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Antibiotika-Skandal

Sind Verbraucher für Keime im Hähnchen mitverantwortlich?

11.01.2012 | 19:15 Uhr
Sind Verbraucher für Keime im Hähnchen mitverantwortlich?
Heiß diskutiert wird der Skandal um Antibiotika-Vergabe in der Hähnchenmast von Markthändler Martin Schräger. Foto: Luthe

Dortmund.   Händler und Verbraucher machen neben den Mastbetrieben vor allem auch die Gesellschaft selbst für die multiresistenten Keime in Hähnchen verantwortlich. Diese würden beim Fleischkauf immer mehr zum Sparfuchs.

Es ist Mittwoch, Markttag in der Dortmunder Innenstadt. Martin Schräder, der Fleischverkäufer, steht in seinem Büdchen und muss sich viel Zeit nehmen. Muss erklären, was es mit diesem antibiotikaresistenten Keim im Hähnchen , von dem sie alle reden, auf sich hat – „Den Leuten fehlt es an Aufklärung“. Muss versichern, dass sich seine Kunden nicht zu sorgen brauchen – „Den Erreger gibt es schon seit Urzeiten“. Und muss am Ende doch eingestehen: „Die Thematik muss man ernst nehmen. Auch ich kann nicht komplett ausschließen, dass unsere Hähnchen Keime haben. Das kann niemand.“

Jedes zweite getestete Supermarkt-Hähnchen ist mit diesen Keimen belastet . Schlimmer noch: 19 von 20 Masthühnern in NRW-Betrieben sind während ihrer kurzen Lebenszeit von etwa 35 Tagen mit Antibiotika behandelt worden. „Alles Affentheater“, murmelt eine Frau Schräders Verkäuferin zu, eine andere seufzt: „Die verunsichern uns nur wieder.“ Der Marktplatz, er ist ein Ort des Vertrauens. Und ein Ort, wo Sachverhalte hinterfragt werden. „Wir sind doch selbst Schuld an dem Dilemma: Was kann ich schon erwarten, wenn ich für einen Euro im Discounter ein Stück Fleisch kaufe?“, fragt Marlene Chromik aus Bergkamen. Ihr Mann liefert die Antwort: „Nichts!“

Martin Schräder führt den Familienbetrieb in der dritten Generation. Er hat die Entwicklung hautnah miterlebt: „Essen ist nur noch satt werden. Fleisch muss immer billiger werden.“ Während Schweinebauern früher mit 500 Tieren als Großbetrieb galten, bedarf es heute schon des Fünffachen. Der Gesetzgeber erlaubt bei Geflügel 42 Kilogramm Fleisch pro Quadratmeter Stallboden – das sind etwa 22 Tiere. „Es muss endlich ein Umdenken stattfinden. Wer erste Klasse Bahn fahren will, kann auch nicht die zweite zahlen“, sagt Schräder und zeigt auf seine Kikok-Hähnchen. Die sind 50 Prozent teurer, aber garantiert ohne Medikamente behandelt. Sie sind keine Verkaufsschlager.

Zentralverband wehrt sich

Margret Nossol, 71, greift zur normalen Putenkeule. Keine Angst? „Ach wieso? Dann dürfte ich ja gar nichts mehr essen. Diesen Genuss bewahre ich mir noch“, sagt die rüstige Rentnerin. Egal, mit wem man an diesem Morgen redet: Von Furcht vor Keimen ist keine Spur. Sollte die Skepsis doch mal überwiegen, hat Schräder ein aktuelles Schreiben vom Zentralverband der Deutschen Geflügelwirtschaft (ZDG) in der Hinterhand. Darin wird dessen Geschäftsführer Dr. Thomas Janning mit den Worten zitiert: „Das bloße Vorkommen der Keime sagt rein gar nichts über die gesundheitliche Gefährdung für den Verbraucher aus.“ Und weiter: „Die Hähnchenfleisch-Erzeugung ist eine biologische Erzeugung, insofern werden auf Geflügelfleisch immer Keime zu finden sein.“

Markthändler Thomas Evers, der zweite Geflügelverkäufer auf dem Wochenmarkt, befürchtet keinen Umsatzrückgang wie damals bei der Vogelgrippe. „Das war ein anderes Kaliber. Da war der Verkauf acht Wochen schlecht“, sagt Evers und schiebt hinterher: „Vielleicht können wir sogar davon profitieren.“ Die Hoffnung, dass Qualität vor Preis geht, stirbt zuletzt. Dass es nämlich die Supermärkte trifft, wundert ihn nicht. Massentierhaltung ist in deren zuliefernden Betrieben an der Tagesordnung. Mittlerweile machen die Discounter die Hälfte des gesamten Fleischumsatzes in Deutschland.

