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BVB-Jahrhundertchor

Töne treffen, Tore feiern

01.05.2012 | 14:03 Uhr
Töne treffen, Tore feiern
James Mean, Ingo Eisenberg, Katharina Schmitz und Micha Badura sind Mitglied im BVB Jahrhundertchor.

Dortmund.   Die sangesfreudigen Fans vom BVB-Jahrhundertchor sollten eigentlich nur bei einer Feier auftreten – Aber Sieg für Sieg singen sie weiter.

Für eine einzige Feier vor zweieinhalb Jahren wurde er gegründet. Doch da es in Dortmund jetzt jedes Jahr fußballerische Glanzleistungen zu besingen gibt, erfreut sich der „BVB-Jahrhundertchor“ eines wachsenden Repertoires. Menschen zwischen zehn und 72 Jahren – Polizisten, Schüler, Studenten, musikalisch Vorgebildete wie ein Wolle-Petry-Imitator und ein Punkrocker – treffen sauber die Töne, die die Südtribüne inbrünstig grölt. Ab Freitag wollen die schwarz-gelben Vorsänger wieder deutsche Hitlisten stürmen – mit einem neuen BVB-Meistersong.

Es war ein bisschen so wie bei „Deutschland sucht den Superstar“. Katharina Schmitz, damals gerade acht Jahre alt, stand einer dreiköpfigen Jury gegenüber und musste stimmliches Vermögen unter Beweis stellen. Fast 300 sangesfreudige Menschen taten es ihr gleich, damals, im Herbst 2009, als Borussia Dortmund sich auf seine Hundertjahrfeier vorbereitete. Gesucht wurden Sänger für einen kleinen Jubelchor. Doch das Angebot an talentierten Stimmen, die schwarz-gelbe Gene hervorgebracht haben, war überwältigend. Statt der anvisierten 20 Sänger wurden so viele Mitglieder gecastet, wie sie, sagen wir mal, der VfL Wolfsburg für seinen aufgeblähten Bundesliga-Kader braucht (was den Chor vor ähnliche Aufstellungsprobleme stellt wie Wolfsburgs Trainer Felix Magath). Aus 41 Sängern wird der Chor ausgewählt, der vor jedem BVB-Heimspiel die Südtribünen-Hymne „Leuchte auf mein Stern Borussia“ singen darf. Immer nur an der Seitenlinie, immer nur zu zehnt. Mehr erlauben die Statuten der Deutschen Fußball-Liga nicht.

Katharina Schmitz steht immer in der ersten Reihe. Und auch sonst ist die Zehnjährige (Lieblingsspieler „Kagawa und Kuba“) eine vorbildliche Schwarz-Gelbe: „In meiner Klasse sind jetzt alle Mitschüler BVB-Fans“, beschreibt sie das Ergebnis erfolgreicher Missionsarbeit in ihrer hessischen Heimat Wiesbaden.

INFO
Vom Ballermann zum Borsigplatz

„Borussia, schenk’ uns die Schale“, der Song von Norbert Dickel und dem BVB-Jahrhundertchor, entstand nach der Melodie eines Ballermann-Hits.

Bei Schlagersänger Mickie Krause geht es allerdings nicht um Fußball. Sein Song heißt „Schatzi, schenk’ mir ein Foto.“

Der Sampler „Echte Liebe“ (erhältlich ab 18. Mai) vereint Songs lokaler Musikgrößen aus Dortmund. Mit dabei ist neben Norbert Dickel oder dem Baron von Borsig auch „King’s Tonic“, die Band des Jahrhundertchor-Mitglieds James Mean. Sie steuert den Song „Monarchie des Klopp“ bei.

Nachbar von Wolle

Katharinas Papa stammt gebürtig aus Dortmund. Er kann bis heute nicht glauben, was sich aus dem kleinen Casting-Auftritt seiner Tochter entwickelt hat. „Wir dürfen als Eltern ja an den Spielfeldrand. Da bekommt man immer eine Gänsehaut“, sagt er. Das wiege die viele Fahrerei der Familie natürlich auf. Fahrtkosten werden nicht erstattet.

Micha Badura würde Diskussionen um Honorare oder Fahrgeld auch sofort unterbinden. Der Jahrhundertchor sei eine Herzenssache: „Was uns alle eint, ist, dass wir vom Bescheuertheitsgrad gleich sind“, sagt Badura. Fans eben. „Was wir erleben, ist nicht mit Gold aufzuwiegen“, findet auch der singende Großhandelskaufmann Ingo Eisenberg. Irgendwie klingt das nach einem Vers für die übernächste Meisterhymne.

„Schenk’ uns die Schale“

Micha Badura ist Vollblutmusiker. Er war mal „Dem Wolle sein Nachbar“. Unter diesem Pseudonym sang er Wolfgang-Petry-Hits in Festzelten. Die Zeiten sind über einige dieser Hits schonungslos hinweggegangen, aber was Badura ewig sein wird, ist BVB-Fan. Er gehört zu den reifen Jahrgängen, die sich lebhaft an Zweitligaspiele im Westfalenstadion erinnern können. „Im Chor nennen sie mich Oppa“, sagt er. Statt Hölle-Hölle-Hölle-Liedern singt Badura jetzt Südtribünen-taugliche, himmelhoch jauchzende Hymnen. Am Freitag erscheint die neue Single von BVB-Idol Norbert Dickel, dem der Jahrhundertchor wieder mal sangliche Stütze geboten hat: „Borussia, schenk’ uns die Schale“ soll zumindest in verschiedenen Downloadcharts den Platz 1 erreichen – wie schon im Jahr zuvor die erste Meister-Hymne, bei der der Chor mitsingen durfte. Und was hält man in Reihen der Sänger von Dickels stimmlichen Qualitäten? James Mean, im wahren Leben Punkrocker bei der Dortmunder Band „King’s Tonic“, gibt sich diplomatisch. „Sagen wir so: Wir spielen so gut Fußball wie Nobby Dickel singt.“

In Dortmund werden sie alle Meister

Mit den Meisterschaften des Vereins wuchs auch das Selbstvertrauen der Amateur-Sänger. Es gibt Chor-Mitglieder, die können vorrechnen, dass ihre Auftritte Entscheidendes zur Verteidigung des Titels beigetragen haben. „Wir haben bei den Heimspielen, vor denen wir auftraten, 50 Punkte gesammelt“, weiß Badura. Die Betonung liegt auf WIR. In Dortmund werden sie halt alle gerade Meister. Schüler, Polizisten, Wolle-Petry-Doubles und Punkrocker.

Jürgen Potthoff


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