Zukunft der Trauerkultur- Grabstein mit Link ins Internet

Steinbildhauer Timothy Vincent setzt auf individuelle Grabsteine. Der QR-Code (vorne im Bild) bietet viele Möglichkeiten. Foto: Theo Schmettkamp
Steinbildhauer Timothy Vincent setzt auf individuelle Grabsteine. Der QR-Code (vorne im Bild) bietet viele Möglichkeiten. Foto: Theo Schmettkamp
Foto: WR Schmettkamp
Was wir bereits wissen
Grabsteine mit einer Verbindung ins Internet, so stellt sich Steinbildhauer Timothy Vincent die Zukunft der Trauerkultur vor. Er bietet Steine mit eingearbeitetem QR-Code an. Friedhofsbesucher können über den Link ins Netz auch Fotos, Lieder oder andere Informationen über den Verstorbenen bekommen.

Wetter.. Das Gefühl von Ewigkeit, die ehrwürdige Ruhe auf einem Friedhof und die schnelle, grelle Datenflut des Internets passen auf den ersten Blick schlecht zusammen. Wenn Timothy Vincent über seine Vision von QR-Codes auf Grabsteinen spricht, hört sich das plötzlich ganz anders an.

Diese modernen Strichcodes, die mit internetfähigen Handys ausgelesen werden könnten wie die Ware an der Supermarktkasse, finden sich derzeit vor allem auf Werbeplakaten. Timothy Vincent hat die Idee der schnellen Informationsvermittlung aufgegriffen und bietet individuelle Grabsteine mit dem eingearbeiteten Labyrinth aus weißen und schwarzen Klötzchen an. „Der Code ist wie der Schlüssel zu einem Archiv über den Menschen, der dort beerdigt wurde“, sagt der Steinbildhauer aus Wetter.

Symbole für die Verstorbenen

Auf dem Hof seiner Werkstatt steht eine naturbelassene Sandstein-Stele: Wie ein Kristall glänzt ein gläserner Kubus zwischen den rauen Flächen, darin: der Code. „Grabmale stecken voller Symbole für die Verstorbenen, wir müssen sie nur lesen können“, erklärt Vincent. Als Beispiel nennt er einen in Stein gemeißelten Lebensbaum, an dem drei Äste fehlen. „Ein Zeichen dafür, dass das verstorbene Paar drei Kinder verloren hat.“

So ähnlich soll der moderne Schlüssel auch funktionieren. „Hinter dem QR-Code kann einfach nur Name, Todesdatum und ein schöner Sonnenuntergang stecken. Der Code kann aber auch ganz spezielle Erinnerungen bieten, wie etwa ein Video vom letzten Urlaub oder eine Art Familienalbum mit Fotos, Briefen und Musik“, erklärt der Steinbildhauer. „Der Code leistet auf diese Weise viel mehr als eine bloße Ergänzung der spärlichen Informationen auf dem Grabstein“, erläutert Alexander Helbach von der Verbraucherinitiative für Bestattungskultur Aeternitas.

Zurzeit entwickelt Timothy Vincent solch einen codierten Grabstein für einen verstorbenen Musiker. „Ein junger Mann, der im Ruhrgebiet bekannt war. Auf diese Weise lebt seine Musik weiter.“ Dadurch biete der Grabstein auch den Grundstein für eine neue Trauerkultur. „Ein Grabstein ist besonders gut, wenn er nicht nur Hoffnung für ein Leben nach dem Tod für den Verstorbenen bietet, sondern wenn auch die Hinterbliebenen dort Hoffnung auf ein Weiterleben nach diesem Verlust schöpfen können.“

Kirchen sind kritisch

„Aber was ist, wenn der Verstorbene mit der Internetseite bloßgestellt wird?“, fragt sich Thomas Throenle, Mitarbeiter der Pressestelle des Erzbistums Paderborn. Für die Internetseite, die hinter dem Code steckt, sind die Hinterbliebenen verantwortlich. „Der Auftritt muss angemessen sein“, sagt Timothy Vincent. Er setzt sich lange mit seinen Kunden und deren Wünschen auseinander und will sie auch in dieser Frage beraten.

Die Informationen, die über den Code zu finden sind, können den Verstorbenen durch die Augen der Hinterbliebenen zeigen. „So können auch Menschen, die den Verstorbenen nicht direkt kannten, teilhaben. Es schafft Kommunikationsanreize und führt zum gemeinschaftlichen Erinnern“, erklärt Vincent die Möglichkeiten, die er hinter dem QR-Code sieht. „Das hat nichts mit Neugierde zu tun, sondern mit Interesse.“

Auch die Evangelische Kirche von Westfalen sieht das Potenzial: „Der Code auf dem Grabstein könnte neue Möglichkeiten der Erinnerung an Verstorbene eröffnen, wenn er die Angaben im Klartext nicht ersetzt. Denn sonst sind alle ausgeschlossen, die nicht über die entsprechende Technik verfügen“, gibt Landeskirchenrat Dr. Vicco von Bülow zu bedenken. „Künftige Generationen werden viel selbstverständlicher mit dieser Technik umgehen“, ist sich Timothy Vincent sicher. „Aber auch älteren Menschen können die neuen Medien so näher gebracht werden, weil sie einen direkten Nutzen darstellen.“

Vincents Vision ist ein virtueller Erinnerungsraum: „Durch die Pflege und Vernetzung der einzelnen Internetseiten wird vergangene Lebenswirklichkeit für künftige Generationen erfahrbar.“ Der Friedhof als kulturelles Archiv der Gesellschaft.