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Justiz

Zwischen „Kindchen“ und „Eiserner Lady“ - Richterinnen in NRW auf dem Vormarsch

18.10.2012 | 15:11 Uhr
Zwischen „Kindchen“ und „Eiserner Lady“ - Richterinnen in NRW auf dem Vormarsch
Trafen sich an ihrem alten beziehungsweise neuen Arbeitsplatz, dem Landgericht Arnsberg, um ihre Erfahrungen als Richterinnen auszutauschen: Dr. Karina Becker (29) und Ingrid Peters (68).Foto: Klaus Pollkläsener / Iris-Medien

Arnsberg.   261 Richter und Staatsanwälte sind im vergangenen Jahr in NRW eingestellt worden - darunter 160 Frauen. So hoch - 61,3 Prozent - war der Anteil noch nie. Auch Karina Becker (29) hat sich für den Richter-Beruf entschieden - auch, weil er gut mit einer Familienplanung vereinbar sei.

Karina Becker weiß nicht mehr, ob sie schlecht geschlafen hat in jener Nacht, bevor sie das erste Mal in ihrem Leben eine Verhandlung als Einzelrichterin leitete. Aber sie weiß noch, was sie getan hat, als sie drei Wochen später zum Verkündungstermin einlud: „Ich habe mir vorher das Urteil mindestens zehn Mal durchgelesen.“

Ob die Beteiligten, die sich kürzlich vor dem Landgericht Arnsberg um die Rückabwicklung eines Autokaufes stritten, wohl wussten, dass es die Premiere der 29-Jährigen war? „Ich hoffe nicht!“ sagt die junge Frau - und kann jetzt, rund sechs Wochen später, schon darüber lachen. Und sie hat das gute Gefühl, richtig entschieden zu haben. Ein Grundsatz, den sich die promovierte Richterin - eine der Jüngsten im Land Nordrhein-Westfalen – auch für die Zukunft in ihrem Beruf auf ihre Fahnen geschrieben hat: „Ich habe mir vorgenommen, es so zu machen, dass ich mit meiner Arbeit und mit meinen Entscheidungen gut leben kann. Dass ich mit mir im Reinen bin.“

Dr. Karina Becker und Ingrid Peters beim Erfahrungsaustausch an „ihrem“ Landgericht.Foto: Klaus Pollkläsener / Iris-Medien

Alter spielt größere Rolle als Geschlecht

Ob es in den Augen der Beteiligten vor ihrem Richtertisch wohl eine Rolle spielt, dass sie eine Frau ist? „Ich glaube nicht“, gibt sie. „Einige gucken zwar komisch, wenn sie mich sehen, aber das liegt wohl eher an meinem Alter, nicht an meinem Geschlecht.“

Auch bei den Kollegen am Landgericht sei es kein Thema, dass sie eine Frau ist. Warum auch: Von den insgesamt 33 Richtern, die hier derzeit arbeiten, sind 17 Frauen – also sogar mehr als die Hälfte.

 Das allerdings war einmal ganz anders. Ingrid Peters war genauso alt wie Karina Becker, als sie im Landgericht Arnsberg ihre Stelle als Richterin antrat: 29. Aber bei ihr gab es nur zwei weibliche Kollegen – und als diese versetzt wurden, blieb sie als einzige Richterin übrig. Fast 40 Jahre sind seitdem vergangen. Aber die 68-Jährige weiß noch genau, wie der damalige Gerichtspräsident sie genannt hat: „Kindchen“.

Hintergrund
Nur die Besten können Richter werden
  • Überdurchschnittlich gute Leistungen sind die Voraussetzungen, um Richter/in werden zu können.Nach einem Jura-Studium und der praktischen Ausbildung (zweijähriges Referendariat) finden an den drei Oberlandesgerichten in NRW spezielle Auswahlverfahren statt, so genannte Assessment-Center.
  • „Nur die besten 15 Prozent kommen für eine Teilnahme überhaupt in Betracht“, sagt Peter Marchlewski, Sprecher des NRW-Justizministeriums. Erforderlich für das Auswahlverfahren ist auch ein so genanntes Prädikatsexamen.
  • Von den Teilnehmern schaffen es zwischen 50 und 60 Prozent anschließend, vom Präsidenten eines Oberlandesgerichts tatsächlich als Richter ernannt zu werden. Einfluss auf ihren Einsatzort haben die Absolventen in den ersten drei Jahren, in der sie als „Richter auf Probe“ beschäftigt sind, nicht. Später können sie gegen ihren Willen nicht mehr versetzt werden.

