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WR-Bürgerpreis

Weiße Nana - Hagenerin hilft Notleidenden in Ghana

14.04.2012 | 06:00 Uhr
Bettina Landgrafe aus Hagen, die „Weiße Nana“, inmitten einer Kinderschar in Ghana. Fotos: privat

Hagen/Ghana.  Der WR-Bürgerpreis in der Kategorie „Helden des Alltags“ geht an die Hagenerin Bettina Landgrafe, die sich seit Jahren für notleidende Menschen in Ghana engagiert.

Es war eine Reise, die ihr Leben veränderte – und das vieler Menschen in Ghana: Als Bettina Landgrafe (35), gelernte Kinderkrankenschwester aus Hagen, vor elf Jahren zum ersten Mal nach Ghana kam, um dort in einer Buschklinik zu arbeiten, wusste sie, dass sie wiederkommt. Sie begegnete Kranken, die keine Aussicht auf medizinische Versorgung hatten. Kindern, die hungerten, und Frauen, die Wasser aus dem Fluss holten, das voller Krankheitserreger war.

Die Armut und das Leiden dieser Menschen ließen sie nicht mehr los. Zurück in Deutschland gründete sie den Verein „Madamfo Ghana“, Freunde Ghanas. Mit ihm baut sie Schulen und Brunnen, gibt Kindern Bildungschancen und entwickelt Selbsthilfeprojekte, um den Ärmsten der Armen ein menschenwürdiges Leben zu ermöglichen. Ein Dorf der Ashanti machte sie dafür zur „Weißen Nana“, zu ihrer Königin.

Das Engagement der Hagenerin hat nicht nur Prominente wie Comedy-Star Atze Schröder beeindruckt, der sie unterstützt, er überzeugte auch die Jury, die sie als „Heldin des Alltags“ auszeichnet.

Selbst entgegennehmen kann sie den Preis am Montag jedoch nicht. Sie ist – wie könnte es anders sein – derzeit in Ghana. Um zu helfen.

Interview mit Bettina Landgrafe

Im Interview mit WR-Redakteurin Katja Sponholz erzählt Bettina Landgrafe, warum ihr die Arbeit in Ghana so wichtig ist, woher sie ihre Kraft nimmt und was ihr der WR-Bürgerpreis bedeutet:

Frage: Warum engagieren Sie sich in Ghana?

Landgrafe: Ich bin 2001 nach Ghana gekommen, um als Kinderkrankenschwester in einer Buschklinik zu arbeiten. Viele Projekte – dies beobachtete ich bei meinem ersten Aufenthalt in Ghana – wurden aber nicht effektiv und langfristig und auch häufig ohne die Dorfbewohner einzubeziehen durchgeführt. Einfach nur mitzuarbeiten, dies genügt mir nicht. Ich bin ein Mensch, der nicht wegschauen kann.

Ich habe Madamfo Ghana - die Freunde Ghanas - gegründet, weil ich die Augen für die Situation vor Ort nicht verschließen wollte. Der zentrale Punkt ist, alle betroffenen Gruppen an der Entwicklung eines Projektes zu beteiligen:

Die Einwohner, als Zielgruppe des Projektes; die Regierung, in Form von lokalen Entscheidungsträgern, wie Gemeinderat und Abgeordneten für die Region; und die Mitarbeiter von Madamfo Ghana, welche das Projekt dann in Zusammenarbeit mit den Einwohnern durchführen.

Dies ist der Schlüssel, um Projekte langfristig erfolgreich zu entwickeln und zu etablieren. Nicht Fremde kommen in das Dorf, sondern die Bewohner entscheiden und verwirklichen ihr Projekt selbst. Das ist mein Kernansatz und er hat sich sehr gut hier vor Ort implementieren lassen. Das ist ganz wichtig, dass wir kooperieren und die Menschen vor Ort das Gefühl haben, beteiligt zu sein, ernst genommen zu werden und mitbestimmen zu dürfen. Es ist wichtig, die Struktur eines Landes sowie die Probleme einer Dorfgemeinschaft zu verstehen, bevor man etwas ändern will. Ansonsten würde es nicht so funktionieren.

Die Hagener Bettina Landgrafe kümmert sich auch um die medizinische Versorgung ihrer Dorfbewohner.

Frage: Sie halten viele Vorträge, um Ihre Arbeit in Ghana bekannt zumachen und Spendengelder für Ihre Projekte zu sammeln. Viele Menschen fragen Sie sicherlich: „Was treibt Sie an?“, „Wie kommt man dazu, als Anfang-20-Jährige nach Ghana zu gehen?“ „Wie entsteht ein Projekt?“

Landgrafe: Das stimmt. In meinem Buch („Weisse Nana - Mein Leben für Afrika“, erschienen 2011 im Knaur-Verlag), das ich aufgrund dieser Fragen geschrieben habe, beantworte ich diese Fragen. Und ich denke, es ist mir gelungen, die Menschen nach Ghana zu den Bewohnern sowie zu meinen Projekten mitzunehmen. Ich erzähle zum Beispiel davon, wie wir unseren ersten Brunnen gebaut haben. Das ist fast so spannend wie ein Krimi, denn es gab dort keine Straße zu dem Dorf.

