monaten nicht mehr alles ausgezahlt. Ich bin richtig in die Schulden gerutscht. Eine Freundin hat mir inzwischen über 1000 Euro geliehen. Wie soll ich das zurückzahlen? Ich bin ganz schön fertig. Ich nehm jetzt seit drei Monaten Antidepressiva. Auch keine Lösung.“

Die drei Frauen teilen ein Schicksal. Sie sind „Schlecker-Frauen“. Und sie sind längst mehr als nur Ex-Kolleginnen. Sie helfen sich, sie drücken sich gegenseitig die Daumen, dass es klappt mit dem neuen Job. Und das ist viel wert: Solidarität bezahlt zwar keine Rechnungen. Aber sie stärkt den Rücken.