Dabei sei sie ihm damals noch nicht einmal böse über diese Bezeichnung gewesen: „Das war ja ein unheimlich netter, lieber älterer Herr, so um die 50, und sehr kompetent“, blickt sie lächelnd zurück. Das Gefühl, nicht ernst genommen zu werden, habe sie bei ihm und den männlichen Kollegen nicht gehabt. Und erst recht nicht bei den Häftlingen: „Knackis“, wie sie heute noch freundlich sagt, aus der Justizvollzugsanstalt in Werl, bei denen sie „über Wohl und Weh“ entschied, ob sie das Gefängnis verlassen durften oder nicht. Ob sie eine strenge Richterin war? „Mein Geschäftsstellenleiter meinte nein“, blickt sie zurück. „Ich meine schon.“ Und die Häftlinge selbst wohl auch: In der Knast-Zeitung wurde sie wohl nicht von ungefähr als „Eiserne Lady“ bezeichnet...

„Kindchen“ oder „Eiserne Lady“: Welchen Namen würde sich die 29-jährige Dr. Karina Becker lieber wünschen? „Das Mittelmaß wäre gut“, sagt sie. Und räumt nach einigem Zögern ein: : „Aber wenn ich im Strafrecht tätig bin, würde ich mir eher ‘Eiserne Lady’ wünschen. Ich denke, es ist besser, dass die Menschen eine klare Linie bei mir sehen.“

"Man sollte sich nicht verbiegen"

Eine Position, die ihre Vor-Vor-Vorgängerin schon genau so vertreten hat: „Ich habe den Knackis immer von Anfang an ganz genau aufgezeigt und klar gesagt, wohin es läuft“, sagt Peters. Und nach 36 Jahren Berufserfahrung hat sie auch einen Rat an ihre junge Kollegin: „Man sollte sich nicht verbiegen. Man sollte immer zu seiner Meinung stehen und sich nicht manipulieren lassen. Und sich von den Männern nichts gefallen lassen.“

Dass sie damals auch für die Kollegen Kaffee gekocht hatte, hat sie damals übrigens nicht gestört - und tat ihrem Selbstbewusstsein keinen Abbruch: „Ich war die erste, die eine Maschine bei mir im Büro hatte - da trafen sich immer alle“, erzählt sie. Und irgendwann wurde eine Tradition daraus: die tägliche Kaffeerunde um 10.45 Uhr – erst in Peters’ Zimmer, später in der Kaffeestube – war eine Besonderheit: „Bei uns kamen immer alle zusammen; in großen Gerichten jedoch trifft sich immer nur die Kammer.“

Justiz
Chance statt Belastung - von Katja Sponholz

62 Prozent Einstellungsquote bei Staatsanwältinnen und Richterinnen: Diese Zahlen sind kein Resultat spezieller Förderung. Sie sind ein Beleg für die Leistungen von Frauen im Jura-Studium überdurchschnittlich gut sind und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf gewährleistet ist.

Die Kaffeerunde gibt es auch heute noch: Noch immer treffen sich etwa ein Dutzend der 30 Richter, die in keiner Verhandlung sind, an jedem Tag zur gewohnten Zeit zum Plausch und Erfahrungsaustausch. Auch Karina Becker nimmt, wann immer es geht, daran teil. „Weil es unheimlich hilft, Kontakte zu knüpfen und sich zurechtzufinden“, sagt sie. Und wer weiß: Beim nächsten Mal, wenn sie dabei ist, wird sie vielleicht daran denken, wem sie – und all die anderen Richterinnen und Richter, die noch kommen werden – dieses Netzwerk zu verdanken hat...

Katja Sponholz

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