Evers selbst setzt sich deshalb für bessere Kontrollen ein – aus eigenem Interesse: „Ich will ja nicht von dem vielen Antibiotikum im Geflügel gesund werden.“ Schwarzer Humor, wenn man bedenkt, dass die gefundenen multiresistenten Erreger lebensgefährliche Infektionen auslösen können.

Vor einem Dortmunder Supermarkt reagieren die Verbraucher ebenso unaufgeregt. Dessen Verkäuferin sagte hinter vorgehaltener Hand: „Schweinegrippe, Rinderwahn – war ja alles schon da. Und ich lebe trotzdem noch.“ Was sie vergisst: Das können nicht alle behaupten.

Dennis Betzholz

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Kommentare
13.01.2012
12:46
Sind Verbraucher für Keime im Hähnchen mitverantwortlich?
von teamtronic | #15

In WDR3 "Wetten wir bekommen es billiger"!

13.01.2012
00:39
Sind Verbraucher für Keime im Hähnchen mitverantwortlich?
von hein-tirol | #14

Wären alle Verbraucher vernünftig und würden kein Mastfleisch essen, gebe es diese Skandale nicht. Von meiner kargen Rente leiste ich mir einmal die Woche Fleisch, aber richtiges, kein Supermarktgedöns. Ich komme mir zwar vor wie in der Nachkriegszeit, lebe aber deswegen nicht schlechter. Man muss halt auf alte Hausrezepte und "Was die Großeltern noch wussten" zurückgreifen und sich in Erinnerung rufen, warum sie trotzdem jeden Tag zu Essen hatten, satt wurden und die Lebenslust nie verloren haben. Wer kann denn heute noch Senfeier, Bier- oder Brotsuppe, Semmelschmarrn oder dergleichen machen? Nun, mein kleiner Garten gibt soviel her, dass ich mir sogar noch Hühner halten kann und täglich satt werde.

12.01.2012
19:32
Sind Verbraucher für Keime im Hähnchen mitverantwortlich?
von feierabend | #13

Sind Journalisten für ihre Reportagen selbst verantwortlich? Geiz ist geil, je billiger, desto mehr Käufer - das Gesetz des Marktes. Die Stellungnahme und Fragestellung erübrigt sich............

12.01.2012
17:49
Sind Verbraucher für Keime im Hähnchen mitverantwortlich?
von nelly114 | #12

in einem bekannten hühnerbetrieb spielen die mitarbeiter mit den hühner fussbal bevor sie getötet werden
in einem kaninchenbetrieb, werden den tieren den hals aufgeschlietzt und bei lebendigen leibe auf einem haken gehängt, die tiere quälen sich noch sehr lange bevor sie sterben
der verbraucher kann dagegen etwas tun, ersteinmal kein fleisch kaufen
stellt euch mal vor, mit euch würde man so umgeehen,
tiere sind lebewesen

12.01.2012
17:44
Sind Verbraucher für Keime im Hähnchen mitverantwortlich?
von nelly114 | #11

dir regierung sollte mal andere gesetze rausbringen zur tierhaltung
die tiere werden so eingefercht, das sie sich nicht mehr bewegen können, es stinkt in den hallen, wo die tiere gehalten werden nach amonjak
würde man die tiere mehr auslauf gönnen , artgerechtes futter und eine saubere umgebung, dann brauchte kein tier mit medikamente vollgepumt werden
nicht der verbraucher ist schuld, nein der betrieb und die regierung ist schuld, denn wir verabreichen den tieren keine medikamente
alles nur profitgier

12.01.2012
16:00
Wer Rauchen in der Öffentlichkeit und selbst in abgeschlossenen Räumen verbietet
von meigustu | #10

muss auch dafür sorgen, das die Bürger nicht durch Billigfleischkonsumenten mit multiresistenten Keimen verseucht zu werden. Da darf man gespannt sein, ob die Handvoll Hänchenbarone stärker sind als die Tabakkonzerne.

