Zwischen Lotto-Gewinn und „Sklaverei“
04.11.2011 | 17:08 Uhr 2011-11-04T17:08:00+0100
Dortmund. Mehrere hundert Arbeitslose, die bislang für das neue Amazon-Logistikzentrum in Werne vermittelt wurden, mussten in den ersten zwei Wochen ohne Bezahlung arbeiten. Für die Zeit dieses „Praktikums“ erhielten sie weiter ihr Arbeitslosengeld. „Das ist nicht im Sinne des Gesetzes“, sagte der sozialpolitische Sprecher der SPD-Landtagsfraktion, Rainer Bischoff.
Ihren Namen nennen sie nicht. Doch ihr Mitteilungsbedürfnis ist groß. Wer im Internet die Stichworte „Amazon“ und „Arbeitsbedingungen“ eingibt, findet viele Stimmen von Betroffenen, die bei dem amerikanischen Internethändler arbeiten – unter anderem in den neuen Logistikzentren in Werne (Kreis Unna) und Rheinberg am Niederrhein. Und die empört sind: Über den Druck, der auf die Beschäftigten ausgeübt werde, über das Anordnen von Nachtschichten und Überstunden, kurzum, wie mit ihnen umgegangen werde. „Ganz miese Methoden, die da herrschen“, heißt es, und dass die Bedingungen „unter aller Sau“ seien. Auch über die Praxis, dass Bewerber, die über die Arbeitsverwaltung vermittelt wurden, ein unbezahltes Praktikum machen müssen, bevor über ihre Weiterbeschäftigung entschieden wird, haben sie eine feste Meinung: Für sie ist das eine Form der „modernen Sklaverei“.
In Rheinberg, wo man in den nächsten drei Jahren 1000 langfristige und 2000 saisonale Arbeitsplätze schaffen will, „ist der Ruf angekommen“, sagt Rainer Bischoff, arbeitsmarktpolitischer Sprecher der SPD im Landtag. „Wir haben von Anfang an gesagt, dass wir das gut beobachten.“ Dass Amazon in Werne schon mehrere hundert Arbeitslose zwei Wochen ohne Bezahlung beschäftigt hat, war ihm indes neu. „Bei solch einer Systematik ist das juristisch angreifbar“, kommentierte er. „Ich hoffe, dass Verdi seinen Mitgliedern Rechtsschutz gibt, bei dem Versuch, gegen solch eine Praxis zu klagen.“
Der stellvertretende Leiter des Jobcenters Kreis Unna, Thomas Neuhaus, mag die Aufregung indes nicht verstehen. „Die Menschen, die dort hingehen, machen das freiwillig. Es zwingt sie niemand dazu – aber sie haben die Möglichkeiten, danach endlich einen Arbeitsplatz zu finden“, betonte er. Das Jobcenter vermittle Arbeitskräfte, die seit Jahren keine Chance auf dem Arbeitsmarkt gehabt hätten. „Für uns ist Amazon mit 3000 zusätzlichen Arbeitskräften in Spitzenzeiten ein arbeitsmarktpolitischer Lotto-Gewinn!“ Dass das Unternehmen Praktika vorschalte, sei durchaus verständlich: „Es will schließlich, dass die Sachen vernünftig gemacht werden, auch wenn die Arbeiten recht einfach sind. Aber Tugenden wie Teamfähigkeit und Pünktlichkeit müssen die Beschäftigten oft erst wieder lernen.“
Das Jobcenter Kreis Unna hat nach Auskunft des stellvertretenden Geschäftsführers Thomas Neuhaus bislang rund 500 Langzeitarbeitslose an Amazon in Werne vermittelt. Etwa „80 bis 90 Prozent“ von ihnen hätten zuvor ein unbezahltes Praktikum gemacht.
Wie viele Bewerber zwei Wochen ohne Lohn gearbeitet haben, ohne danach eine Anstellung zu bekommen, konnte er nicht sagen. „Realistisch ist, dass etwa 60 Prozent genommen wurden“, schätzt er.
Von den Jobcentern Kreis Unna, Dortmund und Hamm und den Arbeitsagenturen Hamm und Dortmund wurden bislang insgesamt 1400 Mitarbeiter an Amazon vermittelt, so Martin Seiler, Pressesprecher der Agentur für Arbeit in Hamm.
Dennoch macht man bei der Arbeitsverwaltung auch Ausnahmen. In den Monaten November und Dezember werde die Praktikumspraxis ausgesetzt , so Jobcenter-Chef Uwe Ringelsiep, weil man Amazon das Weihnachtsgeschäft nicht durch billige Arbeitskräfte durch die Hintertür subventionieren wolle. Auch bei der Agentur für Arbeit in Hamm bestätigt man diese Auffassung: „Das ist vollkommen richtig, das kann ich nur unterstreichen“, sagte Pressesprecher Martin Seiler. „Wir beteiligen uns nur, wenn dem Arbeitnehmer auch wirklich etwas beigebracht werden soll, was er auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt verwerten kann. Das ist bei der sehr kurzen Befristung zum Weihnachtsgeschäft nicht der Fall.“
Keine dauerhaften Jobs
„Das ist schonmal ein guter Anfang“, kommentierte Verdi-Sprecherin Christiane Scheller die Ausnahmeregelung. Doch bei der Gewerkschaft hat man grundsätzlich Probleme mit der Praktikums-Praxis: „Der Vorteil für die Arbeitsvermittler ist, dass sie mehr Striche für eine erfolgreiche Vermittlung in den regulären Arbeitsmarkt machen können. Aber der Nachteil ist: Der Beitrags- und Steuerzahler finanziert es. Er zahlt die kostenlosen Arbeitskräfte und trägt damit gleichzeitig zur Gewinnmaximierung des Unternehmens und der Aktionäre bei. Das kann für ein Unternehmen, das wirtschaftlich auf eigenen Beinen stehen kann, nicht richtig sein.“
Wichtig sei Verdi noch ein weiterer Aspekt: „Nach unserem Wissen werden dadurch keine dauerhaften Arbeitsverhältnisse geschaffen, sondern gang und gäbe ist es bei Amazon insgesamt, nur kurze befristete Verträge (über Wochen oder Monate) zu schaffen“ , betonte Scheller. „Eine planbare Zukunft ist so für die Betroffenen nicht möglich.“
Amazon wollte auf genaue Anfragen der Westfälischen Rundschau zu Anzahl und Beschäftigungsart der Mitarbeiter in Rheinberg und Werne gestern nicht antworten. „Wir bitten um Verständnis, dass wir keine detaillierten Zahlen zu den einzelnen Standorten veröffentlichen“, teilte Sprecherin Ulrike Stöcker mit.
Deutschlandweit biete Amazon während des Weihnachtsgeschäftes bis zu 10 000 Saisonarbeitsplätze. „In jedem der deutschen Logistikzentren haben mehrere hundert Arbeitnehmer die Chance, im Anschluss weiterbeschäftigt zu werden.“
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