So betrog das Institut beim „Idiotentest“ (MPU) im Ruhrgebiet

Foto: WAZ FotoPool
Was wir bereits wissen
Ein Institut mit Sitz in Dortmund und Essen soll Verkehrssündern nach Drogen- oder Alkoholfahrten zur Lizenz verholfen haben. TÜV-Nord-Gebitesleiter Kalendruschat hält den Betrug mit gefälschten Papieren, Gutachten und Haarproben für hochgefährlich. Hier die Ereignisse in der Übersicht.

Dortmund.. Wer seinen Führerschein wieder haben will, nachdem er mit Alkohol oder Drogen am Steuer erwischt wurde, für den wird’s teuer. Je nach Anbieter und Intensität der Schulung kostet allein die fällige Vorbereitung für die Medizinisch Psychologische Untersuchung (MPU) bis zu mehreren Tausend Euro. Fast die Hälfte der Probanden fällt bei den Prüfungen dennoch durch. Ein Institut aus dem Ruhrgebiet steht im Verdacht, mit gefälschten Gutachten die Probanden durch die Prüfung gebracht zu haben.

Wann fiel das Institut erstmals auf?

Im Oktober 2010 kamen Führerscheinbewerber mit MPU-Gutachten zu den Straßenverkehrsämtern des Kreises Unna und des Märkischen Kreises, die von dem Institut mit Sitz in Dortmund und Essen ausgestellt waren. Problem dabei: Das Institut durfte diese Gutachten nicht ausstellen. „Sie hätten eine amtliche Anerkennung benötigt“, erklärt Christian Chmel von der Bezirksregierung Arnsberg, die die Aufsicht über die Straßenverkehrsämter führt.

Bekam das Institut die notwendige Anerkennung?

Nein. Stattdessen fälschten Mitarbeiter des Institutes Expertisen, die sie sich von amtlich bestellten Gutachtern besorgt hatten. So jedenfalls lautet der Verdacht, dem derzeit die Schwerpunktstaatsanwaltschaft Bochum nachgeht.

Im Sommer 2011 entdeckt

Wann fiel die erste Fälschung auf?

Im Juli 2011 wurden manipulierte Papiere in Bielefeld entdeckt. Dafür hatte das Institut Gutachten eines amtlich zugelassenen Prüfers aus Dortmund besorgt und die Dokumente entsprechend umgearbeitet. Ähnlich lief es offenbar auch mit chemischen Analysen, mit denen die Drogenfreiheit der Probanden nachgewiesen werden sollte.

Wie gingen die Fälscher vor?

„Das Institut hatte zwei Haarproben bei uns untersuchen lassen, die sauber waren, in denen wir also keine Drogen fanden“, berichtet der Sprecher eines großen medizinischen Labors in Mönchengladbach. Diese Befundpapiere wurden offenbar kopiert und in Bildbearbeitungsprogrammen manipuliert. Während die chemischen Analysen stehen blieben, trugen die Fälscher andere Namen, Haarfarben und Haarlängen ein – passend zu den Probanden. Mit diesen Papieren, die nach Ansicht des Labor-Sprechers „genial“ gefälscht waren, klappte es, den Führerschein zurückzubekommen.

Erkennbarer Betrug

Woran konnte man die Fälschungen erkennen?

Das Labor erhielt von Behörden eingereichte Gutachten zur Überprüfung. Dabei fiel auf, dass die Identifikationsnummern auf den Papieren nicht zum System des Labors passten. Und die Fälscher verwendeten ein Dokumentendesign, das vom Labor zwischenzeitlich geändert worden war. Bei anderen Fälschungen wurden Namen von Ärzten verwendet, die längst in Rente gegangen waren.

Warum konnten die Fälscher weiterarbeiten?

Das ist noch unklar. Bekannt ist der WR, dass schon im Juli vorigen Jahres die Bezirksregierung in einer Rundmail sämtliche Straßenverkehrsämter des Landes gewarnt hatte. Danach kamen weitere Fälschungen aus der Vergangenheit ans Tageslicht. Im September stellte ein Bochumer Gutachter, dessen Papiere ebenfalls als Vorlage für Fälschungen benutzt wurden, Strafanzeige. Im Dezember wurden von der Arnsberger Regierung erneut alle Behörden im Land gewarnt – dadurch flog im Januar dieses Jahres ein weiterer Fall in Dortmund auf.

Dortmunder Büro geschlossen

Arbeitet das Institut immer noch?

Das Büro in Dortmund wurde geschlossen. Interessenten wurde aber auf telefonische Nachfrage noch in der vorigen Woche Beratung angeboten.

Welche Konsequenzen fordern Experten?

Die für die Wiedererlangung des Führerscheins notwendigen Gutachten sollten nach Ansicht des Dortmunder TÜV-Nord-Gebietsleiters Klaus-Peter Kalendruschat nur von amtlich zugelassenen und regelmäßig überprüften Stellen eingereicht werden dürfen. Das würde die Gefahr von Fälschungen und Gefälligkeitsgutachten verringern.

Höheres Unfallrisiko

Den Betrug mit gefälschten Papieren hält Kalendruschat für hochgefährlich. Denn so seien Autofahrer auf den Straßen, die es eben nicht geschafft hätten, vom Alkohol oder den Drogen loszukommen. „Diese Fahrer können heute schon die Ursache für schlimme Unfälle sein.“