12.01.2012
15:36
Sind Verbraucher für Keime im Hähnchen mitverantwortlich?
von eiwoisserden | #9

Diese würden beim Fleischkauf immer mehr zum Sparfuchs.

wenn die erzeuger sich mit geringeren gewinnmargen zufrieden geben wuerden und
nicht so viel minderwertiges gelumpe produzieren wird auch keiner zum sparfuchs
wenn nur 100 huehner da sind koennenauch nur 100 verkauft werden
wenn 100 000 da sind muessen sie halt schaun wie sie sie los werden
also ueber den preis
und damit sie gewinn machen werden sie gedopt damit keine verreck.....

12.01.2012
14:37
Nur der Verbraucher ....
von hamicha | #8

ist schuld ! Bei BSE ,EHEC,Würmern im Fisch,Verseuchung von Gewässern ,Streusalz- und Weihnachtsartikel-Verkauf nach den Sommerferien,etc,etc. Nicht zu vergessen : die verkaufsoffenen Sonntage ! "Der Verbraucher" verlangt danach !
Was in meine selbst hergestellten Speisen als Zutaten kommt weis ich,jedoch nicht ob diese wirklich schadstofffrei sind,da kann mir Händler jeder Coleur versprechen was er will .
Über "Bio" und Preis kann ich das als Laie nun wirklich nicht ableiten,sondern nur an der augenscheinlichen Qualität. Auch hier bestimmt der Wettbewerb den Preis und wenn ich Preise vergleiche muß z.B. : 1 Euro günstiger nicht = schlechter/giftiger sein.
Frischfleisch,etc., kaufe ich eh nie beim Discounter sondern immer im Laden meines Vertrauens,aber ob er es wirklich verdient ??
M.E. wurden die Verbraucherschutzgesetze im Laufe der letzten Jahre immer mehr zugunsten der Anbieter aufgeweicht und letztendlich fehlen Kontrolleure der Kontrolleure der "Schwarzen-Schafe-Kontrolleure" die überwiegend (!) weiße Schafe kontrollieren.
In diesem Sinne : bis zum nächsten Lebensmittel-Skandal,ob Bio oder nicht,oder wie ?

12.01.2012
14:17
Sind Verbraucher für Keime im Hähnchen mitverantwortlich?
von spalter1 | #7

Fleisch ist mein Gemüse. Da alles ein großer Kreislauf ist, sind Vegetarier auch nicht auf der sicheren Seite. Interessanter Bericht zu resistenten Keimen im Gemüse.
http://www.wdr.de/tv/markt/sendungsbeitraege/2011/0516/00_antibiotika.jsp

12.01.2012
14:16
Sind Verbraucher für Keime im Hähnchen mitverantwortlich?
von FernerBeobachter | #6

Natürlich nicht. Der Kunde hätte zwar gerne "billiges Fleisch", aber kein einzigen Fall will er ungenießbare, krankmachende oder sogar giftige Lebensmittel. Und auch ein Nutztier hat Zeit seines Lebens ein Anrecht auf eine Behandlung gegen Krankheiten, alles andere wäre Tierquälerei.
Davon ma abgesehen, kommt es in jedem Einzelfall darauf an, wo man kauft. Der große, bekannte städtische Metzger, der stets mit dem Hinweis auf die "einwandfreie Qualität" den höheren Preis seiner Produkte rechtfertigte, musste unlängst eingestehen, dass in seiner Wurst ebenso selbstverständlich Geschmacksverstärker enthalten seien wie in der Discounterwurst.
Dem gegenüber steht das Angebot des bio-zertifizierten Geflügelhofes aus dem Nachbarort, bei dem wir für Weihnachten eingekauft hatten und bei dem selbst das zum Discounterpreis angebotene "Gänseklein" mehr festes Fleisch am Knochen aufwies als so manche Keule aus dem TK-Regal.
Sicherlich haben auch andere längst spitzgekriegt, dass immer mehr Verbraucher nicht immer mehr Masse für immer weniger Geld kaufen und fre... wollen und versuchen, ihr "Hauptsache billig"-Produktsortiment durch "kreatives Marketing" mit erfundenen Bio-Siegeln aufzuwerten. Nicht immer, aber häufig schmeckt man aber auch den Unterschied zwischen dem langsam gewachsenen Freilandhähnchen und dem aus der 30-Tage-Intensivstation. Und "Fleisch" ist nur ein Lebensmittel von vielen, das macht eine ausgewogene und gesunde Ernährung aus.

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