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Wie Assistenzhunde Behinderten das Leben erleichtern

31.08.2012 | 18:45 Uhr
Wie Assistenzhunde Behinderten das Leben erleichtern
Angelina bei Übungen mit dem Golden-Retriever-Rüden „Fluke“ im Trainingslager des Vereins Vita-Assistenzhunde in Hümmerich. Foto: Franz Luthe

Iserlohn.  Unabhängigkeit, Lebensqualität und ganz viel Freude geben die Assistenzhunde, die der gemeinnützige Verein Vita bundesweit an behinderte Kinder vermittelt. Musicalstar Bernie Blanks hilft, dass der Traum für Kinder wie Angelina wahr wird.

Diese Rolle hat ihn berühmt gemacht. Fünf Jahre lang spielte der aus den USA stammende Bernie Blanks die kleine Dampflok „Rusty“ im Bochumer Musical „Starlight Express“. Und noch heute schwärmen die Fans in den Internet-Foren: „Bernie war nicht nur der erste, sondern auch der beste Rusty aller Zeiten.“ Doch die Rolle seines Lebens, für die er brennt, die er mit allem Gefühl ausfüllt, das er hat – und er hat eine Menge davon – ist eine andere: Es ist die, die er seit zwei Jahren als prominenter Botschafter neben ZDF-Moderatorin Dunja Hayali und dem Hunde-Experten Martin Rütten bei dem Verein VITA übernimmt. Jener Organisation, die speziell ausgebildete Assistenzhunde an behinderte Kinder vermittelt.

„Ich stehe, seit ich zehn Jahre alt bin, auf Bühnen“, blickt der 48-Jährige zurück. „Aber die Arbeit bei Vita ist die tollste Arbeit, die ich je gemacht habe.“ Und wenn er sagt, dass er eigentlich jedes Mal weinen könnte, wenn er die Teams dort erlebt, spürt man, dass er nicht damit kokettiert.

Denn der Sänger und Entertainer weiß, wie es für Betroffene - und auch deren Angehörige ist - behindert zu sein, sich ausgestoßen zu fühlen. Auch sein Bruder Gary sitzt im Rollstuhl: Als dieser 15 war (und Bernie 11) erlitt er einen Sportunfall und wurde querschnittgelähmt. Vielleicht erklärte sich Bernie Blanks deshalb vor drei Jahren das erste Mal spontan bereit dazu, der kleinwüchsigen Dominique Kogut aus Bochum zu helfen, als die begeisterte Musical-Freundin ihn um Unterstützung für einen Assistenzhund bat.

Sie alle gehören mit Leib und Seele zur großen Vita-Familie: Bernie Blanks und Britta Peddinghaus (2.v.l.) von der Agentur Talent XChange, Petra und Michael Muttke mit ihrer Tochter Angelina und Golden Retriever Fluke, und Ausbilderin Dr. Ariane Volpert. Foto: Thomas Nitsche

Auch jetzt sind Bernie Blanks und Britta Peddinghaus mit ihrer Künstleragentur Talent XChange in Iserlohn schon wieder damit beschäftigt, eine Spendengala mit internationalen Stars in Bochum zu organisieren. Der Erlös ist dieses Mal für Angelina aus Stolberg bestimmt – und dafür, dass der Traum vom 25 000 Euro teuren Assistenzhund für die Neunjährige wahr werden kann. Denn Golden-Retriever-Rüde „Fluke“ wäre einfach der perfekte Begleiter für sie.

„Spastische Tetraparese“ heißt die Krankheit, die Angelinas Leben prägt – eine spastische Lähmung der Arme und vor allem der Beine, teilweise auch des Gesichts. Entstanden durch akuten Sauerstoffmangel bei der Geburt, weil wichtige Gehirnzellen zerstört wurden, als sie künstlich beatmet werden musste. Ein Leben ohne ihren speziellen Rollator oder ihre Gehhilfen? Undenkbar.

Das wussten ihre Eltern schon, als sie vor fünf Jahren mit ihr die Messe Rehacare in Düsseldorf besuchten und dort das erste Mal die Assistenzhunde von Vita sahen. Aber es war nicht nur das freundliche Gewusel der Golden und Labrador Retriever, nicht nur ihr Können, das sie in den Bann zog. „Es war ein kleiner Junge im Rollstuhl, der einen Hund bei sich hatte. Und das Gesicht dieses Kindes werde ich nie vergessen“, sagt Petra Muttke. „Er strahlte so, er schaute seinen Hund an – das war so faszinierend. Und mein erster Gedanke war: Das wäre auch etwas für unser Kind.“