Frage: Viele, die sich engagieren möchten, scheuen sich sicherlich vor dem Schritt, in ein fremdes Land zu gehen, um zu helfen. Andere haben gar nicht die Möglichkeit dazu, einige Monate im Jahr ihre eigene Heimat zu verlassen. Können Sie ihnen trotzdem Mut machen?

Landgrafe: Mein Beispiel kann vielleicht zeigen, dass man sich für andere Menschen erfolgreich einsetzen kann, auch wenn diese Menschen weit weg von Deutschland leben. Ich bin davon überzeugt, dass jeder im „großen Ganzen“ sein kleines Rädchen bewegen kann und dass genau das eine positive Konsequenz für den Menschen haben kann, für den ich mich einsetze - egal wo er lebt!

Frage: Welche Bedeutung hat es für Sie, mit dem WR-Bürgerpreis ausgezeichnet zu werden?

Landgrafe: Ich empfinde es als Ehre, den Preis zu erhalten, aber ich sehe meine Arbeit als Teamwork an. Ohne meine Helfer in Deutschland wäre vieles nicht zu stemmen, und ohne mein Team in Ghana wären die Projekte nicht zu realisieren. Daher denke ich an all die Menschen, die gemeinsam die „Freunde Ghanas“ - Madamfo Ghana darstellen.

Frage: Woher schöpfen Sie Ihre Kraft? Was „gibt“ Ihnen Ihre Arbeit?

Landgrafe: Meine Kraft stammt aus der Arbeit mit den Menschen. Mit wenig, mit sehr wenig, sehr viel zu erreichen, das macht uns alle hier sehr glücklich.

Die Laudatio im Dortmunder U

„Selten hat mich ein Projekt so tief berührt und beeindruckt“, gab WR-Chefredakteur Malte Hinz zu, als er die Einzel-Gewinnerin der Kategorie „Helden des Alltags“ bekanntgab. Denn  Bettina Landgrafe (35), Kinderkrankenschwester aus Hagen, setzt sich in ganz besonderer Weise  und mit besonderem Erfolg für Menschen in Ghana ein.

Vor zehn Jahren war sie zum ersten Mal nach Ghana gereist, um dort in einer Buschklinik zu arbeiten. Ihre Erfahrungen,  Not und Elend, mit denen sie dort ebenso konfrontiert  war wie mit der Hoffnungslosigkeit der Menschen, trafen sie tief. Kaum zurück in Hagen, gründete sie den Verein „Madamfo Ghana“ – Freunde Ghanas. Mindestens für sechs Monate  ist sie seither Jahr für Jahr in dem westafrikanischen Land, um Hilfsprojekte zu organisieren und zu realisieren.</p><p>Ihr Prinzip „Hilfe zur Selbsthilfe“, so Hinz, „ist Programm.“ Das Hauptziel des Vereins ist es, die Lebensqualität der Ghanaer in Zusammenarbeit mit ihnen nachhaltig zu verbessern. So werden alle Projekte gemeinsam mit den Menschen vor Ort geplant und realisiert: Der Bau von Brunnen und Toiletten genauso wie der von Grundschulen, Kindergärten und  mittlerweile drei Kliniken.

Zwei Porjekte beindrucken besonders

Besonders beeindruckt hatten Malte Hinz und die Jury jedoch zwei Projekte: die konkrete soziale und medizinische Hilfe für ansonsten  ausgestoßene, an Lepra erkrankte Menschen und die Befreiung von mittlerweile mehr als 100 Kindersklaven, die von ihren  Familien an professionelle Fischer verkauft worden waren. Wie diese Kinder misshandelt werden und was sie durchmachen, wenn sie als billiger Motorenersatz mehr als zwölf  Stunden täglich zum Paddeln der Boote und zum Tauchen nach Netzen missbraucht werden, zeigte ein kurzer Filmbeitrag. „Er macht deutlicher als meine Worte“, bilanzierte Hinz, „dass Bettina Landgrafe den Bürgerpreis der WR mehr als verdient hat.“

Die Hagenerin konnte den Preis selbst nicht entgegennehmen: Sie befindet sich zur Zeit  – wie könnte es anders sein – wieder zu einer Hilfsreise in Ghana. Bettina Landgrafe schickte der WR-Redaktion jedoch aus ihrem Schulanfänger-Projekt eine Video-Botschaft, in der sie sich gerührt für die Auszeichnung bedankt. „Mir fehlen die Worte“, sagte sie. „Und ganz herzlichen Gruß aus Ghana!“

WR-Bürgerpreis 2012

Die anderen Preisträger

Peter Führing

Miriam Borrmann und Daniel Link

Birte Braun

Kathrin Lange und Hans Stumm

Katja Sponholz



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