Zugbegleiter beklagen Attacken und Angst vor Gewalt bei der Arbeit

Zugbegleiter sehen sich immer öfter aggressiven Fahrgästen ausgesetzt. Viele haben deshalb Angst bei der Arbeit.
Zugbegleiter sehen sich immer öfter aggressiven Fahrgästen ausgesetzt. Viele haben deshalb Angst bei der Arbeit.
Foto: Archiv/dpa
Was wir bereits wissen
Angepöbelt, bespuckt, geschlagen: Zugbegleiter werden nach Aussage der Gewerkschaft der Lokführer immer öfter Opfer von Aggressionen etwa durch Fahrgäste. Laut einer Umfrage sieht sich fast jeder täglich beim Dienst Attacken ausgesetzt. Die Gewerkschaft fordert mehr Schutz für die Beschäftigten.

Essen/Köln.. "Rabiater Schwarzfahrer schlägt Zugbegleiter", "Reisender greift Schaffner an", "Zugbegleiter erhält Faustschlag ins Gesicht": Der Blick in Polizeimeldungen der vergangenen Monate zeigt, Bedienstete im Bahnverkehr sind immer wieder Opfer von Gewalt. Wie oft, hat nun die Gewerkschaft der Lokführer (GDL) in NRW unter ihren Mitgliedern erfragt.

"Wir haben ein Aggressionsproblem", sagt Sven Schmitte, NRW-Chef der GDL. Laut GDL sieht sich fast jeder Zugbegleiter täglich Beschimpfungen ausgesetzt. 63 Prozent der Befragten GDL-Mitglieder haben "schon einmal einen körperlichen Angriff erlebt" - damit meint Schmitte vor allem Handgreiflichkeiten. Die Folge beunruhigt auch Schmitte: "Jeder fünfte Zugbegleiter hat Angst Opfer von Gewalt bei der Ausübung seines Dienstes zu werden". Und sogar 77 Prozent der Befragten sind mit mulmigem Gefühl unterwegs, wenn Sie Nachtschicht haben.

"Selbst Lokführer sind vor Angriffen nicht sicher"

Ein Problem, "das nun die Öffentlichkeit erreichen muss", sagt Schmitte. Die GDL in NRW startet dazu an diesem Donnerstag am Kölner Hauptbahnhof Aktionen. Im Fokus sind Fahrgäste, aber auch Bahn-Unternehmen, Verkehrsträger und nicht zuletzt die Politik.

"Selbst Lokführer sind vor Angriffen nicht mehr sicher", beklagt Schmitte, der als Lokführer selbst schon Opfer von Attacken war: "Als ich noch S-Bahn fuhr, hat mir mal jemand ein Fahrrad an den Führerstand geworfen" - aus Frust, meint Schmitte, "weil ich dem Fahrgast nicht mehr die Tür geöffnet hatte". Nicht aus Bosheit, sagt Schmitte, "sondern weil ich losfahren musste".

"Die Gewaltschwelle sinkt", beklagt Schmitte. Laut GDL hielten Reisende, besonders im Nah- und Regionalverkehr, sich immer seltener gegenüber dem Bahnpersonal im Zaum. Vor allem, wenn es zu Verspätungen komme, sagt Schmitte: "Dann wird das Personal im Zug als Verursacher gesehen und beschimpft". Deutsche Bahn

GDL in NRW schätzt 900 bis 1100 Übergriffe im Jahr

Zwischen 900 bis 1100 Übergriffe gegen Zugbegleiter pro Jahr schätzt die GDL. 93 Prozent der Befragten - laut GDL-Chef etwa 500 Zugbegleiter - sehen sich zudem "von den Bahnunternehmen nicht gut vorbereitet beziehungsweise nach-betreut". Schmitte: "Bei einer Krankmeldung bekommen manche von ihrem Arbeitgeber zu hören, 'das muss man eben aushalten'".

Die GDL sieht statt dessen die Unternehmen in der Pflicht, ihre Mitarbeiter besser vor Attacken zu schützen. Noch immer gebe es etwa S-Bahnlinien, die wegen veralteten Fuhrparks keine Videoüberwachung in den Waggons haben. Die, sagt Schmitte, "schreckt Gewalttäter ab und dokumentiert Vorfälle". Allerdings fordert die GDL vor allem, dass Land und Verkehrsträger bereits bei den Ausschreibungen von Verkehrsleistungen die Sicherheit der Bedienstenen berücksichtigen. Indem bereits in den Ausschreibungen festgelegt wird, "dass in jedem Nah- und Regionalzug Begleitpersonal unterwegs ist" - und nachts nur noch als Doppelstreife.

Zwischen 900 bis 1100 Übergriffe gegen Zugbegleiter pro Jahr schätzt die GDL. 93 Prozent der Befragten - laut GDL-Chef etwa 500 Zugbegleiter - sehen sich zudem "von den Bahnunternehmen nicht gut vorbereitet beziehungsweise nach-betreut". Schmitte: "Bei einer Krankmeldung bekommen manche von ihrem Arbeitgeber zu hören, 'das muss man eben aushalten'".

GDL fordert mehr Personal in den Zügen

Die GDL sieht statt dessen die Unternehmen in der Pflicht, ihre Mitarbeiter besser vor Attacken zu schützen. Noch immer gebe es etwa S-Bahnlinien, die wegen veralteten Fuhrparks keine Videoüberwachung in den Waggons haben. Die, sagt Schmitte, "schreckt Gewalttäter ab und dokumentiert Vorfälle". Allerdings fordert die GDL vor allem, dass Land und Verkehrsträger bereits bei den Ausschreibungen von Verkehrsleistungen die Sicherheit der Bedienstenen berücksichtigen. Indem bereits in den Ausschreibungen festgelegt wird, "dass in jedem Nah- und Regionalzug Begleitpersonal unterwegs ist" - und nachts nur noch als Doppelstreife.

Die Deutsche Bahn AG mag die GDL-Zahlen nicht bestätigen. Bundesweit würden im Jahr etwa 800 Übergriffe auf Zugpersonal gezählt. Die Zahl sei seit Jahren "nahezu konstant", teilt ein Sprecher auf Anfrage mit. Als Reaktion auf Vorfälle würden in diesem Jahr jedoch alle Nahverkehrs-Kundenbetreuer in NRW ein Deeskalationstraining absolvieren. Indirekt bestätigt die Bahn jedoch GDL-Vorwürfe, auch Lokführer seien zunehmend Ziel von Angriffen: "Für das neu an DB Regio vergebene Dieselnetz Köln erhalten aktuell alle Lokführer Deeskalationstrainings", sagte der Bahnsprecher. Zudem würden 97 Zugbegleiter "allein in diesem Teilnetz die Personalpräsenz in den Zügen" verstärken. Insgesamt gibt es bei den Bahn-Unternehmen in NRW laut GDL etwa 1700 Zugbegleiter.