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Warten auf ein Spenderherz - Überleben mit künstlicher Herzpumpe

13.08.2012 | 19:41 Uhr
Warten auf ein Spenderherz - Überleben mit künstlicher Herzpumpe
Prof. Dr. Jan Gummert, Direktor der Klinik für Thorax- und Kardiovaskularchirurgie des HBZ NRW, erläutert, wie eine solche Herzpumpe funktioniert.

Bad Oeynhausen.   Joachim Thiemann ist schwer herzkrank. Vor fünf Monaten wurde ihm in der Herzklinik in Bad Oeynhausen eine künstliche Herzpumpe implantiert. Nur so kann er die ungewisse Wartezeit auf ein Spenderorgan überstehen.

In der Brust von Joachim Thiemann schlagen zwei Herzen. Sein eigenes pocht nur noch schwach, es bringt eine Leistung unter 10 Prozent, sagen die Ärzte. Ohne das „zweite Herz“, einer etwa 500 Gramm schweren Pumpe aus Stahl und Kunststoff, die sein Herz unterstützt, würde Joachim Thiemann nicht mehr leben.

Er ist einer von 258 Patienten, die im Herz- und Diabeteszentrum NRW (HBZ) in Bad Oeynhausen auf ein Spenderherz warten. Dringend. „Dreimal hab ich schon angeklopft, der Herrgott hat mich dreimal abgewiesen.“ Dreimal wurde Joachim Thiemann wiederbelebt, lag nach seinem letzten Infarkt im Koma, kam wieder zurück. Nur sein Herz, das kann nicht mehr.

Der 59-Jährige steht auf der Hochdringlichkeitsliste, wenn Eurotransplant einen möglichen Spender meldet, wird sofort geprüft, ob dass Herz für ihn in Frage kommt – „Die Hoffnung hat man täglich. Und abends beim Einschlafen den Gedanken: Der nächste Tag bringt es vielleicht.“ Dass er die ungewisse Wartezeit auf ein passendes Herz überhaupt überstehen kann, verdankt Thiemann einem Herzkammerunterstützungssystem, das ihm vor fünf Monaten eingesetzt wurde. „Eine einfache Kreiselpumpe“, erläutert der gelernte Industriemeister, „so ähnliche hab ich früher auch gebaut, nur etwas größer.“ – beruflich für die Automobilindustrie.

Info
Derzeit 85 Patienten mit künstlicher Herzpumpe
Derzeit 85 Patienten mit künstlicher Herzpumpe

Seit 1989 wurden im Herz- und Diabeteszentrum NRW in Bad Oeynhausen 1900 Herzen verpflanzt. Jährlich sind es um die 80, im laufenden Jahr 46 Herzen.

258 Patienten warten dort derzeit auf ein Herz, davon 22 auf der Hochdringlichkeitsliste. 85 Patienten müssen die Wartezeit mit einem Herzunterstützungssystem überbrücken. Anders als bei einem Kunstherz wird das Herz nicht entfernt, sondern erfüllt eine Restfunktion.

Mediziner sprechen von VAD-Technologie („ventricular assist devices“ heißt soviel wie „Herzkammerunterstützungssystem“). Am HBZ wurden seit Bestehen etwa 2000 solcher VAD-Geräte implantiert.

Der längste Zeitraum, den ein Patient bisher mit einem VAD-System überbrücken konnte, betrug sieben Jahre.

Allerdings kann es auch zu Komplikationen kommen: Schlaganfälle, Infektionen und Blutungen können auftreten. Technische Ausfälle sind selten.

Die Ärzte an Deutschlands größtem Herztransplantationszentrum setzen immer dann solche Pumpen ein, wenn Patienten mit Herzmuskelschwäche in der Wartezeit auf ein Spenderorgan nur mit Medikamenten nicht mehr ausreichend stabilisiert werden können, erläutert Professor Dr. Jan Gummert, Direktor der Klinik für Thorax- und Kardiovaskularchirurgie des HBZ.

Die Geräte werden an das menschliche Herz angeschlossen und übernehmen die Pumpleistung einer Herzkammer, um sie zu entlasten. „Elektrische Unterstützungssysteme gibt es bei uns seit 2004“, so Gummert. Während die ersten Geräte noch im Körper ruckelten und 1,5 Kilo schwer waren, seien sie in den letzten Jahren „immer kleiner und komfortabler geworden“, schildert er. Sofern es nicht zu Komplikationen kommt, können Patienten mit Herzpumpe auch zu Hause leben.

Als um das Jahr 2000 die Zahl der Organspender einbrach, habe man begonnen, sich intensiv mit den Unterstützungssystemen auseinanderzusetzen, so Gummert. „Wir hatten plötzlich eine Riesenzahl von Patienten, denen wir nicht helfen konnten, weil die Spenderorgane fehlten.“ So sind die Herzkammerpumpen bis heute häufig der einzige Ausweg, ein Weiterleben von Schwerherzkranken zu ermöglichen. Nach den Berichten zu den Vorfällen in Göttingen müsse das erschütterte Vertrauen in die Transplantationsmedizin wieder hergestellt werden, sagt er. Denn so ausgefeilt die Unterstützungstechnik auch ist: „Ein Spenderherz kann sie nicht ersetzen“, viel zu komplex sei das menschliche Herz, „die Wechselwirkung zwischen Blut und der Fremdoberfläche aus Metall ist einfach eine andere als in der biologischen Bewegung“, sagt Gummert.

2,5 Kilo Elektronik sichern Überleben

Sein Zweitherz bleibt auch für Thiemann ein Fremdkörper. An der Bauchdecke verlässt ein Stromkabel seinen Körper, verbindet den Mann mit einem 2,5 Kilo schweren Rucksack. Darin: Die elektronische Steuerung sowie Batterien und Ersatzbatterien für seine Herzpumpe. Nachts, wenn es ganz still ist, kann er sie singen hören, sagt er. Liegt er auf der linken Seite, drückt sich das metallerne Teil scheinbar gegen seinen Brustkorb. Komplikationen sind nicht selten: Wo das Stromkabel den Körper verlässt, können Keime eintreten, Entzündungen hervorrufen. Weil dies bei Thiemann geschehen ist, muss er unter ständiger Überwachung sein, braucht das Spenderherz dringender denn je.

„So eine Krankheit wünsche ich meinen größten Feinden nicht“, sagt Thiemann und ringt nach Luft. Er ist schmächtig, jede Bewegung macht er mit Bedacht, mehr kann er seinem Körper nicht zumuten.

Dass sein Geist hellwach ist, verraten die blauen Augen in einem Gesicht, das älter aussieht, als es ist. Jetzt, wo die Familie fern ist – Thiemann kommt aus einem Dorf beim rheinland-pfälzischen Bingen – müsse er alle mentale Kraft aus sich selbst ziehen. „Ich bin ein Kämpfer, ich habe einen eisernen Willen.“ Denn: „Wenn ich nicht dran glaube, dass es ich es schaffe, dann hab ich schon verloren.“

Da hängen die Enkel, sagt er, und deutet ein Foto, das die triste Szenerie im mit elektrischen Überwachungsgeräten übersäten Krankenzimmer ein wenig erhellt. Das Bild zeigt drei blondgelockte Kinder zwischen einem und vier Jahren.

„Die will ich alle in die Schule gehen sehen“, sagt er. Und nickt sich selbst Zuversicht zu.

Florentine Dame


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