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Interview

Paderborner Erzbischof Becker verurteilt Rassismus-Tendenzen

25.03.2016 | 23:00 Uhr
Paderborner Erzbischof Becker verurteilt Rassismus-Tendenzen
Erzbischof Becker (mit Baskenmütze) fordert christliche Nächstenliebe auch gegenüber Flüchtlingen. Das Archivfoto zeigt ihn im Kreise von Flüchtlingskindern in Warstein, rechts neben ihm ist der ehemalige Arnsberger Regierungspräsident Gerd Bollermann zu sehen.Foto: Armin Obalski

Paderborn.   Der Paderborner Erzbischof Hans-Josef Becker hat fremdenfeindliche Tendenzen in der AfD und der Pegida-Bewegung scharf kritisiert.

Die Flüchtlingskrise stellt auch Katholiken vor eine besondere Herausforderung; sie sind hin und her gerissen zwischen den Ansprüchen christlicher Nächstenliebe und der Angst vor Unbekanntem und Überforderung. Wir haben kurz vor Ostern mit dem Paderborner Erzbischof Hans-Josef Becker über Nächstenliebe, Fremdenfeindlichkeit, nachvollziehbare Befürchtungen und ehrenamtliche Helfer gesprochen.

Schmerzen Sie die Bilder von Flüchtlingen, die an der griechisch-mazedonischen Grenze im Schlamm vegetieren?

Erzbischof Becker: Ja, diese Bilder gehen mir unter die Haut. Das sind katastrophale Zustände, die wir als Christen nicht hinnehmen können.

Verpflichtet uns also die christliche Nächstenliebe, ihnen zu helfen? Und wie?

„Ich war fremd und obdachlos, und ihr habt mich aufgenommen“, heißt es im Matthäus-Evangelium. So einfach und doch so schwer kann Nächstenliebe sein. Seelsorge, Wohnraum und gesellschaftliche Teilhabe. All das tut not. Und ich bin dankbar, welches Maß an Solidarität und Hilfsbereitschaft Menschen hier entwickeln.

Trotz des Leids: Fremdenfeindliche Gruppierungen erfahren in Deutschland immer mehr Zulauf. Besorgt Sie das?

Mir gefallen grundsätzlich feindliche Haltungen gegenüber Personen oder Gruppen nicht. Schon gar nicht aus vermeintlichen ethnischen oder kulturellen Unterschieden. Für mich sind Fremdenfeindlichkeit und Rassismus mit dem christlichen Menschenbild unvereinbar.

Berichten Ihnen Geistliche, die sich öffentlich klar gegen Extremismus aussprechen, von Anfeindungen? Wenn ja, wie reagieren Sie darauf?

Nicht alle unterstützen vorbehaltlos unser Engagement für Flüchtlinge. Es gibt zuweilen auch aus der Mitte der Gemeinde Bedenken und Widerspruch. Das sehe ich aber nicht negativ. Ängste und Befürchtungen, Ratlosigkeit und Überforderung müssen an- und ausgesprochen werden dürfen. Nur im Gespräch miteinander und im Ringen um unsere christliche Identität können wir diese Sorgen überwinden.

In Europa scheinen ethische Grundsätze verloren zu gehen: Muss die Kirche sie wieder stärker in Erinnerung rufen?

In Krisensituationen braucht eine Gesellschaft Propheten, Visionäre und intelligente Zwischen-Rufe. Zweifellos. Die Kirche muss Frage- und Ausrufezeichen setzen. Es geht um das Heil der Menschen, wie wir theologisch sagen. Mir ist vor allem das „Tun des Gesetzes“, wie Paulus sagt, wichtig. Ein hilfsbereiter Christ, Jude oder Moslem lebt gegen aufbrechenden Moral- und Glaubensverlust an. Davor habe ich Respekt.

AfD und Pegida sagen, sie wollten das christliche Abendland retten. Missbrauchen diese Gruppen den Glauben?

Ich wiederhole: Fremdenfeindlichkeit und Rassismus sind mit dem christlichen Menschenbild unvereinbar. Ich wende mich entschieden gegen den Missbrauch des christlichen Glaubens für Stimmungsmache gegen Ausländer und Flüchtlinge.

Die Debattenkultur in Deutschland hat arg gelitten: Wie kann die Kirche in moralisch-ethischen Fragen wieder die Deutungshoheit erlangen?

