Schatzsucher bohren in Wuppertal nach dem Bernsteinzimmer

Den Bohrer im Anschlag: Auf der Suche nach dem Bernsteinzimmer in Wuppertal.
Den Bohrer im Anschlag: Auf der Suche nach dem Bernsteinzimmer in Wuppertal.
Foto: Lars Heidrich
Was wir bereits wissen
Eine Gruppe von Rentnern sucht in Wuppertal nach dem legendären Bernsteinzimmer. Sie vermuten den250-Millonen-Euro-Schatz im Stadtteil Vohwinkel.

Wuppertal.. Streng geheim. Keine Zeile in der Zeitung, wo gesucht wird. Versprochen. „Sonst tauchen hier bei Nacht und Nebel alle Bunkerfuzzis auf.“ Karl-Heinz Kleine fürchtet die Beutegeier nicht. Er will sich bei der Suche mit seiner sechsköpfigen Mannschaft nicht stören lassen. Nur so viel wird verraten: eine alte Fabrikhalle in Vohwinkel. Das muss genügen.

„Ich bin überzeugt, wir werden fündig.“ Am Freitag, 27. Februar 2015? Ein historisches Datum, das man sich merken sollte? „Naja“, räumt der 68-Jährige ein und lächelt. „Wer weiß? Für uns ist es ungemein spannend.“ Eine ein Mal ein Meter kleine Eisenplatte wird ausgehoben. Und wie vom Erdboden verschluckt, verschwinden die älteren Herren.

Abstieg in eine andere Welt

Nach und nach rutschen die Rentner, bestückt mit Helm, Hammer, Bohrer, Kabeltrommel und Taschenlampen, einen Schuttabhang hinunter. Hinterher. Welcher Reporter will sich nachsagen lassen, die Entdeckung des „achten Weltwunders“ verpasst zu haben?

Es dauert, bis sich die Augen an die Dunkelheit und das Funzellicht gewöhnen. Eine andere Welt. Eine Welt aus verrosteten Röhren. Dicke und dünne. Ausgemusterte Brennöfen und Schienenstränge für Loren sind erkennbar. Überall Schutt und Müll.

Wilfried Fischer nimmt den Bohrer, 1,30 Meter lang, 34 Millimeter Durchmesser, setzt ihn an der Wand aus Ziegelsteinen an. Getöse unter Tage: „Ich bin durch.“ Schneller als erwartet. Nach dem ersten kurzen Widerstand wühlt der Bohrer in weichem Material. „Dahinter ist wieder Schutt.“ Frohlocken sieht anders aus. „Hier hat es keinen Sinn mehr.“ Sie verzichten darauf, die Endoskop-Kamera durchs Bohrloch zu schieben. Erfahrung im Untergrund ist alles. „Wir gehen an eine andere Stelle.“

Schlüsselfigur ist NS-Gauleiter Koch

Der Anfänger unter den Schatzsuchern staunt. Wonach genau wird gesucht? „Wir suchen den Eingang. Irgendwo muss hier ein zweistöckiger Produktionsbunker sein. Hier haben bis zu 450 Zwangsarbeiter sogenannte Blitzlichtbomben gebaut.“ Aus seiner Sicht ein ideales Versteck für das Bernsteinzimmer, Zuletzt lagerte es, verpackt in 28 Kisten im Schloss in Königsberg, dem heutigen Kaliningrad. Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs ist es verschollen.

Und jetzt hat es in Wuppertal in einem Versteck längst Patina angesetzt? Eine unterirdische Version, oder? Kleine klärt auf: „Der Besitzer dieses Betriebes und der Wuppertaler Erich Koch, damaliger NS-Gauleiter in Ostpreußen, waren befreundet.“ Nicht das einzige Argument, das den Diplom-Agraringenieur in seinen Vermutungen bestärkt. „Ich habe mich immer gefragt, was hat Koch gemacht, als die Rote Armee näher gerückt ist?“

Koch habe, so die Erkenntnis seiner Quellenstudien, seine Kriegsbeute, dazu zählten auch Wertgegenstände ermordeter Juden und 64 Kisten mit Gemälden aus Charkov und Kiew, nach Wuppertal in Sicherheit gebracht: „Irgendwann mit dem Zug zwischen August und Dezember 1944. Aus seiner Zeit bei der Reichsbahn kannte er sich hier aus.“ Bis zu seinem Tod in einem polnischen Gefängnis 1986 habe der Kriegsverbrecher beteuert, das Bernsteinzimmer gerettet zu haben.

170 Bunker und Stollen

Das Gefühl, dem 250-Millionen-Euro-Schatz jeden Tag ein Stückchen näher zu rücken, vermittelt die Truppe am Ende des Tages nicht: „Es gibt 170 Bunker und Stollen in Wuppertal, viele sind in Privatbesitz. Nicht jeder erlaubt uns den Zutritt. Wer weiß, was dort eingelagert ist?“

Dass nicht jeder Einsatz von Erfolg gekrönt ist, stört die Rentnerband offenbar nicht. Fischer setzt sich auf einen selbst gebauten Sitz aus Steinen, zieht genüsslich an seiner selbst gedrehten Zigarette und sinniert vor sich hin: „Damit müssen wir leben.“ Und wird philosophisch: „Man muss nicht immer etwas finden, wenn man sucht.“