Zu Besuch in „Tannbach“

Mödlareuth in frischem Schnee: Ein Stück der Mauer, die das Dorf über Jahrzehnte teilte, steht noch immer. Der Ort ist das Vorbild für den erfolgreichen ZDF-Dreiteiler „Tannbach - Schicksal eines Dorfes“.
Mödlareuth in frischem Schnee: Ein Stück der Mauer, die das Dorf über Jahrzehnte teilte, steht noch immer. Der Ort ist das Vorbild für den erfolgreichen ZDF-Dreiteiler „Tannbach - Schicksal eines Dorfes“.
Foto: Kai Kitschenberg
Was wir bereits wissen
Mödlareuth ist das Vorbild für den ZDF-Dreiteiler. Den Bewohnern gefällt der Film - allerdings nervt sie ein wenig der Rummel, den das Fernseh-Ereignis ausgelöst hat.

Mödlareuth..  Minus 7 Grad, Winterwunderland. Die Welt ist so weiß, dass wir zwischen den verschneiten Wiesen den Hauptzeugen dieser Geschichte auf den ersten Blick gar nicht sehen: die Mauer von Mödlareuth, ein 3,30 Meter hoher und weiß getünchter Betonklotz, Mahnmal der deutsch-deutschen Geschichte, Thema des ZDF-Dreiteilers, der gerade das Land beschäftigt.

Mödlareuth ist das Dörfchen, das dem Film die Geschichte gab, die kleine Köttelbecke, die an der Mauer entlang fließt, gab ihr den Namen, der Tannbach, gerade mal einen Meter breit und zwei Hände tief. Schon seit 1810 teilt er das Dorf, im Süden Bayern, im Norden Thüringen. Das hat niemanden früher groß beschäftigt, erst nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurde aus der Linie eine Grenze, eine dann unüberwindbare sogar, ein Dorf zerschnitten in zwei Hälften, „Little Berlin“ nannten es die amerikanischen Soldaten auch.

Vom Film profitieren

Wir stoppen auf dem großen Touristenparkplatz gleich unterhalb des T34, des sowjetischen Panzers, der als Fotomotiv der Zeit entgegenrostet, das Rohr Richtung Bayern gerichtet. Noch ist sonst niemand da, das aber wird sich im Laufe des Tages ändern. Denn Mödlareuth profitiert von dem Film, profitiert auch von der Entscheidung der Bewohner nach der Wiedervereinigung, gut hundert Meter der verhassten Mauer stehen zu lassen, heute der Außenbereich eines Museums zur deutschen Geschichte. Eine weise Entscheidung. denn der Parkplatz füllt sich nun stetig.

Marlies Mundell (66) und Karl Grein (65) sind aus dem nahen Hof gekommen, allerdings mit falschen Vorstellungen: „Wir haben gestern den zweiten Teil gesehen und wollten mal sehen, ob wir das ein oder andere Haus wiedererkennen.“ Ein Irrtum, denn der Film wurde in Tschechien und anderen Orten in Thüringen gedreht, nicht eine Szene hier. „Och“, sagt Marlies. Das erkläre aber auch einige Fehler, die den Machern unterlaufen sind, vor allem bei der Sprache. „Pfüadi“ würde kein Mensch hier über die Lippen bringen, eher „Servus“, „hier wird Oberfränkisch gesprochen, nicht Bayerisch.“

Auch bei anderen Details haben die Filmemacher etwas geschludert. Hopfen zum Beispiel wurde hier nie angebaut, erklärt einer, und die Schießerei zu Beginn mit dem Volkssturm hat es nie gegeben. Ronald Schricker ist zwar erst 37, aber er arbeitet im Museum, hat sich tief ins Thema eingearbeitet. „Auch das Angebot des sowjetischen Offiziers, die Häuser an die Amerikaner zu verkaufen, hat es nie gegeben.“ Ärgerlich ist deshalb aber niemand. „Künstlerische Freiheit ist ja erlaubt.“ Karin Mergener (67) lebt seit 1966 hier, sie ist mit dem Film zufrieden. „Wir haben gestern im Bürgerhaus alle den zweiten Teil gesehen. Freilich ist nicht alles richtig dargestellt, aber hier lebt auch niemand mehr im Ort, der die Zeit noch als Erwachsener erlebt hat. Letztes Jahr ist die Ida gestorben, die war 96, die hat’s noch gewusst, aber heute...“ So richtig viele Menschen leben eh nicht mehr im Ort. 15 im bayerischen Teil, 32 im thüringischen. Nach wir vor sagen die einen „Grüß Gott“ und die anderen „Guten Tag“, nach wie vor haben sie unterschiedliche Kennzeichen an den Autos, eine andere Postleitzahl, eine andere Vorwahl. In einem aber sind sie einig: Von dem Rummel haben sie die Nase voll. Wir gehen an den Hofpforten klingeln. Nichts. Keine Reaktion, nur ein Huhn gackert, lacht uns aus.

Mehr Besucher als Bewohner

Inzwischen ist der Parkplatz voll, Mödlareuth hat längst mehr Besucher als Bewohner. Familie Opitz ist gekommen, ganz spontan aus Sachsen-Anhalt. „Gleich nach der Folge gestern haben wir uns entschieden.“ Die vier sind in den frühen 60ern, für sie hat das auch mit ihrer eigenen DDR-Geschichte zu tun. Roland zum Beispiel: „Ich war 1972 bis ‘74 NVA-Soldat. Ich habe bei Marienborn in so einem Wachturm gestanden. Und ich bin bis heute unendlich glücklich, dass ich nie schießen musste. Durch den Film kommt das alles wieder zurück.“

Damit ist er nicht allein. Bei allen älteren Besuchern spielt das Erinnerungskino den Hauptfilm. Nicht immer so traumatisch wie bei Elisabeth Rustler. 90 ist sie, und die Szenen mit den Flüchtlingen hat sie 69 Jahre zurückversetzt. „Ich war mit meinem Sohn Horst auf der Flucht von Eger in der Tschechei nach Kulmbach. Horst war vier Monate, hat nur geschrien. In Scheunen haben wir geschlafen. Nur ein Stückchen Brot am Tag. Und dann wollte mich ein US-Soldat nicht über die Grenze lassen. War schon eine schwere Zeit.“ Ihr jüngerer Sohn Gerhard schiebt den Rollstuhl der Mutter zum kleinen Gasthaus „Zum Grenzgänger“, das heute eigentlich Ruhetag, bei dem Ansturm aber spontan geöffnet hat.

Viel Vergangenheit in Mödlareuth. Und dann doch ein bisschen Zukunft. Min-Young Kang und Jae Won Heo haben sich die mörderischen Grenzanlagen intensiv angeschaut. Beide sind 16 Jahre alt, Gymnasiasten aus Südkorea, mit ihren Familien auf Europatrip. „Für uns bedeutet das hier alles Hoffnung. Die Teilung eines Landes wird überwunden, durch den Willen der einfachen Menschen. Für unser Land können wir das nur wünschen.“