Ich mag den Begriff Deutungshoheit nicht so gern. Wir sind eine Glaubensgemeinschaft, die das Ethos und die Liebe Jesu entschieden bekennt. Natürlich hat der Glaube für mich Dialogcharakter. Und dieses dialogische Denken und Handeln Jesu können wir einbringen. Totalitär entfaltete Reden und fundamentalistische Monologe stehen dazu im Gegensatz. Der Andere darf und soll zu Wort kommen, wie ich selbst und meine Sache zu Wort kommen soll. Das verstehe ich unter Debattenkultur.

Fürchten Sie das Ausspielen von Flüchtlingen und sozial Benachteiligten in Deutschland? Was sollte dagegen unternommen werden?

Sie sprechen hier eine ganz wichtige Herausforderung an. Die Anliegen benachteiligter und von Armut bedrückter Menschen dürfen selbstverständlich nicht gegen die Bedürfnisse der Flüchtlinge und Asylsuchenden ausgespielt werden. Die christliche Fürsorgepflicht gilt allen Menschen. Auch der Staat hat hier seine Hoheitspflicht zu erfüllen. Schon lange bevor es den Flüchtlingsfonds im Erzbistum Paderborn gab, gab es den Armutsfonds der Caritas.

Es kommen nicht nur gute Menschen als Flüchtlinge nach Europa. Müssen Probleme offener angesprochen werden?

Störungen haben in der Regel immer Vorrang. Wenn es zum Beispiel in einer Flüchtlingsunterkunft zu Übergriffen beispielsweise auf Christen, auf Frauen, auf religiöse Minderheiten kommt, müssen wir das thematisieren. Probleme, egal welcher Art, gehören auf den Tisch und nicht unter den Tisch gekehrt. Das habe ich als Westfale schon früh in der Kinderstube gelernt. Wir schaffen für Probleme viel zu schnell institutionelle Zuständigkeiten. Mit Kopf, Herz und Hand lässt sich viel bewegen. In unseren Kirchengemeinden wird zugepackt. Auf meinen Visitationsreisen habe ich in den vergangenen Wochen und Monaten sehr unkomplizierte Lösungen von Problemen gesehen.

Haben Sie Angst, das Christentum könne in Europa an Bedeutung verlieren, weil sehr viele Nichtchristen bei uns Zuflucht suchen?

Nein, wenn wir Christen unseren eigenen Glauben entschieden leben und bekennen. In Deutschland lebten schon vor der Flüchtlingskrise mehr als 15 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund. Integration ist immer eine Herausforderung und ein wechselseitiger Prozess. Die katholische Kirche verfügt glücklicherweise über langjährige Erfahrungen in der christlich-islamischen Begegnung. Diese Kommunikationsbrücken gilt es zu intensivieren. Angst ist immer ein schlechter Berater.

Zahlreiche ehrenamtliche Unterstützer tragen aus christlicher Motivation die Flüchtlingshilfe. Die katholische Kirche hat einen Flüchtlingsfonds aufgelegt. Wie ist Ihre Zwischenbilanz?

Ich kann den vielen ehrenamtlichen (und hauptamtlichen) Helferinnen und Helfern nur immer wieder meine tiefe Anerkennung aussprechen. Es ist wirklich enorm, was in den Städten und Dörfern unseres Erzbistums geleistet wird - oft ganz selbstverständlich. Die Anträge, die bei unserem Flüchtlingsfonds gestellt werden, spiegeln nur einen Ausschnitt dieses Engagements wider. Trotzdem ist vor wenigen Tagen bereits der 500. Antrag angekommen, und das in einem Zeitraum von nur anderthalb Jahren. Meine Zwischenbilanz fällt also grundsätzlich positiv aus - wobei das Wort „positiv“ bei diesem Thema nicht recht passen will. An den weltweiten Krisen, an den teilweise zum Himmel schreienden Zuständen, die Menschen in die Flucht treiben, hat sich schließlich bis heute nur wenig geändert. Angesichts des millionenfachen Leids fällt es schwer, von einer positiven Bilanz zu sprechen.

Martin Korte

Kommentare
27.03.2016
13:11
Paderborner Erzbischof Becker verurteilt Rassismus-Tendenzen
von SachkundigerBuerger | #4

Wenn der hochwürdigste Herr Bischof die Probleme "thematisieren" will, hilft das niemandem und die Probleme gehen immer weiter. Solche naiven Aussagen...
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Paderborner Erzbischof Becker verurteilt Rassismus-Tendenzen
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2016-03-25 23:00
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