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Wo Lebensmittel auf Zahnverträglichkeit getestet werden

11.06.2012 | 22:50 Uhr
Wo Lebensmittel auf Zahnverträglichkeit getestet werden
Christian Greune (re.), wissenschaftlicher Mitarbeiter des Department fuer Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde an der Universitaet Witten/Herdecke , untersucht bei Proband Klaus Gottwald den pH-Wert an einem Spezialimplantat. Das von Prof. Dr. Stefan Zimmer (M.) geleitete Institut ist eines von nur drei Laboratorien weltweit, das durch Messung des Saeuregehalts im Mund die Zahnfreundlichkeit von Lebensmitteln testet. Foto: Bernd Lauter

Witten.   Süßes oder Saures – beides schädigt den Zahn. An der Uni Witten/Herdecke steht eine von weltweit drei Teststationen, um zahngesunde Lebensmittel zu zertifizieren. Vier Probanden kauen und trinken dort im Dienste der Wissenschaft. Eine Elektrode misst, wie Lebensmittel den pH-Wert im Mund verändern.

Aus dem rechten Mundwinkel von Klaus Gottwald führt ein Kabel heraus, seine Stimme klingt leicht nuschelig. Er sitzt auf einem schlichten Stuhl vor einer weißen Wand. Seine graue Weste hat der rüstige Rentner anbehalten („Ich trag‘ Hosenträger.“). Auf seinem Schoß liegt ein Tablet-PC, mit ihm liest der 72-Jährige während der Wartezeit – ein Beleg jener Aufgeschlossenheit, die ihn heute zum wiederholten Mal hierher geführt hat. „Ich möchte etwas für die Forschung tun“, sagt Gottwald. Er ist eine von vier Versuchspersonen in der Abteilung für Zahnerhaltung und Präventive Zahnmedizin der Universität Witten/Herdecke, angeschlossen an ein Messgerät, das es weltweit nur noch in Zürich und Peking gibt.

Zwei Stunden hat der Bochumer heute eingeplant. Seine Aufgabe: Zwei Minuten lang ein Getränk im Mund umspülen, mit einer kleinen Glaselektrode in seiner Zahnprothese, die ermittelt, ob das Getränk Zähne schädigen kann. Ist das nicht der Fall, darf der Hersteller sein Produkt mit dem „Zahnmännchen“ der „Aktion zahnfreundlich“ schmücken. Bislang erfüllen rund 100 Lebensmittel in Deutschland die strengen Kriterien.

Säuren greifen den Zahn an

„Bei den Zähnen gilt das gleiche wie an Halloween“, erklärt Lehrstuhlinhaber Stefan Zimmer: „Süßes oder Saures – beides schädigt den Zahn.“ Der Zahntechniker Christian Greune tauscht derweil die normale Prothese des wartenden Klaus Gottwald gegen die Spezialanfertigung mit der Messelektrode. „Damit stellen wir fest, welche Nahrungsmittel welche Veränderungen des pH-Werts, also des Säurespiegels, an der Zahnoberfläche bewirken“, erläutert Zimmer. Gottwald kaut inzwischen auf einem Paraffinblättchen, um den Speichelfluss anzuregen.

Säuren, wie sie in Sportgetränken, aber auch in Limonaden und anderen Getränken vorkommen, greifen direkt den Zahn an. Erosion nennen Zahnärzte das. Fällt der pH-Wert im Mund vom natürlichen Wert um 7 herum unter 5,7, ätzt die Säure langsam, aber sicher den Zahnschmelz weg. Über einen Umweg geschieht das gleiche durch den Haushaltszucker Saccharose oder andere Zucker wie Frucht- oder Traubenzucker: Er nährt Bakterien, die sich als Plaque zwischen den Zähnen sammeln und mit ihrem Stoffwechsel Säuren bilden.

Der Propand braucht etwas Übung

Bevor es an die richtige Messung geht, tröpfelt Greune seinem Probanden eine Eichlösung auf die Messelektrode im Mund, um deren Funktion zu kontrollieren. Zwei Flüssigkeiten mit definierten pH-Werten dienen dazu, die Spannungsmessung der Elektrode in die entsprechenden pH-Werte zu übersetzen.

Anfangs sei durch das Kabel im Mundwinkel beim Umspülen immer Speichel ausgeflossen, erinnert sich Gottwald. Inzwischen habe er genug Übung. Auch die Sonde funktioniert heute wieder einwandfrei, der eigentliche Versuch kann beginnen.

Zweieinhalb Jahre Vorbereitungen

„Mehr als 500 Kandidaten haben wir getestet, um unsere vier Probanden zu finden“, sagt Projektleiter Zimmer. Die Teilnehmer müssen nicht nur eine Zahnlücke an der richtigen Stelle haben, sondern auch noch einen durchschnittlichen Speichelfluss, damit die Übertragbarkeit der Ergebnisse gesichert ist. Weitere Bewerber mit Zahnlücke seien deshalb willkommen. Schwierig sei außerdem die Anfertigung der Prothesen gewesen. Die Elektrode muss wasserdicht in der Prothese befestigt werden und verlässlich messen, obwohl der Speichel elektrisch geladene Teilchen enthält und somit Kriechströme ein großes Problem darstellen. Zweieinhalb Jahre und 100 000 Euro haben die Vorbereitungen verschlungen, bis die Wittener ihre Akkreditierung erhielten.

Auch das Testgetränk wird wohl sein „Zahnmännchen“ erhalten, es hat den Säurewert im Mund von Klaus Gottwald kaum verändert. „Die Firmen lassen ja nur Produkte testen, von denen sie erwarten, dass sie zahnfreundlich sind“, sagt Zimmer. „Manchmal kann aber schon ein bisschen Zucker im Farbstoff zum Problem werden“, weiß der Zahnforscher. Als Zutat sei Zucker stets durch Süßstoffe oder Zuckerersatzstoffe ausgetauscht. Für Säuren gebe es jedoch keinen zahnfreundlichen Ersatz.

14 Produkte haben die Wittener in diesem Jahr schon getestet. Klaus Gottwald hat sie alle im Mund gehabt. Jetzt setzt er dort wieder seine normale Prothese ein und rückt die Weste zurecht. Für heute ist sein Job erledigt.

Björn Lohmann



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