Das aktuelle Wetter NRW 16°C
Westfalen

Verbände kritisieren Tafel-Prinzip

29.04.2013 | 00:22 Uhr

Dortmund. Hilfsorganisationen und Vereine verfolgen die Gründung immer neuer Tafeln in Deutschland mit großer Sorge. Das ehrenamtliche Engagement für die Verteilung überflüssiger Lebensmittel an Bedürftige sei anerkennenswert, doch auch ein unfreiwilliger Beleg für eine verfehlte staatliche Sozialpolitik, so die Kritik. „Lebensmittelausgaben sind keine Instrumente der regulären Existenzsicherung“, sagt der Vorsitzende der Freien Wohlfahrtspflege NRW, Hermann Zaum. „Sie dürfen nicht dauerhaft etabliert werden.“

Die Zahl der Tafeln hat sich seit der Einführung von Hartz IV mehr als verdoppelt. 2004 gab es 430 Standorte, aktuell sind es 906. NRW liegt mit 163 Tafeln an der Spitze. Allein in Dortmund unterhält die Tafel acht Ausgabestellen.

Ansgar Wortmann, Betriebsleiter der Dortmunder Tafeln: „Es wäre natürlich besser, wenn wir die vielen Tafeln nicht bräuchten. Die Regierung tut zu wenig für die Bedürftigen.“ Die Politik dürfe die Lebensmittelverteilung nicht zum Anlass nehmen, sich aus der Verantwortung zu ziehen.

Das „Kritische Aktionsbündnis 20 Jahre Tafeln“ bezeichnet die Essensausgaben als „vormodernes Almosensystem“. Dem Bündnis gehören über 20 Verbände und Nichtregierungsorganisationen an.

Uwe Becker, Vorstand der Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe, bezeichnet die Zahl Bedürftiger als „deutlich zu hoch“. Er sieht in der Anzahl der Tafeln die Folge zweier Skandale: die zunehmende Armut in Deutschland und den Lebensmittelüberschuss.

„Wenn Menschen von den Jobcentern auf die Hilfe der Tafeln verwiesen werden, ist das zynisch“, sagt die Berliner Diakoniechefin Susanne Kahl-Passoth. Tafeln dürften höchstens eine Notlösung sein, hätten sich aber zu einer Dauereinrichtung entwickelt, auf die der Staat dankbar zurückgreife.

Der Berliner Politikprofessor Peter Grottian ergänzt: „Es passt nicht zusammen, dass Frau von der Leyen bei der Tafel die Suppe austeilt, gleichzeitig aber als zuständige Ministerin die niedrigen Hartz-IV-Sätze verantwortet.“ Die Menschen bräuchten statt nur Lebensmittelspenden endlich eine armutsfeste Grundsicherung.

Der Bundesverband Deutsche Tafel weist die Kritik zurück. Die Tafeln trügen nicht dazu bei, Armut zu verfestigen, sondern sie unterstützten bedürftige Menschen, die in der Regel von Hartz IV lebten, besser über die Runden zu kommen, sagte der Bundesvorsitzende Gerd Häuser.

Marc-André Podgornik

Kommentare
Funktionen
Fotos und Videos
HSK-Trainer der Saison 2015/2016
Video
Fußballnacht 2016
55 Nachtbaustellen auf der A1
Bildgalerie
Baustelle
Rudelgucken unterm Zeltdach
Bildgalerie
EM 2016
Tough Mudder 2016
Video
Crosslauf
article
7893047
Verbände kritisieren Tafel-Prinzip
Verbände kritisieren Tafel-Prinzip
$description$
http://www.derwesten.de/region/westfalen/verbaende-kritisieren-tafel-prinzip-aimp-id7893047.html
2013-04-29 00:22
Westfalen