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Nachweihnachtsstress

Zu klein, zu groß, zu hässlich - Die Umtausch-Orgie läuft

27.12.2012 | 18:45 Uhr
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Zu klein, zu groß, zu hässlich - Die Umtausch-Orgie läuft
Nicht einmal einen Werktag ließen allein in Dortmund Tausende Beschenkte verstreichen, um ihre – sagen wir: gut gemeinten – Geschenke wieder los zu werden.Foto: Hermann J. Knippertz/dapd

Dortmund.   Die Schlangen vor den Kassen waren am Donnerstag wieder so lang wie vor Weihnachten. Der Grund: Die Beschenkten wollten ihre Präsente umtauschen oder Gutscheine einlösen. Etwa alle drei Minuten wurde gestern ein Artikel umgetauscht. Eine Reportage.

Manchmal ist es an Tagen wie diesen selbst in einem Kaufhaus wie in einem Sexshop: Niemand möchte gern, zufrieden lächelnd, an der Kasse von einer Fernsehkamera gefilmt werden. „Die haben wir gemietet, damit keiner umtauscht“, witzelt Lars Thiele, als tatsächlich ein Fernsehteam anrückt und der dichte Herdenstrom plötzlich einen großen Bogen um jene Kasse macht: „Wer will schon etwas umtauschen, wenn es die Verwandten abends im Fernsehen sehen?“

Und trotzdem: Nicht einmal einen Werktag ließen allein in Dortmund Tausende Beschenkte verstreichen, um ihre – sagen wir: gut gemeinten – Geschenke wieder los zu werden. Fragt man Lars Thiele, Geschäftsführer der Dortmunder Kaufhof-Filiale, sei das Umtauschgeschäft rückläufig. Fragt man manche seiner Verkäufer, nimmt es zu. Zumindest gefühlt. Etwa alle drei Minuten wurde gestern ein Artikel umgetauscht.

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Es ist weit nach Mittag, als ein Mutter-Tochter-Gespann die Statistik in die Höhe treibt. Die Silberkette, sie hat dem Mädchen nicht gefallen. Wieso nicht? Die Mutter winkt ab: „Tschuldigung, aber wir müssen noch weiter. Wir haben noch mehr umzutauschen.“ Der Vorweihnachtsstress hat sich über die Feiertage in einen Nachweihnachtsstress verwandelt. Wieder ist die Dortmunder Einkaufsstraße pickepackevoll, die Tüten wieder randvoll – nur diesmal eben schon oft beim Betreten des Geschäftes. Oder mit Gutschein in der Geldbörse. Schließlich gibt es auch den jährlich ansteigenden Trend zum Geldgeschenk oder Gutscheinkarte.

Das Umtauschgeschäft ist weiblich

Wer sich umsieht, bemerkt schnell: Das Umtauschgeschäft ist weiblich. Überwiegend sind es Frauen, die Quittungen entknittern, Pakete aus Tüten kramen und an der Kasse beides mit einem Hauch von Ungewissheit übergeben. „Es gibt zwar kein Recht auf Umtausch, aber für uns ist das Service“, sagt Thiele. Dort, wo es glitzert und blinkt, in der Schmuckabteilung, sagen sie: Die Frau sagt eher, dass es ihr nicht gefällt. Der Mann, der könne selbst fehlgeleitete Geschenke noch irgendwie gebrauchen. Wer bei dieser Sozialanalyse nun besser wegkommt, lassen wir an dieser Stelle einfach mal offen.

Zeit bleibt den Verkäuferinnen ohnehin keine, gibt doch schon die nächste Frau eine Schatulle zurück. Der Armreif, verrät die Mittdreißigerin, sei zu groß. Oder ihr Handgelenk zu dünn. Wie auch immer. „Aber wir nehmen das locker.“ Wir, das ist in dem Fall die ganze Familie. Drei Tüten trägt ihre Mutter in der Hand, alle gefüllt mit Umtauschware. Wie sie denn heiße? „Schreiben Sie nur Monika“, lächelt sie freundlich. Muss ja schließlich nicht jeder wissen, dass ihr Mann daneben gegriffen hat.

Fotohandy als Aussuch-Hilfe

Drei Etagen höher, in der Spielwaren-Abteilung, steigt die Laune sichtbar. Johanna, vier Jahre jung, war mächtig enttäuscht, als ihr Lieblingsgeschenk, der Einkaufswagen zum passenden Kaufladen, nur auf drei statt vier Rädern fuhr. Trieb die Ungeduld des Kindes den Herrn Papa in die Stadt? „Nein, nein. Ich habe zwischen den Feiertagen Urlaub – und wollte die Chance der freien Zeit nutzen“, sagt Manuel Eliasz. Wagen reklamiert und umgetauscht, Kind glücklich, Mission erledigt.

Mal ist es die falsche Kleidergröße, mal der falsche Geschmack. Und manchmal auch der falsche Duft. Doch ausgerechnet in der Parfüm-Abteilung, also dort, wo die wirklich bösen Fehltritte der Männer lauern, ist in Sachen Umtausch rein gar nichts los. Sind die Gatten etwa bessere Riecher geworden? Eine Verkäuferin schüttelt den Kopf und lüftet das Geheimnis: „Nein, nur cleverer. Viele haben das Parfüm mit dem Handy abfotografiert und sind damit zu uns gekommen. Irrtum ausgeschlossen!“

Dennis Betzholz

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