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Wie Neonazi Sven K. zum Totschläger wurde

29.11.2011 | 07:48 Uhr
Wie Neonazi Sven K. zum Totschläger wurde
Neonazis ziehen bei einer Demonstration vom Hauptbahnhof durch die Dortmunder Nordstadt. Die Skinhead-Front Dortmund-Dorstfeld ist die geistige Heimat von Sven K.. (Archivfoto: Dirk Bauer, WAZ FotoPool)

Dortmund.   Neonazi Sven K. prügelte mit mehreren „Kameraden“ auf zwei Türken in Dortmund ein. Er ist in der rechten Szene ein bekanntes Gesicht. 2005 hatte er einen Punker in der Dortmunder U-Bahn errstochen. Dafür saß er mehrere Jahre im Gefängnis. Jetzt droht ihm eine weitere lange Haftstrafe.

Sven K. ist nicht ­irgendwer in Dortmunds rechter Szene. Er ist ein Totschläger und damit ein gefragter Mann in den falschen Kreisen. Am Wochenende schlug Sven K. gemeinsam mit mehreren „Kameraden“ zwei junge ­Türken in Dortmunds Stadtmitte halbtot .

Erst vor gut einem Jahr wurde Sven K. aus der Haft ent­lassen. Er hatte 2005 einen Punker in der Dortmunder ­U-Bahn erstochen. Angeblich aus Notwehr. Sven K. sollte deswegen sieben Jahre in ­Jugendhaft. Nach fünf Jahren kam er frei. Das war im Herbst 2010. Es hieß, neue Taten seien nicht zu erwarten. Das hatte ein Gutachter geschrieben.

Sven K. hatte keine leichte Kindheit. Seine Eltern trennten sich früh. In der Hauptschule war er schlecht, fiel „wegen massiver Verhaltensauffälligkeiten“ auf, kam auf eine Sonderschule. Am Ende hatte Sven K. so oft Klassen wiederholt, dass er mit einem Abschlusszeugnis der siebten ­Klasse abging. Einen festen Job hatte er danach nie. Ging noch ein wenig auf die Berufsschule, um die Schulpflicht zu erfüllen. Mehr nicht.

Als Jugendlicher attackierte und beleidigte er Polizeibeamte

Sven K. trinkt seit seinem 15. Lebensjahr Alkohol. ­Wurde früh Mitglied einer ­nationalsozialistischen Kameradschaft. Trat als Skinhead auf, mit Glatzkopf und Springerstiefeln. Sven K. hasste: Ausländer und Punker. Weil das „Zecken“ seien, wie er vor Gericht aussagte. Ständig fiel Sven K. mit Gewalttaten auf. Er attackierte und beleidigte Polizeibeamte, schlug einen Punker in der Bahn den ­Schädel blutig. So Sachen. Sven K. war da 16 Jahre alt.

Kaum ein Jahr später ­erstach Sven K. den Punker Thomas Schultz, genannt „Schmuddel“, in der U-Bahn. Sven K. hatte das Messer versteckt in seiner Hand geführt, es dem Punker hinterhältig in die Brust gerammt. Sven K. sagte vor Gericht: Für ihn ­seien Punker eben „Zecken“. Das Gericht glaubte allerdings nicht an „niedrigen Beweggründe“ für den Totschlag, wie im Urteil nachzulesen ist. Sven K, habe aus spontaner „Wut“ gehandelt.

Skinhead-Front Dortmund-Dorstfeld ist die geistige Heimat von Sven K.

Sven K. wurde nach dem Totschlag zu einer Art Vorbild in rechten Kreisen. Die „Hilfsgemeinschaft für nationale Gefangene“ kümmerte sich um ihn, organisierte Solidaritätspost. Und Aktivisten des „Nationalen Widerstandes“ freuten sich über Botschaften des Totschlägers aus dem Knast heraus. Sie verlasen sie auf ihren Demos „Seid alle ­aufrecht gegrüßt, leider habe ich seit längerem nicht die Möglichkeit, mit Euch auf die Straße zu gehen, denn ich ­befinde mich ja nun seit genau vier Jahren in BRD-Haft. Doch diese Aktionen der Verzweiflung eines todkranken Systems – vergleichbar mit einer sterbenden Ratte, die nochmal um sich beißt – ­haben nicht die gewünschte Wirkung der Umerziehung. Fakt ist: Dortmund ist und bleibt unsere Stadt! Grüße an die Skinhead-Front Dortmund-Dorstfeld.“ Diese Skinhead-Front ist die geistige Heimat von Sven K. Hier sind seine Freunde, hier sind seine Kameraden, hier ist sein Bruder.

Rund um den Steinauweg in Oberdorstfeld hört man nachts ihr Grölen auf den Straßen. Anwohner haben Angst, ihre Namen zu nennen, weil sie Rache fürchten. An den ­Laternen Aufkleber mit Springerstiefeln: „Dorstfeld bleibt Deutsch“. Und damit nicht ­genug. Ein paar Meter weiter wohnen auch noch die ­Mitglieder der Nazigruppe „Nationaler Widerstand Dortmund“. Das sind keine Skinheads mit rasierten Schädeln, sondern die Neonazis, die versuchen nett zu wirken. Sie haben ein Plakat. Darauf steht: „Dortmund ist unsere Stadt! No-Go-Area.“ Nachdem Sven K. im vergangenen Jahr aus der Haft entlassen wurde, fand der Totschläger genau in ­diesem Umfeld Anschluss.

„Psychoterror“ der Nazis

Und die Skinhead-Front wurde aktiver. Ende des Jahres 2010 überfallen Neonazis die Dortmunder Kneipe „Hirsch – Q“ und fügen dabei einem Gast Stichwunden zu. Auf Überwachungsvideos sind ­Täter der Skinhead-Front zu sehen. Im Juni griffen deren Mitglieder dunkelhäutige Frauen in einer U-Bahn an. Auf einer Pfingstkirmes pöbelten sie. Die Dortmunder Koordinierungsstelle für Vielfalt, Toleranz und Demokratie berichtet von „Psychoterror“ der Nazis. Alle, die als Gegner gelten, müssen damit rechnen, Ziel von Angriffen zu werden. „Einige werden durch Telefonterror unter Druck gesetzt, ­andere erhalten Briefe oder Pakete, die sie nie bestellt ­haben.“ Und andere werden geschlagen. Im September bringt ein Mitglied der Skinhead-Front fast einen Mann aus Gambia um. Der Nazi attackierte den 44-Jährigen mit einem Messer und Reizgas.

Sven K. war bei all den Taten weit im Hintergrund der Dorstfelder Kameradschaft. Nur bei dem Angriff auf die Kneipe „Hirsch-Q“ konnte man den heute 24-Jährigen kurz auf dem Video sehen.

Doch damit ist jetzt Schluss. Nach seiner brutalen Attacke auf zwei junge Türken am ­Wochenende droht Sven K. nun eine lange Haft. „Wenn nachgewiesen wird, dass er bei dem Überfall am Samstag ­dabei gewesen ist, wird er die Reststraße von über zwei Jahren verbüßen sowie die Strafe für die neue Straftat“, sagt eine Sprecherin der Dortmunder Staatsanwaltschaft. Das kann auch für Sven K. hart werden.

Matthias Korfmann, David Schraven und Gerald Nill

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2011-11-29 07:48
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