Der Hund muss entscheiden

Vom ersten Kennenlernen bis zum eigenen Assistenzhund ist es jedoch ein langer Weg, der nicht nur Jahre voller Geduld voraussetzt, sondern auch ein intensives Bewerbungs- und Auswahlverfahren. Aber die Muttkes haben nicht locker gelassen, sind immer wieder zu Vita-Veranstaltungen gefahren, haben ständig Kontakt gehalten, bis sie schließlich selbst Teil dieser „Vita-Familie“ geworden sind. Die gesamten Sommerferien haben sie im Ausbildungszentrum in Hümmerich im Westerwald verbracht. Wobei diese „Zusammenführungsphase“ für beide Seiten gedacht ist – für den Menschen gleichermaßen wie für den Hund. Nicht nur, um den richtigen Umgang miteinander zu lernen, sondern vor allem, um eine Beziehung zueinander aufzubauen, um sich aufeinander einzustellen. Und zwar ohne jeglichen Druck. „Der Hund muss es entscheiden, ob man zueinander passt, sonst geht es nicht. Die Chemie muss stimmen“, sagt Dr. Ariane Volpert, die die „Vita-Ausbildung“ gemeinsam mit Gründerin Tatjana Kreidler leitet. „Der Hund muss wissen: Das ist niemand, der mich herumkommandiert, sondern er muss wissen, wie tickt dieser Mensch, wie fühlt er.“ Nur so kann es gelingen, dass er später auch ein richtiger Begleiter des Kindes wird. Und dass er ihm hilft und seine Wünsche erfüllt, ohne Druck zu bekommen.

Schon die ersten Veränderungen

Und Fluke, der zweijährige Rüde, hat schon viel gelernt. Von dem, was Angelina kann und was sie nicht kann, wo er sich selbst zurücknehmen und sich behutsam verhalten muss, und wo er ihr helfen kann. Etwa dann, wenn er ihr die Gehhilfe aufhebt, die ihr umgefallen ist. Oder wenn er die Treppe hochrast, und ihr beide Krücken von oben holt, während sie sich unten am Geländer festhält. Und nicht zuletzt: „Fluke ist total kuschelig“, sagt Angelina strahlend.

Große Benefiz-Gala am 8. Dezember in Bochum

Die kleinwüchsige Dominique Kogut aus Bochum war die erste, die Bernie Blanks 2010 nach einem Brief von ihr mit einer Benefizgala unter dem Motto „Don’t stop believin’“ (Höre nicht auf, daran zu glauben) unterstützte. Letztes Jahr folgte der zehnjährige Rollstuhlfahrer Jenson aus Gelsenkirchen.

Der Termin für die Gala 2012 steht schon fest: Am Samstag, 8. Dezember, ab 20 Uhr werden wieder zahlreiche internationale Stars im RuhrCongress Bochum für den guten Zweck auftreten. Tickets gibt es ab 40 Euro unter www.eventim.de und an allen bekannten Vorverkaufsstellen. Zu den Haupt-Sponsoren wird auch dieses Mal wieder Fressnapf, Europas größte Fachmarktkette für Heimtierbedarf, zählen.

Infos zur Gala und zum gemeinnützigen Verein Vita: www.dsb-charity.com und unter www.vita-assistenzhunde.de

In zwölf Jahren wurden bundesweit 30 Vita-Hunde nach zweijähriger Ausbildung vermittelt, die Warteliste ist lang. Spenden werden dringend benötigt: Verwendungszweck „Angelina & Fluke“ auf das VITA Konto bei der Deutschen Bank, BLZ 500 700 24, Konto 30 109 15

Auf die Frage, was Fluke denn einmal für Angelina bewirken soll, lächeln ihre Eltern. „Wir sehen schon jetzt Veränderungen. Er tut ihr jetzt schon gut“, sagen sie. „Angelinas Gangbild hat sich verbessert, weil sie sich auf den Hund einstellen muss. Sie hat neue Wörter gelernt und spricht viel deutlicher – weil ihr Hund sie ja sonst nicht verstehen würde.“ Ganz zu schweigen von all dem Wohlgefühl, für das Fluke bereits jetzt sorgt und das er ihr auch in Zukunft bereiten wird. „Sie wird nicht mehr alleine sein“, sagt Michael Muttke. „Jetzt ist es noch oft so, dass sie mit einer Gruppe von Kindern zusammen ist, dann rennen die plötzlich weg. Und Angelina steht da. Aber künftig wird Fluke bei ihr sein. Ganz freiwillig und mit ganz viel Freude.

Hier öffnen sich Türen und Welten

Ariane Volpert ist sicher, dass dieser Moment nicht mehr lange auf sich warten lassen wird. „Schon jetzt schaut er mich an, wenn sie irgendwo alleine ist. Und wenn ich sage ‘Ja!’, dann läuft er zu ihr.“ Das ist der Moment, wo es richtig wird, sagt die Tierärztin. Ohne jeden Zwang. „Es wird der Moment sein, wo er sagt: Ok, ich gehöre dazu.“

Bernie Blanks jedenfalls weiß, dass es sich lohnt, für dieses Team zu kämpfen – und für alle anderen in der großen Vita-Familie. „Ich sehe, wie hier Türen und Welten aufgehen“, sagt er. „ Selbst wenn ich drei Jahre vor ausverkauften Häusern spiele: Vita ist mir wichtiger als jeder Auftritt. Es bereichert mich und macht mein Leben rund.“

Katja Sponholz



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